Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

War der Lockdown gar nicht so schlecht?

Für die beiden Sänger der Berner Band Jeans for Jesus hat Corona vieles offengelegt: wie fragil psychische Gesundheit sein kann, was Arbeit bedeutet – und dass sich ihre Band verändern sollte.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Demian Jakob (rechts): «Dort will ich nicht mehr hin. Es ist scheisse!»

WOZ: Michael Egger, Demian Jakob, was macht Sie glücklich?
Michael Egger: Mir fällt nur Triviales ein: Ferien! Ich war mit Freunden eine Weile weg, das hat mich glücklich gemacht. Lauter Dinge zu tun, die nicht verwertbar und nicht zielgerichtet sind. Bei uns sind die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit ja unheimlich schwimmend geworden durch diese Band. Und ich bin noch an der Dissertation, das heisst, alles, was ich mache, kann auf ein Ziel hinführen oder auch nicht. Ich kann aufstehen, ein Buch lesen, daraus kann ein Song entstehen … Es fägt, Sachen zu machen, mit denen ich sicher nie Geld verdiene. Ich treibe zum Beispiel seit einiger Zeit recht viel Sport, obwohl ich überhaupt nicht sportlich bin. Und ich spiele wieder Gitarre, aber ich spiele nie etwas für unsere Band.

Demian Jakob: Wenn ich Zeit mit Nicolas Rothenbühler verbringe, der für uns die Szenografie macht, gibt es auch oft ein schönes Element von Verschwendung: Zeit verschwenden, Gedanken verschwenden, aber auch Ressourcen, Geld, ein Feuerwerk ablassen – verschwenderisch sein fühlt sich gut an, weil man dabei so lebendig ist.

Aber ob irgendwann doch noch ein Song daraus wird, weiss man nie?
Egger: Das ist der Fluch, ja.

Jakob: Verschwenderisch sein ist auch sexy. Ich glaube, das ist ein Grund, warum die Rechten Kunst nicht verstehen: Sie ist nur Zeitverschwendung, das bringt doch gar nichts – wieso malst du jetzt ein Bild? Lass doch die Wand einfach weiss.

Egger: Stimmt, verschwenderisch sein war wirklich das Motto der letzten Monate. Nicht mehr überlegen, ob etwas produktiv einsetzbar ist.

Heisst das, der Lockdown war ganz angenehm?
Jakob: Für mich nicht – abgesehen davon, dass ich am Anfang des Lockdowns recht erleichtert war, bin ich in die grösste Depression meines Lebens gestürzt. Weil ich gemerkt habe, dass ich mich in den letzten Jahren immer damit beschäftigt habe, mich zu beschäftigen. Und weil alles, was mich antreibt und motiviert, nicht mehr stattfand, wurde es extrem schwierig für mich, gesund zu bleiben. Ich glaube, dass sich in Krisen viele Prozesse beschleunigen, darum habe ich meine Krankheit rückblickend auch als etwas Politisches empfunden. Es ist mir extrem wichtig, die Themen auf den Tisch zu bringen.

Welche Themen?
Jakob: Klima, psychische Gesundheit, in was für einer Welt wollen wir leben? Solche Fragen. Stattdessen gibt es so viel Bullshit-Talk – vorgestern musste ich auf Facebook, weil ein Video nur dort erhältlich war. Da schreiben Leute über Corona als Folge von 5G, als Verschwörung und Überwachung … Sag mal, Dude, du regst dich über Überwachung auf? Auf Facebook?!

Geht es Ihnen jetzt besser?
Jakob: Ich gehe jetzt in die Therapie, ja. Und man kann wieder raus und Leute treffen. Ich wurde eben im Lockdown auch noch grippemässig krank, wusste nicht, ob es Corona war, und ging in die Isolation. Fast einen Monat sah ich praktisch niemanden. Hinterher denkst du: Hey, das war doch alles gar nicht so ein Problem! Ich muss mich immer wieder ganz fest daran erinnern, dass ich wirklich zwei, drei Wochen flachlag, und bei jeder Anfrage von aussen war meine Antwort: Nein, mache ich sicher nicht, ich bringe mich jetzt dann eh gleich um. Ich weiss, dass ich es ernst nehmen muss. Das ist jetzt meine Aufgabe.

Egger: Du machst es auch megagut. Wirklich!

Jakob: Dort will ich nicht mehr hin. Es ist scheisse!

Egger: Der Lockdown hat die Bedeutung von dem, was wir machen, relativiert. Wir hatten gerade die Plattentaufe gespielt, alles drehte sich ums neue Jeans-for-Jesus-Album, und dann war es schon wieder vorbei. Wir merkten: Ob ein Konzert von uns stattfindet, ist gerade scheissegal. Dafür sind Themen an die Oberfläche gespült worden, die uns Linke schon seit Jahren beschäftigen: Dass Arbeiterinnen und Arbeiter einen anderen Stellenwert haben sollten, hat die Krise gleich am Anfang offengelegt, die Bedeutung der Pflegeberufe, Black Lives Matter. Es fühlt sich jetzt noch unangenehmer an, dass wir eine Band von vier weissen Dudes sind. Wir überlegen viel, was wir dazu beitragen können, damit wir nicht zu viel Platz wegnehmen. Denn effektiv nehmen die Jeans viel Platz und Aufmerksamkeit weg, die dann andere nicht bekommen.

Jakob: Eigentlich sollten wir diese Band verändern. Es ist ein Geschenk und ein grosses Glück, einen Namen zu haben, und ich würde daraus gern mehr machen, als vier Männer aus Bern auf die Bühne zu stellen. Vielleicht könnten wir ein Genre, eine Szene werden: offener, mit mehr Leuten. Ein Hafen und nicht eine Burg.

Demian Jakob und Michael Egger (beide 32) sind Sänger und Texter der Berner Band Jeans for Jesus. Beide leben inzwischen in Zürich. Die Band taufte ihr drittes Album, «19xx_2xxx_», Anfang März in der Berner Reitschule, wenige Tage vor dem Lockdown.

Für Menschen mit Suizidgedanken bietet zum Beispiel www.143.ch rund um die Uhr Hilfe zur Selbsthilfe an.

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