Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

Der Berufsoptimist

Der WWF-Campaigner Patrick Hofstetter ist der wohl einflussreichste Experte in der Schweizer Klimadiskussion. Gleichzeitig ist er auch Teil der Schweizer Delegation an der Klimakonferenz, die diese Woche in Madrid stattfindet. Wie schafft er diesen Spagat?

Von Daniel SternMail an AutorIn (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Die Diskrepanz zwischen Denken und Handeln vieler Menschen ist ihm unbegreiflich: WWF-Campaigner Patrick Hofstetter mit Maskottchen.

Es ist ein alljährliches Ritual. Immer wenn eine Uno-Klimakonferenz naht, lädt Patrick Hofstetter die Medien zu einem Hintergrundgespräch ein. Hofstetter ist der Klimaexperte des World Wide Fund for Nature (WWF) und wird oft in den Medien zitiert. Man hört Hofstetter gerne zu, auch wenn er sich in Fahrt redet und detailliert aufschlüsselt, warum das, was in diesen Tagen in Madrid verhandelt wird, so wichtig ist (vgl. «Verhandeln, um zu handeln»). Nicht verwunderlich, dass er dabei seine vorgegebene Redezeit massiv überschreitet.

Hofstetter kam 2002 eher zufällig zum WWF. Er war eben aus den USA zurückgekehrt, wo er an der Harvard University Vorlesungen über industrielle Ökologie gehalten hatte. Eigentlich wollte er den Sommer geniessen und seinen eigenen unabhängigen Umweltthinktank auf die Beine stellen. Da kam die Anfrage aus dem zu jener Zeit arg zerstrittenen WWF, das Klima- und Energiedossier zu übernehmen. Er willigte unter der Bedingung ein, nur befristet für sechs Monate auszuhelfen.

Hofstetter blieb und machte den WWF zusammen mit seinem Team zu dem Schweizer Kompetenzzentrum in Sachen Klima und Energie. Wer als JournalistIn über die nationale wie internationale Klimapolitik schreibt, kommt um Hofstetter nicht herum. «Ich kann viel von dem ausleben, was ich damals wollte», sagt er im Gespräch in der neu renovierten WWF-Zentrale in Zürich.

Auch in der Politik wirkt Hofstetter im Hintergrund mit. So unterstützte er die StänderätInnen der Umweltkommission bei den Beratungen zum neuen CO2-Gesetz. Nachdem dieses im Nationalrat Schiffbruch erlitten hatte, gelang es der Kommission, eine mehrheitsfähige Vorlage zu zimmern, bei der diverse Vorschläge des Bundesrats sogar verschärft wurden. Die Schülerstreikbewegung hätte die Politikerinnen und Politiker aufgeschreckt, sagt Hofstetter, entsprechend hätten sie sich in die Materie eingearbeitet. «Sie stellten nun die wichtigen und guten Fragen.» Sein Know-how war gefragt, das bestätigt etwa Ständerat Damian Müller (FDP): «Er war sehr konstruktiv, ohne Scheuklappen.» Sein Amtskollege Roberto Zanetti (SP) sagt: «Patrick war eine echte Bereicherung.»

Verhandlungsmandat in Madrid

Jetzt ist das Gesetz zurück in der Nationalratskommission, wo KlimaspezialistInnen wie Roger Nordmann (SP) und Bastien Girod (Grüne) sitzen, Hofstetters Expertise ist weniger gefragt. Vielleicht auch deshalb hat die Kommission letzte Woche – einstimmig – beschlossen, den Kantonen mehr Zeit zur Senkung der CO2-Grenzwerte von Heizungen einzuräumen. Hofstetter schrieb in einem Communiqué: «Das ist das Gegenteil von dem, was wir von der Politik erwarten.»

In Madrid verhandelt Hofstetter faktisch im Auftrag des Bundesrats mit. Mit der Einbindung von NGOs, aber auch von Unternehmensverbänden ist die Schweizer Delegation eher eine Ausnahme. Der Ansatz entspricht dem hierzulande typischen Vorgehen, die Interessengruppen einzubinden.

Hofstetter sagt, dass er dank des Verhandlungsmandats an viel Wissen komme. Dass er dabei in einen Rollenkonflikt gerät, streitet er nicht ab. Er müsse in Madrid nicht nur die Interessen der Schweizer Delegation und des WWF unter einen Hut bringen, sondern auch die WWF-Klimakampagne in der Schweiz im Blick behalten und den Medien als Auskunftsperson dienen. «Da kommt man sich manchmal recht schizophren vor», sagt er. Zum Glück vertrete die Schweiz zu etwa achtzig Prozent die gleichen Positionen wie der WWF, bei den grossen Zielen sei man sich sogar weitgehend einig. Zudem spiele die Schweiz an den Verhandlungen oft die Rolle der Vermittlerin.

Hofstetter sitzt in Madrid im Auftrag der Schweiz in einer Verhandlungsgruppe, in der über die Auswirkungen von Klimaschutzmassnahmen verhandelt wird: Saudi-Arabien etwa will für den Rückgang seiner Erdölverkäufe entschädigt werden. Mittlerweile debattiert die Gruppe aber vor allem über die Diversifizierung der Wirtschaft und ihre Transformation. Dieser «Verhandlungsstrang» sei taktisch wichtig: Staaten, die einschneidendere Klimaschutzmassnahmen fordern, könnten mit Zugeständnissen ein Entgegenkommen in anderen Dossiers aushandeln.

Ein politisches «Super-Klimajahr»

Verliert er angesichts der endlosen Diskussionen nicht die Hoffnung? Gemäss dem jüngsten Bericht des Uno-Umweltprogramms sieht es nicht danach aus, als ob die Staatengemeinschaft den nötigen Wandel noch hinbekommt. Bis zum Ende des Jahrhunderts droht eine Erderwärmung von über drei Grad. Die Folgen wären katastrophal. Hofstetter verweist auf das nächste Jahr, das ein politisches «Super-Klimajahr» werden soll. Er hofft, dass die Staaten ihre Zusagen deutlich verschärfen. Wenn er nicht mehr an den Wandel glauben würde, sagt Hofstetter, so könnte er seinen Job nicht machen. «Als ausgebildeter Maschineningenieur sehe ich primär die Herausforderung, die es zu lösen gilt.»

So diplomatisch Hofstetter sich oft ausdrückt, so harsch kann der zweifache Familienvater das Klimaproblem auch auf den Punkt bringen. Gegenüber der NZZ sagte er kürzlich, dass jeder Flug, den jemand mache, das Leben eines anderen Menschen verkürze. Er steht weiterhin zu dieser Aussage: «Sie ist noch sehr nett formuliert. Der Zusammenhang ist ganz klar. Jede zusätzliche Tonne CO2 lässt die Klimaschäden steigen.» Das treffe auch etwa für Gas- und Ölheizungen zu, mit Benzin oder Diesel betriebene Fahrzeuge oder für den übermässigen Konsum tierischer Lebensmittel.

Für Patrick Hofstetter ist die Diskrepanz zwischen Denken und Handeln vieler Menschen unbegreiflich. Obwohl sie als Privatpersonen die Klimakrise als Bedrohung sehen würden, akzeptierten sie im Beruf viele angebliche ökonomische Sachzwänge, die nicht nachhaltig sind. «Würden wir in allen Lebensbereichen mehr Verantwortung übernehmen, käme die Transformation viel rascher voran.»

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