Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Friss oder stirb?

Panik bei der «Republik»: Das Onlinemagazin erregt wieder einmal Aufsehen, diesmal mit einem Notruf. Das sorgt auch für Unmut. Wie steht es wirklich?

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Jetzt also eine Rakete: Die bildhafte Kommunikation des Onlinemagazins «Republik» ist kaum zu übertreffen. Da wurde die Redaktion mit einem Ozean verglichen, die Vernunft war ein zartes Pflänzchen – und nun also wird die «Republik» zur Rakete: «Um abzuheben, braucht sie Treibstoff», in der Luft zünden dann «weitere Brennstufen, damit die Rakete auf den richtigen Kurs kommt», und jetzt müsse die «Republik» einen «stabilen Orbit erreichen». So steht es im «Cockpit», auf das der «wichtigste Newsletter seit dem Start der ‹Republik›» verweist, der letzte Woche verschickt wurde. Darin ein dringender Appell: Wenn die «Republik» bis Ende März 2020 nicht 19 000 AbonnentInnen «an Bord» und zusätzlich 2,2 Millionen Franken aufgetrieben habe, werde man am 31. März allen Mitarbeitenden die Kündigung aussprechen. «Und danach das Unternehmen geordnet auflösen.»

Zwar ist es nicht der erste Hilferuf der «Republik» seit dem gloriosen Start 2017, doch der ultimative Ton überrascht – und verärgert auch AbonnentInnen. Die SP-Nationalrätin Min Li Marti spricht auf Twitter von einer «verunglückten Friss-oder-stirb-Kommunikation». Der stellvertretende Chefredaktor Oliver Fuchs verteidigt die Strategie: «Wir sind von der ‹Republik› so überzeugt, wie sie jetzt ist. Wenn wir einen weiteren grossen Einschnitt machen würden, wäre das nicht mehr die ‹Republik›, die wir machen wollen», erklärt er. «Ausserdem wollen wir auf keinen Fall in die Spirale des Abbaus kommen.»

Alljährliche Zitterpartie

Mit 8000 Franken Einheitslohn zahlt die «Republik» überdurchschnittlich gut für ein Medien-Start-up, aber eine Lohnsenkung ist offenbar keine Option: «Wegen dieser Löhne haben wir auch gute Leute hier», so Fuchs. «Und wir wollen diese Qualität beibehalten.» Auch Werbung zu schalten, ist kein Thema. Lieber setzt man auf InvestorInnen, auch wenn diese teils umstritten sind, wie Adrian Gasser, der neu gewonnene Millionär und Initiator der Justizinitiative. Dass die «Republik» ohne Werbung funktioniere, gehöre zur DNA, so Fuchs: «Wir wollen den Beweis erbringen, dass sich Journalismus ohne Werbung finanzieren kann. In dem Moment, in dem wir Werbung schalten würden, wäre unsere Grundthese gescheitert.»

Doch wie konnte es überhaupt zur aktuellen Situation kommen? Treibstoff für den Start der Rakete war ja mehr als genug da: Mit 15 500 AbonnentInnen, Beiträgen von InvestorInnen sowie Spenden kamen in kürzester Zeit über 7, 7 Millionen Franken zusammen – viel mehr als erwartet. Im Januar 2018 konnte das zu siebzig Prozent leserInnenfinanzierte Onlinemedium mit rund dreissig MitarbeiterInnen loslegen. Doch die Krux mit dem Crowdfunding ist, dass alle Abos gleichzeitig gelöst wurden. Immer zum Jahresende muss die «Republik» auf eine Massenerneuerung der Abos hoffen – eine jährliche Zitterpartie.

Sinnlos und unvernünftig?

Auf die Frage eines verärgerten Abonnenten vor ein paar Tagen, wie das Schiff nach dem unverhofften frühen Geldsegen in so kurzer Zeit habe derart teuer werden können, dass das Geld jetzt knapp werde, antwortete die Supportabteilung der «Republik» in einem Mail, das der WOZ vorliegt: «Der Kostenrahmen wurde nach dem Crowdfunding aus sinnlosem, unvernünftigem und unverantwortlichem Handeln nach oben angepasst. Uns ist bewusst, dass das ein grosser Fehler war.»

Sinnlos und unverantwortlich sei das Handeln nicht gewesen, widerspricht Oliver Fuchs – unvernünftig wohl schon. Man habe zu viele Ressourcen – und auch Nerven – verbraucht, weil es zu lange keine klaren Redaktionsstrukturen gegeben habe. Ausserdem habe man das Marketing vernachlässigt. An Letzterem wolle man nun kräftig arbeiten.

Und wie geht es weiter, wenn am 31. März das Geld beisammen ist? Hat die «Republik» eine nachhaltige Finanzstrategie für 2020, oder droht in ein paar Monaten der nächste «wichtigste Newsletter»? «Wenn wir diese Hürde schaffen, haben wir gute Chancen, das Unternehmen in eine tragfähige Zukunft zu führen», ist Fuchs überzeugt. Die Solidarität unter den LeserInnen ist jedenfalls gross: 24 Stunden nach dem Aufruf hatte die «Republik» rund 300 neue AbonnentInnen und nur 30 Kündigungen. Auch Min Li Marti hat ihr Abo erneuert. Ob die Rakete ihren Orbit finden wird, steht allerdings noch in den Sternen.

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