Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

Ist das Internet ein düsterer Ort?

Ohne Internet wäre eine Band wie Jeans for Jesus kaum denkbar – doch die Digitalisierung verschärft auch die Ungleichheit und macht manchmal sehr traurig, finden Demian Jakob und Michael Egger.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Und hier die ganze Band: Jeans for Jesus sind Marcel Kägi, Demian Jakob, Michael Egger und Philippe Gertsch.

WOZ: Michael Egger und Demian Jakob, das Internet scheint für Sie ein recht düsterer Ort zu sein – das merkt man in vielen Songs, aber auch im Booklet zum letzten Album, wo Sie aus dem Buch «Ich hasse dieses Internet» von Jarett Kobek zitieren oder einen Bezug zwischen App-Nutzung und psychischen Krankheiten herstellen. Warum so pessimistisch?
Michael Egger: Um die Jahrtausendwende hofften ja viele Linke, dass durch das Internet und die Digitalisierung Güter und Dienstleistungen entstehen, die den kapitalistischen Wert aushöhlen, und dass damit eine gesellschaftliche Transformation möglich wird. Aber ich bin zu jung und wohl auch zu wenig Nerd, um das genau nachvollziehen zu können. Ich teile diese Hoffnung nicht wirklich, ich sehe eher eine neofeudalistische Gesellschaft auf uns zukommen, was die Vermögensverteilung betrifft. Wenn man die Zahlen anschaut, wie sich die Digitalisierung auf die Verteilung des Kapitals auswirkt, sind die halt sehr eindeutig. Wenn wir die grossen Internetkonzerne nicht zerschlagen, halte ich alle progressiven Ideen für illusorisch. Ich sehe derzeit keine digitale Bewegung, die mir Hoffnung macht – trotz der vielen grossartigen Memes.

Wie gehen Sie selber mit dem Internet um?
Egger: Für mich persönlich waren Laptop und Smartphone eine krasse Befreiung. Ich war so einer, der nur mit einem Mäppli und einem Plastiksack in die Schule ging – ich wusste nicht, wo meine Schulsachen waren, verlor immer alles. Später stapelten sich Formulare, meine Notizen, Rechnungen und Steuererklärungen … Seit ich alles auf dem Handy habe, geht es mir mit der Organisation meines Lebens wirklich besser. Gleichzeitig bin ich total abhängig von Apps, bin manchmal vier Stunden pro Tag im Internet und scrolle durch Dinge, die mich eigentlich nicht interessieren, weil ich süchtig bin. Total traurig. In unserem Song «127.0.0.3» geht es um dieses Sich-Verscrollen: Acht Stunden am Handy, nachher bist du völlig leer.

Demian Jakob: Mir scheint, dass dieses digitale Zappeln Leute in unserem Alter fast am meisten betrifft. Ich kenne mehr Zwanzigjährige als Gleichaltrige, die noch nie ein Smartphone hatten und lustige Sachen sagen wie: «Ich will mich doch nicht verändern lassen.» Meine erste Reaktion war: Wieso, es hat mich doch nicht verändert! Aber dann merkte ich: Doch, ich bin überhaupt nicht mehr die Person, die ich vor dem Smartphone war.

Im Song «Babyboomsuperstar» singen Sie: «Du hesch üs ds Internet gä, wüus Atombombä git.»
Jakob: Das Internet entstand ja verbunden mit Hippie-Ideen – LSD, Bewusstseinserweiterung, die ganze Welt ist eins – und war gleichzeitig ein Produkt von CIA, Spionage, Militär, Star Wars … Die Hippies haben verloren, als Bill Gates und Steve Jobs kamen und sagten: Zahlt für unser Zeug.

Egger: Die Grundsätze dieser Firmen und die Utopien dieser Leute finde ich spannend – als wären sie immer noch auf LSD und Kokain gleichzeitig: die ideologische Vermischung von Hippietum, Technokratie und Neoliberalismus.

Bringen Internet und Digitalisierung Ihnen als Musiker mehr Vor- oder mehr Nachteile? Jeans for Jesus sind ja eine extrem digitale Band.
Egger: Für Leute wie uns ist es erst einmal ein Riesenvorteil – wir sind keine guten Handwerker, wir können ja gar keine Instrumente gut genug spielen.

Jakob: Ja, wir dachten, mit dem Computer können wir viel mehr machen, als wenn wir stundenlang Gitarre üben.

Egger: Gleichzeitig ist die Entwicklung aber auch negativ: Wie gehst du mit Informationen um, wenn du keine Gatekeeper mehr hast? Als wir anfingen, funktionierte das alte Spiel noch: Wenn du etwas Interessantes machst, schreiben die Medien darüber, und dann hörens die Leute. Heute zersplittert alles in Sub-Subkulturen – das ist nicht nur spannend, denn da gibt es auch weniger Reibung.

Wie sieht es ökonomisch aus?
Egger: Früher konntest du als mittelgrosse Schweizer Band mit Konzerten und CDs genug verdienen, um einigermassen durchzukommen. Heute müsstest du eine Million Streams haben, um 5000 Franken zu verdienen … Auch deshalb geht die Tendenz total Richtung Einzel-Artists, die am Computer gezielt markttaugliche Musik machen.

Jakob: Ich beneide diese Künstler-Ich-AGs überhaupt nicht. Ich bin immer noch sehr davon überzeugt, im Kollektiv zu arbeiten.

Egger: Vielleicht sollten wir lieber über neue Finanzierungsmodelle nachdenken, statt uns zu beklagen. Denkbar wäre ein Abosystem, ähnlich wie bei Zeitungen …

Jakob: … oder ein eigener Streamingdienst?

Egger: Wir müssen vor allem noch viel mehr live spielen, auch an kleinen Orten und ausserhalb der Deutschschweiz. Unser Freund Greis hat sieben Songs des letzten Albums auf Französisch übersetzt, und einige nehmen wir auch auf Hochdeutsch auf.

Jakob: Was können wir dem Digitalen entgegenhalten? Diesen vermeintlichen Nachteil umdrehen und unsere trägen Körper als Prinzip der Anwesenheit hochhalten. Denn das ist der Unterschied zwischen mir im Internet und mir hier: dass ich hier an einem Ort bin.

Demian Jakob und Michael Egger (beide 32) sind Sänger der Berner Band Jeans for Jesus, die im September einen neuen Song veröffentlicht.

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