Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

Selbstzweifelnde Wahrheitsforscherin im Dienst der Uno

Burundi, New York, Den Haag – in ihrem neuen Roman erzählt Nora Bossong von modernen NomadInnen und stellt die Grundsatzfrage nach Sinn und Unsinn der modernen Entwicklungszusammenarbeit.

Von Ulrike Baureithel

Nora Bossong

Sie sind die Guten. Sie stehen im Dienst von Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung, stellen ihr Privatleben zurück und lassen sich an Orte schicken, wo Krieg, Völkermord und Chaos herrschen, als Blaue Engel der Vereinten Nationen, mit «Lösungen» im Gepäck. Eine internationale Klasse von Heimatlosen, der sich auch VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen und Wirtschaftsunternehmen zugesellen und die man «Expats» nennt, Expatriates. Was «blanker Zynismus» ist in einer Welt, «die aus Flüchtlingscamps und Vertriebenenbussen, aus fehlgeschlagenen Repatriierungsprogrammen, aus tatsächlich Staaten- und Heimatlosen besteht», wie Nora Bossong in ihrem Roman «Schutzzone» schreibt.

Die Versprechen Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung liefern die Mottos der zeitlich und geografisch weit aufgespannten Kapitel, die vom rheinischen Bonn in den achtziger Jahren bis in die Gegenwart in New York, Genf, Den Haag, Burundi und ein Lager im Südkongo reichen. Der schnelle Wechsel der Schauplätze erinnert dabei an überblendete Filmsequenzen.

Überzeugte Nichtsesshafte

Im Mittelpunkt des Romans steht Mira Weidner, Mitte der achtziger Jahre geboren. Sie soll als Uno-Beauftragte in dem vom Genozid – der Bürgerkrieg genannt wird – zerrissenen Burundi die Wahrheitskommission vorbereiten und ein paar Jahre später in der Schweiz die Friedensgespräche für Zypern. Ihre Gabe ist es, dass die Menschen ihr gegenüber mehr über sich preisgeben als das, was man gemeinhin von ihnen hören will. Mira ist eine der Nichtsesshaften, überzeugt davon, dass es sich im Neunwochentakt eines Uno-Einsatzes «nicht lohnt, irgendwo anzukommen». Ihrem Freund Wim, der in Berlin über den deutschen Kolonialismus in Deutsch-Südwest forscht, hat sie den Laufpass gegeben.

Bis sie im Februar 2017 in Genf im «Beau Rivage», einem von der Uno genutzten Luxushotel, ihren früheren, inzwischen verheirateten Gefährten Milan trifft, der einen Posten im Menschenrechtsrat hat. Die Begegnung, die sich zu einer Affäre entwickelt, ruft in Mira die richtungsweisenden Monate wach, die sie als Neunjährige in Milans Familie in der Nähe Bonns verbrachte, als ihre Eltern sich scheiden liessen. Milans Vater Darius, damals hoher Ministerialbeamter, wurde auf geheimnisvolle Weise in den Bürgerkrieg in Ruanda verwickelt, ein Ereignis, das noch immer bleiern über der Familie liegt und sie zerstört hat.

Diese wiederbelebten Kindheitserinnerungen und die nicht unterdrückbare Leidenschaft aktualisieren bei Mira die Zweifel, die sie gegenüber ihrer Arbeit und der «Mission» der Uno insgesamt hegt. «Wie ist ein Land wieder zum Laufen zu bringen, wenn kaum jemand, der etwas konnte oder zu können vorgab, unschuldig war?» Schon die Lebensweise der Friedensstifter und Wahrheitsforscherinnen, die nirgends dazugehören, stösst sie ab: «Man hockte nächtelang unter den Leuchtstoffröhren der Bars» oder in den Büros, wo die schwüle Luft «vom Ventilator schlapp aufgewirbelt» wird. Abends am von Einheimischen gut bewachten Pool geben sie sich einem Defätismus hin, den sie tagsüber pflichtschuldigst wieder vergessen. Manche versinken in Resignation, wie Sarah, mit der sich Mira in ein kurzes lesbisches Abenteuer stürzt und die mit einer Kühltasche voller Medikamente vergewaltigte Frauen vor einer HIV-Infektion bewahren will. Nur lassen diese sich nicht zwischen den Beinen untersuchen.

Noch mehr jedoch nervt es Mira, dass in der offiziellen Lesart die «Mission» immer schöngeredet und gerettet werden muss. Die Wirklichkeit begegnet ihr in ihrer Umgebung, insbesondere in den Lagern, wo Mira Kindersoldaten und Überlebende befragt. Und sie klingt selbst noch aus dem Mund des zynischen Warlords, mit dem sie vertrauliche Gespräche führt, angemessener als auf Papier: «Wollen Sie aus unserem Land eine Demokratie machen oder ein Genozid-Museum? Wollen Sie Politik oder Pädagogik? Sie werden gehen und hier nichts erreicht haben.»

Die eine Wahrheit

Dagegen steht die Doktrin: «Wir scheiterten nicht. Nicht in den Berichten. Niemals.» Der Wirklichkeitsverlust, den Mira schon in New York erlebt hat, wo sie durch die zufällige Begegnung mit ihrem späteren Chef Mitarbeiterin bei der Uno wird, wiederholt sich noch einmal in Burundi und im Südkongo: «Der Geruch in den Lagern war der von Folie und Schlamm. Von Feuer und Plastik. Von Staub und Zucker. (…) Es war der Geruch davon, dass es keine Heimat gab, obwohl die Heimat irgendwo liegen musste, man kam ja von dort, aber der alte Geruch war verschwunden und mit dem Geruch das Gefühl und mit dem Gefühl die Wirklichkeit.»

So muss die «Wahrheitsfinderin» erleben, dass es die eine Wahrheit, die sie aufgefordert ist zu ergründen, nicht gibt. «Das ist immer die Spannung zwischen verschiedenen subjektiven Wahrheiten, im Grossen und im Kleinen», erklärt Bossong, die für das Buch in Burundi und Ruanda recherchiert hat, in einem Interview. Die Wahrheitskommission in Burundi habe den Auftrag gehabt, den Überlebenden eine Stimme zu geben, doch: «Die eine Wahrheit hat den Nachteil, dass sie politisch instrumentalisierbar ist.»

Um diese Ambivalenzen geht es in «Schutzzone», nicht nur in Bezug auf die Länder, in denen Mira und ihre KollegInnen als «WeltretterInnen» auftreten, und im Hinblick auf die Mission, die sie vertreten – ihr Chef wird in Genf eine flammende Rede über Demokratisierung schreiben und am Ende über Burundi nur noch als Investitionsort reden –, sondern auch bis in die persönlichen Beziehungen hinein. Die Geschichte zwischen Mira und Milan zerbricht, der «Riss», den sie in den «feinen Stoff» seines Lebens gebracht hat, wirkt zerstörerisch, was zwischen ihnen bleibt, ist das Geheimnis.

Pfau im Genfer Garten

Die Parallelsetzung der äusseren Ereignisse – Miras Tätigkeit bei der Uno und im kriegsgeschüttelten Afrika – mit der Kindheits- und Liebesgeschichte mag ein wenig konstruiert erscheinen, und die vielen, kunstvoll verzahnten Zeitebenen sowie die verwickelt-langen Bossong-Sätze verlangen einige Aufmerksamkeit. Auch wirken manche Bilder wie das vom Pfau im Genfer Garten der Uno gelegentlich überdeterminiert. Im Kern jedoch handeln beide Geschichten von der Erinnerung, die entweder traumatisieren kann wie bei Darius und Milan oder etwas freisetzt: «Man glaubt eine Geschichte ja erst, wenn man sie jemand erzählt, dem man vertraut (…) und vielleicht handelte die Geschichte nur davon, dass man sich die Erinnerung teilt, das ist alles, nicht viel. Es ist bloss mehr als alles andere.»

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