Nr. 07/2020 vom 13.02.2020

Robocop im Datenschlamm

Mit den Augen der Maschine: Im Roman von Emma Braslavsky lernt eine Roboterfrau im Polizeidienst, was es heisst, Mensch zu sein.

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Ihr Akku war fast leer.» Den Satz kennen wir, aber im neuen Roman von Emma Braslavsky ist das ganz wörtlich zu verstehen. Die Protagonistin selber ist hier das Gerät, das sich aufladen muss. «Sie war herzlos und hochempfindlich, aber frei», so wird die Hauptfigur eingeführt: Roberta, ein Android im Dienst der Polizei.

«Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten» ist in einem Berlin der Zukunft angesiedelt. Und so, wie die Autorin diese Welt konstruiert, kommt man sich vor wie in einer feministischen Replik auf «Blade Runner», angereichert mit den Einsichten einer Eva Illouz zur Liebe im neoliberalen Zeitalter. Es gibt hier personalisierte Androiden für jedes erdenkliche Beziehungsmodell zu kaufen, jede Ausstattung genau auf persönliche Bedürfnisse abgestimmt. Berlin ist so zur «Hauptstadt der neuen Liebe» geworden: «Wer heute noch einsam und todunglücklich herumlief, war selbst schuld.»

Der Robocop Roberta nun ist ein Pilotversuch mit einem nicht sehr erfreulichem Spezialauftrag. In der neuen Stadt der Liebe hat sich die Suizidrate verzehnfacht, Roberta soll jetzt die Angehörigen der Toten ausfindig machen, damit die Kosten für die Bestattung nicht den Staatshaushalt belasten. Bei ihren Ermittlungen läuft Roberta immer häufiger bei den Ämtern auf, und in der zweiten Hälfte dreht der Roman etwas leer als Satire über die deutsche Bürokratie, die in diesem futuristischen Berlin irgendwo im Zeitalter amtlicher Urkunden auf Papier hängen geblieben ist. Aufregend ist dieses Grossstadtmärchen aus der Zukunft immer dort, wo Braslavsky ihre Welt durch das Bewusstsein des Androiden sprachlich aufschlüsselt. Und da zeigt sich, dass uns die menschliche Maschine Roberta oft dort am nächsten kommt, wo ihr die eigene Beschränktheit bewusst wird.

Das hat seine tragikomische Seite, wenn es um sinnliche Wahrnehmungen und einfache organische Funktionen geht. Sinnestechnisch ist dieser Robocop ja ziemlich behindert. Roberta kann Kaffee zwar trinken, aber der läuft dann unverdaut wieder in die Kloschüssel raus. Und wenn es ums Essen geht, irren ihre Suchanfragen im Kreis und enden in der Ratlosigkeit eines traurigen Kalauers: «Denn ihr Magen, den sie nicht hatte, knurrte nicht.» Als sie dann doch einen deutschen Hackbraten probiert, wird ihr Bewusstsein mit Informationen über Zutaten und deren Zusammensetzung und Herkunft abgespeist, und der Braten zerfällt in ein «biochemisches Strukturwerk».

Weil Roberta aber nicht bloss «empfindungsloser Elektronikschrott» sein will, brezelt sie sich gleich zu Beginn für eine Party auf, wo sie sich dann vom erstbesten Kerl bedrängen lässt. Szenen wie diese hat sie milliardenfach in ihrem Speicher, als beispielhaftes menschliches Verhalten. Und in ihrem Bestreben, als Mensch durchzugehen, imitiert sie dieses Muster und zieht den Mann für dessen schnelle Befriedigung auf die Toilette. Aber Sex, das sind für Roberta auch bloss «Kaskaden von rhythmisch wiederkehrenden Daten», die ihren sensorischen Apparat überfluten. Sie tut einem leid, wie sie danach in der Kabine kniet, «im Datenschlamm dieser gescheiterten sinnlichen Erfahrung». Wobei das sehr menschlich klingt, dieses erste Mal.

Und was ist mit den Todesfällen? Emma Braslavsky macht keinerlei Anstalten, der Welle von Selbsttötungen auf den Grund zu gehen. Sie sind das Mysterium, das in diesem Roman gar keiner Erklärung bedarf. In einer Welt, wo man sein privates Liebesglück von Maschinen exakt so geliefert bekommt, wie man sich das wünscht, bleibt einem womöglich nichts anderes übrig, als sich umzubringen.

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