Nr. 07/2020 vom 13.02.2020

Vinylonomie – Vinylomanie?

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

«Publish or perish» – salopp übersetzt: Publizier oder stirb. Eine Forderung, die Forschende wie Hamster im Rad vor sich hertreibt. Für alle Verzagten an dieser Stelle deshalb der Hinweis auf einen Ökonomen, der das Rezept für erfolgreiches wissenschaftliches Publizieren raus hat. Man nehme erstens ein Forschungsfeld, für das man selber brennt – im Fall von H. S., so mutmassen wir: die eigene Schallplattensammlung. Sodann mache man seine persönliche Leidenschaft für ein breites Publikum interessant – die grosse Community der Jäger und Sammlerinnen rarer Pressungen beisst garantiert an. Zumal wenn die Forschungsfrage entsprechend formuliert ist: Was bestimmt den Wert eines Albums, und wie krieg ich auf Onlineplattformen den höchsten Preis dafür? Anschliessend gilt es, die Suche nach Antworten als grosse Herausforderung darzustellen – Leitmotiv: bitte recht kompliziert. Her also mit all den komplexen Formelgebilden (im vorliegenden Fall eine sogenannte Regressionsanalyse), deren Resultate sich in schön geschwungenen oder kräftig ausschlagenden Fieberkurven veranschaulichen lassen. Das Ganze noch mit einem knackigen Titel verpackt («Pricing the Groove») – und fertig ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum meistzitierten Wissenschaftler.

Bloss das mit dem Erkenntnisgewinn ist dann so eine Sache. H. S. fand unter anderem heraus: «Je geringer die Stückzahlen der Platten sind und je populärer die oder der Künstler, desto eher ist ein Preisanstieg zu erwarten.» Aber aufgepasst, «nur bei entsprechender Nachfrage». Und natürlich gibts Abzug, wenn Platte und Cover nicht in perfektem Zustand sind. Auch die Motive der PlattenbörsenspekulantInnen hat H. S. ergründet. Da ist dieses «sich an der Musik erfreuen», diese «Befriedigung der Sammelleidenschaft», die «bessere Positionierung in der Community». Und natürlich: die Schallplatte «als spekulative Anlage» – weil «generell gilt, dass die Preise steigen».

Es scheint, als habe der Autor seine Studie bislang einzig auf Researchgate publiziert, einer Art wissenschaftlichen Dating-, Pardon, Networkplattform.

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