Nr. 28/2010 vom 15.07.2010

Um die Zelte herum wird wieder improvisiert

Ein halbes Jahr nach dem verheerenden Erdbeben gibt es im Land nur wenig Hoffnung auf Besserung. Milliarden an Hilfsgeldern wurden versprochen. Aber wer verteilt sie – und an wen?

Von Toni Keppeler, Port-au-Prince

Dany Exilus versucht zu lächeln, immer wieder. Es will ihr nicht richtig gelingen. Sie ist sechzehn Jahre alt und hat traurige Augen. Ihr linker Arm ist abgeschnitten, eine Handbreit über der Stelle, wo einmal ihr Ellbogen war. Die Wunde von der Amputation ist längst vernarbt.

Als am Nachmittag des 12. Januar in Haiti die Erde bebte, war Dany zu Hause in Delmas, einem Vorort von Port-au-Prince. «Das Haus schüttelte wie wild, und ich rannte los», erzählt sie. «Fast hätte ich es nach draussen geschafft.» Doch dann stürzte das Haus über ihr zusammen. Die NachbarInnen hatten sich gerettet. Dany konnte sie sehen, doch sie kam nicht weg. Ihr linker Arm war von einer umgestürzten Wand eingeklemmt worden. Und die NachbarInnen kamen nicht bis zu ihr, weil die dazwischenliegenden Trümmer zu schwer waren. «Jemand hat mir ein Messer zugeworfen, und ich habe den Arm abgeschnitten.» Sie erzählt das in kurzen und einfachen Sätzen, ohne erkennbare Regung. «Ich habe viel Blut verloren. Ich wurde ohnmächtig. Ich weiss nur noch: Ich habe den Arm abgeschnitten. Dann konnten sie mich herausziehen.» In einem Zeltkrankenhaus in der Nähe des Flughafens wurde sie später operiert.

«Ich wollte Tänzerin werden oder Sängerin», sagt sie. «Ich singe noch immer gerne. Und ich bin immer gerne zur Schule gegangen.» Ihre Schule ist eingestürzt. Und eine einarmige Tänzerin oder Sängerin, das kann sie sich selbst nicht vorstellen. «Es ist schrecklich», sagt ihr Vater. «Aber ich danke Gott, dass sie lebt. Viel zu viele sind gestorben.» Dany Exilus wohnt mit ihrer Familie in einem Zelt auf dem Gelände vor der Ruine des Präsidentenpalasts von Port-au-Prince. Die Ruine sieht noch fast so aus wie am Tag nach dem Beben. Nur ein bisschen Schutt wurde abtransportiert. Vom Rand des Platzes, wo lange Reihen von Bauklos stehen, kommt man über schmale Pfade zum Zelt der Familie. Es ist eingeklemmt zwischen weiteren Zelten.

Langsam baut Danys Vater die Unterkunft zur Hütte aus. Ein paar Balken und Planken aus Holz, ein Stück Wellblech fürs Dach. Auf den Strassen rund um das Gelände findet sich genügend Material. Noch immer räumen die Menschen Trümmer von ihren Grundstücken auf die Strasse, von Hand, mit der Schaufel, und manche haben auch eine Schubkarre. Dort liegt dann der Schutt und wartet darauf, dass ein Lastwagen der Stadtverwaltung vorbeikommt. Aber der kommt nie.

Weisse Flecken der Koordination

Entlang der wenigen freien Strassen sitzen Frauen mit riesigen Strohhüten in der stechenden Sonne, vor sich ein paar Mangos oder Avocados oder gebrauchte Schuhe. Kaum jemand kauft etwas. So war das auch schon vor dem Beben. Die Stadt ist wieder laut und lebendig geworden. Die Etappe der Nothilfe ist vorbei, aber der Wiederaufbau hat noch nicht begonnen. Haiti steckt in dem Loch dazwischen und richtet sich darin ein.

Natürlich konnte der Staat nicht sofort reagieren. Über 200 000 Tote in weniger als einer Minute und weit mehr als eine Million Obdachlose – das wäre auch für stärkere Staaten zu viel gewesen. Die schon vor dem Beben mehr als prekäre Infrastruktur Haitis ist im Wortsinn zusammengebrochen. Doch das ist Monate her. Inzwischen hat die Welt über fünf Milliarden US-Dollar für die ersten beiden Jahre nach dem Beben versprochen und fast noch einmal so viel für die Jahre danach. Das Geld soll in einen Treuhandfonds fliessen und dann von einer Kommission verwaltet werden, die je zur Hälfte aus HaitianerInnen und aus RepräsentantInnen von Hilfsorganisationen und Gebernationen besteht. Den Vorsitz haben der frühere US-Präsident Bill Clinton und der haitianische Premier Jean-Max Bellerive.

Es hat bis zum 17. Juni gedauert, bis sich die Kommission zum ersten Mal in Haiti getroffen hat. Und auch Monate nach dem Beben ist es staatlichen wie nichtstaatlichen Organisationen nicht klar, was sie eigentlich tun müssen, um dieses Geld für den Wiederaufbau einsetzen zu können. Entsprechend wenig ist ausgegeben worden.

Dabei wollte man diesmal verhindern, dass nach der Katastrophe Ähnliches passiert wie nach dem Tsunami Ende 2004 in Südostasien. Dort hatten sich HelferInnen an einem Ende einer Insel um die besten Projekte gestritten, am anderen Ende kam jedoch wochenlang keine Hilfe an. In Haiti hat das Büro der Uno für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) versucht, die verschiedenen Organisationen an einen Tisch zu bringen. Es wurden zwölf Projektgruppen zu Themen wie «Wasser», «Lebensmittel» oder «Sicherheit» gegründet, in denen die Arbeit sinnvoll und flächendeckend verteilt werden sollte. Das Problem: «Die Teilnahme ist freiwillig, und nicht alle machen mit», sagt Astrid Nissen von der deutschen Diakonie-Katastrophenhilfe. Dort, wo die Arbeit über OCHA koordiniert werde, gehe es ganz gut. «Aber wir wissen nicht, ob es nicht irgendwo weisse Flecken gibt, um die sich keiner kümmert.»

Standardprogramm Übergang

Die Regenzeit hat bereits begonnen, und viele Hilfsorganisationen, die nach dem Beben Zelte brachten, bauen nun Übergangsunterkünfte: meist einfache, knapp zwanzig Quadratmeter grosse Hütten aus einem Gerüst aus Holz, mit Wänden aus dicker Plastikplane und einem Dach aus Wellblech. Gegen Regen schützen solche Unterkünfte besser als ein Zelt. Aber drinnen ist es heiss wie in einem Backofen. Und niemand wagt, vorauszusagen, ob diese Unterkünfte einem Hurrikan standhalten. Doch solche Hütten gehören zum Standardprogramm bei Einsätzen nach einer Katastrophe: Erst Zelte, dann Übergangsunterkünfte und erst danach baut man Häuser. Und das, obwohl einfache und erdbebensichere Häuser kaum teurer sind als Übergangsunterkünfte.

Ausser dem Bau dieser im Entwicklungsjargon «T-Shelter» («T» steht für «transitional») genannten Behausungen geschieht nicht viel. Die Opposition macht Präsident René Préval für den Stillstand verantwortlich und hat auch schon erste kleine Demonstrationen organisiert. «Es wird mehr Demonstrationen geben», sagt Rony Smarth. «Es könnte zu einer Rebellion kommen.» Smarth war während der ersten Amtszeit von Préval zwischen 1996 und 2001 eine Zeit lang Premierminister. Heute steht er der Opposition nahe.

Ein Teil der Préval-GegnerInnen würde den Präsidenten am liebsten stürzen, um selbst ans Ruder zu kommen (vgl. «Haitis Elite» weiter unten). Haiti erwartet einen Geldsegen – und das weckt Begehrlichkeiten. Préval hat Anfang Mai den Ausnahmezustand um achtzehn Monate verlängert. Das gibt der Regierung die Möglichkeit, Staatsaufträge ohne öffentliche Ausschreibung zu vergeben. Smarth sieht da zwei Gefahren: «Es kann gut sein, dass die USA uns das Modell des Aufbaus im Irak aufzwingen.» Das würde bedeuten: «Die Clinton-Kommission vergibt die meisten Aufträge ohne grosse Prüfung an US-Firmen. So fliesst das Geld nach Haiti herein und gleich darauf wieder hinaus.» Oder die jeweilige Regierung nutze die schnelle Geldvergabe und bediene ihre eigene Klientel. Da wäre die Opposition gerne dabei.

Alles wie vorher

Doch Préval ist ein gewiefter Taktiker und hat die Präsidentschaftswahl, wie schon vor dem Beben vorgesehen, auf den 28. November festgelegt. Es ist aber unklar, wie er dies organisieren will. Auch ohne eine Katastrophe ist in Haiti in den vergangenen zwanzig Jahren rund die Hälfte aller Wahlgänge wegen organisatorischer Probleme verschoben worden. Die Opposition hält er damit allerdings im Zaum. Die hatte dem Präsidenten vorgeworfen, er wolle seine im Februar 2011 endende Amtszeit unter dem Vorwand des Erdbebens verlängern, um sich an den Hilfsgeldern gütlich zu halten. Weil sie selbst bei Wahlen aber nur wenig Chancen hat, verlangt sie den Rücktritt von Préval. Dann könnte man ohne Wahl eine Übergangsregierung mit Beteiligung der Opposition bilden.

Zumindest politisch ist Haiti also wieder zur Normalität zurückgekehrt: Eine kleine städtische Oberschicht, deren Parteien kaum Verankerung im Volk haben, streitet sich um die Geldtöpfe des Staats. Je mehr Geld nach Haiti fliesst, desto härter wird dieser Streit. Smarth erwartet «eine Zeit politischer Instabilität». Das wäre kein gutes Umfeld für eine Wahl, und schon gar nicht für den noch ausstehenden Wiederaufbau. Der Stillstand, sagt der Expremier, werde noch eine Weile anhalten. «Zeltstädte wird es in Haiti auch noch in drei oder fünf Jahren geben.»

Die Zeltstädte werden dann aber anders aussehen. Schon jetzt verändern sie sich täglich. Das Gelände vor dem Präsidentenpalast ist nicht mehr nur ein Notlager, in dem die Menschen darauf warten, versorgt zu werden. An den Rändern und überall, wo die Wege ein bisschen breiter sind, wird gearbeitet und Geld verdient. Es gibt kleine Läden, Coiffeur- und Lottostände, Garküchen und Handwerker, Aufladestationen für Mobiltelefone und selbst Kinos, in denen auf Grossbildschirmen Videos gezeigt werden. Die meisten HaitianerInnen haben schon vor dem Erdbeben nur dank ihrer Improvisationskunst überlebt. Jetzt improvisieren sie wieder.

Das Zelt, in dem Dany Exilus mit ihrer Familie lebt, ist mit Bretterwänden in drei Zimmer aufgeteilt. Die Zeltstangen wurden durch solide Balken ersetzt. Jetzt sucht der Vater nach mehr Wellblech fürs Dach. Irgendwann wird man nicht mehr erkennen, dass dies einmal ein Zelt war. In der Nachbarschaft stehen schon ein paar solche Hütten, mit Wänden aus Holz und richtigen Türen mit Schloss. Vor dem Erdbeben, als die Familie Exilus im Stadtteil Delmas wohnte, war ihr Haus aus Steinen gebaut. «Aber grösser war es nicht», sagt Dany. Auch dort gab es keine geteerten Strassen. Das Trinkwasser holte man in Eimern von der nächsten öffentlichen Wasserstelle. Das Abwasser stand stinkend in offenen Kanälen zwischen den Häusern. Genauso wie jetzt im Lager. Nur eine Schule gibt es noch nicht. «Ich würde gerne wieder in den Unterricht gehen», sagt Dany. «Ich kann ja noch schreiben, der rechte Arm ist noch dran.» Sie lächelt zum ersten Mal.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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