Nr. 08/2020 vom 20.02.2020

Bildet Reisen?

Bettina Dyttrich fährt übers Schwarze Meer und zweifelt

Von Bettina Dyttrich

Einmal in der Woche legt die Fähre ab in Burgas, Bulgarien. Sie braucht zwei Tage und drei Nächte nach Batumi, Georgien. Beliebt ist sie bei georgischen Lastwagenfahrern, die so die langwierigen Grenzstaus auf beiden Seiten der Türkei vermeiden können. Sie transportieren georgische Haselnüsse, europäische Altautos, manchmal auch lebende Schweine, geht das Gerücht. Mit Fünf-Liter-PET-Flaschen voll hausgemachtem Wein besteigen sie das Schiff und beginnen sofort ein Gelage. Auch ein paar TouristInnen nehmen die Fähre: ein Schweizer Paar, das mit dem Velo quer durch den Balkan gefahren ist, eine Norddeutsche mit Töff, eine Bayerin mit Auto und Hund. Als TouristInnen, so stellt sich bald heraus, sehen sie sich natürlich nicht. Sie verachten den Massentourismus, wollen an Orte, wo noch niemand ist. Dadurch erschliessen sie immer neue Ecken für die, die nach ihnen kommen. Das alte Lonely-Planet-Paradox.

Seit Kurt Cobains Tod bin ich nicht mehr geflogen. 1999 war ich mit dem Zug in Sibirien. Alle zwanzig Jahre eine lange Reise, das liegt drin, oder? Aber auch ohne Flugzeug entkomme ich den Widersprüchen nicht. Ich verstehe, dass meine Mitreisenden den Massentourismus ablehnen. Genauso absurd finde ich aber diese masslose Glorifizierung des Reisens.

In Batumi bin ich erst einmal überfordert von der fremden Schrift, dem feuchtheissen Klima, den Hochhäusern im Dubaistil und dem gnadenlosen Verkehr. Ich weiss: Viele suchen beim Reisen genau diese Überforderung. Sie kann die Erfahrung besonders intensiv machen – aber sie ist auch eine Art Konsum. Und sie überdeckt die Tatsache, dass Rucksacktourismus Arbeit ist. Dieses dauernde Beschaffen von Informationen über Unterkünfte, Essen, Verkehrsmittel und sogenannte Sehenswürdigkeiten ist verdammt anstrengend, trotz Google Maps. Und bin ich als Rucksacktouristin wirklich «näher dran am Alltag»? Auch wenns jetzt Eigenwerbung ist: Am meisten über andere Orte gelernt habe ich vermutlich auf WOZ-Reisen – weil die Kontakte zu den Einheimischen schon organisiert waren. Als Rucksacktouristin in Georgien stolpere ich zwar auf lokalen Märkten herum und verstopfe mit meinem Gepäck die öffentlichen Kleinbusse. Aber was lerne ich wirklich? Und was richte ich an, allein durch meine Präsenz in Bergdörfern, in denen gerade alle B&Bs eröffnen und um Gäste kämpfen? Welche Abhängigkeiten erzeugt der georgische Tourismusboom? Es gelingt mir nicht, diese Fragen auszublenden, auch wenn die Landschaft immer wieder wunderschön, das Essen grossartig, die Leute nett sind.

Da hat es die Bayerin mit dem Hund wohl einfacher. Sie hat offensichtlich keine Ahnung, aber auch keine Angst, und freundet sich gleich mit den trinkenden Lastwagenfahrern an. Als am dritten Tag der Überfahrt die postmoderne Skyline von Batumi aus den dunklen Regenwolken auftaucht, steht sie verblüfft am Fenster: «Ich dachte, hier gibts Holzhütten?»

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin. Die Alpen sind weiterhin ihr Lieblingsgebirge.

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