Nr. 07/2020 vom 13.02.2020

Achtung, die lesen Marx!

Zu ideologisch hier, zu nett dort: Wie sich die Schweizer Medien ihre ParteipräsidentInnen basteln.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Diese Woche wurde es Mattea Meyer zu viel. In der Zeitung «P.S.» wehrte sich die Kandidatin für das SP-Präsidium gegen das Bild, das öffentlich von ihr gezeichnet werde: «Eine junge linke Frau ohne Ahnung. Direkt vom Hörsaal in den Ratssaal. Noch nie gearbeitet. Keine Firma geleitet, keinen Arbeitsplatz geschaffen. Eine Berufspolitikerin, die nicht weiss, was die arbeitenden Menschen beschäftigt. Ideologisch, marxistisch. Fundamentalistisch. Nicht kompromissbereit und kompromissfähig. Keine Spuren hinterlassen. Ein Anhängsel von Cédric Wermuth. Im Schatten eines Mannes.» Dieses Bild gehe nicht spurlos an ihr vorbei, schreibt Meyer im Beitrag. Es wirke, als ob sie nichts Positives geleistet habe.

Hat Meyer recht? Leider ja. Zwar wurde sie in einigen Interviews, ob im «Tages-Anzeiger», der «Republik» oder der WOZ, zu ihren politischen Positionen befragt. Doch sonst verzichtet selten ein Kommentar über sie und ihren Mitkandidaten Cédric Wermuth darauf, die beiden als ideologisch abzuqualifizieren. So fragte sich etwa die NZZ, ob es gut für das Land wäre, «wenn die Regierungspartei SP von Sozialisten mit marxistischen Neigungen und nicht mehr von Sozialdemokraten geführt würde». Und auch der Kommentator des öffentlich-rechtlichen SRF wusste: Die beiden fordern «einen stark ideologisch, um nicht zu sagen: marxistisch geprägten ‹linken Aufbruch› für die Sozialdemokraten».

Keine «normalen Bürger»

Die Zuschreibungen folgen dabei der klassischen Rollenteilung. Bei Meyer ist stets Thema, wie sie ihr Kind erzieht, wo der Partner arbeitet und ob sie dem Amt überhaupt gewachsen wäre. Wermuth wiederum erscheint wahlweise als politischer Drahtzieher oder abgehobener Weltverbesserer. «Sein Markenzeichen ist Radau, nicht Integration. Seine Lebenswelt ist die des studierten Politologen, nicht die der normalen Bürger», warnte der «Blick»-Chefredaktor. Man mag dies oder das über Wermuth denken: Aber vom mächtigsten Boulevardblatt des Landes als nicht ganz normal tituliert zu werden, muss einer auch erst einmal aushalten.

Nun stellt sich natürlich die Frage, welchem Zweck genau das Wort «ideologisch» dient. Meist wird es in einer Diskussion dazu verwendet, etwas pauschal abzutun, um sich nicht vertieft damit auseinandersetzen zu müssen. Das Wort sagt also weit mehr über die Personen aus, die es verwenden, als über jene, die damit bezeichnet werden. Um deshalb den Spiess umzudrehen: Was bloss stört all die Kommentatoren – Frauen sind keine darunter – an Meyer und Wermuth? Oder ein bisschen modischer gefragt: Was bloss triggert sie dauernd?

Es darf in der Schweiz offenbar nicht sein, dass PolitikerInnen nicht nur auf eine kleinräumige Verbesserung ihrer Wahlanteile zielen, sondern grundsätzliche Fragen stellen. Und dazu auch ein paar Bücher gelesen haben, um ein inhaltliches Konzept zu erarbeiten. Oder sogar ein Buch schreiben. Wermuth gilt ja deshalb als Marxist, weil er sich einmal in einem Buchbeitrag mit Marx beschäftigt hat, bekanntlich einem der prägenden Denker des 19. Jahrhunderts.

Poltern dürfen nur Rechte

Letztlich steht hinter dem Ressentiment, das Meyer und Wermuth entgegenschlägt, bloss die tief verankerte helvetische Antiintellektualität. Zwar hat die Linke noch immer davon gelebt, dass sich ihre Mitglieder lesend über die Welt schlaugemacht und sich gemeinsam weitergebildet haben. Von den SP-PräsidentInnen wird in den meisten Medien dennoch erwartet, dass sie vor allem für den Ausflug an die Schweizer Familienfeuerstelle geeignet sind: gemütlich, konziliant, sprücheklopfend.

Umso bemerkenswerter ist die zeitgleiche Diskussion über das künftige Parteipräsidium der SVP. Dem Ideologen auf der linken Seite entspricht der Hardliner auf der Rechten, bloss dass dieser in den Kommentaren mehr als erwünscht ist. Sollen die SPlerInnen immer schön pragmatisch sein, dürfen die SVPler bloss nicht so nett sein, wie es Albert Rösti war. Der neue Chef müsse idealerweise «zwischendurch auch richtig poltern können», schreibt etwa die NZZ.

Es erzählt einiges über die Schweiz, dass hier nur die Rechten auf Grundsätze pochen dürfen. Man kann wirklich froh sein, wählt der SP-Parteitag das neue Präsidium – und nicht die vereinigte Chefredaktorenkonferenz.

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