Nr. 09/2014 vom 27.02.2014

Klaustrophobische Schweiz

Von Kaspar Surber

Auf dem Debüt von Jeans for Jesus findet sich ein lustiges kleines Hörspiel. Ein Radioreporter fragt darin eine Songwriterin: «Was ist das, was du machst?» Sie antwortet: «Musik. Ich mache schöne Musik für mich, und wenns den anderen gefällt, dann bin ich umso glücklicher.» Jeans for Jesus machen auch Musik. Aber die will nicht berühren, sondern geht von Anfang an auf Distanz. Synthieklänge und Gitarrenschleifen erklingen, und eine scheppernde elektronische Stimme erklärt, dass die Liebe nur eine Situation sei. So wie im Sommerhit «Estavayeah»: Ein Paar kann sich nicht aufraffen, auf den Zeltplatz zu fahren, draussen sei es schliesslich auch nicht besser. «Aui grinse gschisse u d sunne brätschet. U d ching hocke’n im outo und schrisse’n ä lätsch.»

Cooler kam schon lange keine Popplatte aus der Schweiz mehr daher: cool der Sound, der Name, die Fotos. Statt ihre Gesichter zu zeigen, blitzen einem Michael Egger, Philippe Gertsch, Demian Jakob und Marcel Kägi mit ihren Smartphones entgegen. Doch bevor man das «Hipster»-Schimpfwort anführen kann: Künstlerische Distanz statt wohlmeinender Harmonie gewinnt eben. Das Album von Jeans for Jesus wächst sich aus zu einem klaustrophoben Gegenwartsbeschrieb der Schweiz. Am Fernsehen die Nachrichten des Lieblingsmilliardärs zu schauen oder im Bad die Spiegelung des Lavabos zu betrachten, macht für Jeans for Jesus keinen Unterschied. Und keine Ausflucht, nirgendwo: Wer weggeht, tut es doch nur, um mit dem Beweis zurückzukehren, gelebt zu haben, heisst es im Song «L.  A.».

Selbstverständlich wurden Jeans for Jesus gleich in die Tradition des Berner Mundartrocks gestellt, und sie leisteten der Einordnung selbst Vorschub, mit einem Züri-West-Cover von «Toucher». Aber viel eher knüpfen sie an eine Spur an, die sich irgendwo bei Frostschutz oder Eugen verloren hat: an eine mal dadaistische, mal lakonische Beschreibung der Gesellschaft, oder wie es in einer Songzeile heisst: «d schwyz isch wy d bärner zytig. boulevard doch nid witzig.» Manchmal muss man wohl auch sagen, dass die Stimmung im Keller ist, damit sich etwas ändert. Mit ihrem desillusionierten Album stimmen Jeans for Jesus merkwürdig aufrührerisch.

Plattentaufe am Donnerstag, 27. Februar 2014, in der Rössli-Bar der Reitschule Bern.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Klaustrophobische Schweiz aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr