Nr. 09/2020 vom 27.02.2020

Solidarität statt Egotrip

Es gibt kein Richtig oder Falsch in Sachen Sex: Diese Message vermittelt die britische Serie «Sex Education» auf höchst vergnügliche Weise – und ist dabei alles andere als pädagogisierend.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Ein florierendes Geschäft: Otis (rechts) und Maeve (Mitte) bieten Sexualberatung für ihre überforderten SchulkameradInnen an. Foto: Sam Taylor, Netflix

Da sitzen sie und schauen sich genervt an: Die sechs jungen Frauen wurden zu einer Strafaufgabe verknurrt. Sie müssen eine Präsentation machen über das, was sie als Frauen miteinander verbindet, dabei sind sie sauer aufeinander. «Eine von euch oder alle wollten eine Frau fertigmachen», sagt die junge Lehrerin Miss Sands und blickt streng in die Runde, «also macht euch Gedanken darüber, was ihr gemeinsam habt.» Dann rauscht sie wütend ab – denn die Betroffene ist sie selber. «Miss Sands likes dirty-talk» hat jemand mit pinkem Lippenstift in Grossbuchstaben auf den Spiegel der Mädchenumkleidekabine geschrieben. Die sechs Bestraften sind die Hauptverdächtigen, auch wenn sie jede Täterinnenschaft abstreiten.

Schamhaare, Abtreibung, Fetisch

Miteinander statt gegeneinander, Solidarität statt Egotrip – die Strafe ist exemplarisch für die britische Netflix-Serie «Sex Education», deren zweite Staffel Mitte Januar online ging. Im Zentrum steht Otis, der Teenagersohn einer alleinerziehenden Sexualtherapeutin. Mit der eigenen Sexualität total überfordert – er schafft es nicht zu onanieren (zumindest in der ersten Staffel) und ist noch immer Jungfrau –, weiss er in der Theorie in Sachen Sex über alles Bescheid. Dass man dieses Wissen an der Schule ökonomisch verwerten kann, merkt Maeve. Die unnahbar und sexy auftretende Aussenseiterin lebt allein in einer Wohnwagensiedlung und steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Mit dem altklugen Otis zieht sie ein Geschäft auf: Otis berät die in Sachen Sex überforderten SchulkameradInnen, Maeve kümmert sich um Termine und Buchhaltung. Das Geschäft floriert, denn Otis macht seinen Job höchst kompetent. Nicht zuletzt, weil er dabei stets vermittelt: Es gibt kein Richtig oder Falsch in Sachen Sex, solange es für dich und deine PartnerInnen stimmt.

Egal ob es um Schamhaare, Abtreibung, Selbstbefriedigung, Fetisch oder Dirty Talk geht: Wie es Drehbuchautorin Laurie Nunn gelingt, diese Message ganz ohne Pädagogisieren, dafür mit witzigen Dialogen und viel Leichtigkeit rüberzubringen, ist nur eine der grossen Stärken dieser Serie. Nebenbei streift Nunn auch Themen wie soziale Ungleichheit oder kulturelle und religiöse Diversität. Sie traut ihren Figuren viel zu und lässt sie während der Serie grosse Entwicklungen durchmachen. Das bleibt nicht zuletzt deshalb glaubhaft, weil sie ihre Figuren ernst nimmt und sich auch in den absurdesten und peinlichsten Situationen nicht über sie lustig macht. Und natürlich liegt es am hochkarätigen Schauspielensemble, allen voran an Asa Butterfield als liebenswerter Schlaks Otis Milburn, der mit seiner gestreiften, unförmigen Windjacke und seinem braunen Stoffrucksack irgendwie aus der Zeit gefallen scheint. Oder an Emma Mackey als undurchschaubare Maeve, die für Otis langsam mehr als nur geschäftliche Interessen entwickelt. Obwohl auch er sich zu ihr hingezogen fühlt, bleibt es kompliziert – wie das eben so ist im hormongesteuerten Leben von Teenagern.

Und dann ist da die unglaubliche Gillian Anderson: Bekannt aus «Akte X», brilliert die US-amerikanische Schauspielerin als Otis’ Mutter Dr. Jean Milburn. Sie gibt sich offen und unverklemmt, ihr grosses Haus, in dem sie auch Sextherapien durchführt, ist mit kunstvoll geschnitzten Penissen und Vaginakunstwerken dekoriert. Doch im Grunde ist sie ein total übergriffiger Kontrollfreak: Sie sucht Otis’ Bettlaken nach Spermaspuren ab, will ein Buch über das verknorzte Sexleben ihres Sohnes schreiben, in der zweiten Staffel mischelt sie gar an der Schule mit und konkurrenziert die Sexberatung ihres Sohnes. Wie Anderson als eigenwillige Jean in eng anliegenden Jumpsuits durch die Gegend stakst, mit beherrschten mimischen Zuckungen, hinter denen es zu brodeln scheint – man könnte ihr ewig zuschauen.

Ausserdem wartet «Sex Education» mit einem grandiosen Soundtrack auf, für den der 32-jährige Musiker Ezra Furman verantwortlich zeichnet: ein Mix aus eigenen Liedern und Songs von Beth Ditto, The Smiths, Talking Heads, A-ha, Billy Idol, Air, The Velvet Underground oder Dusty Springfield. So bietet die Serie nicht nur genialen Aufklärungsunterricht, sondern vermittelt auch Musikgeschichte.

Übergriff im Bus

Am Ende finden die Mädchen übrigens heraus, was sie als Frauen miteinander verbindet: unerwünschte Penisse. Aimee bricht plötzlich in Tränen aus – vor kurzem hat im Bus ein Mann auf sie onaniert. «Ich fühlte mich immer sicher bisher und jetzt nicht mehr», erzählt sie, auch Bus fahren könne sie seither nicht mehr. Da beginnen die anderen von ihren Erlebnissen zu erzählen. Jede hat einen Übergriff erlebt. «Als wären wir öffentliches Eigentum», räsonieren sie, und dann würde einem noch die Schuld in die Schuhe geschoben und gesagt, frau müsse sich halt anders anziehen, damit so etwas nicht passiere. «Warum müssen wir unser Verhalten ändern, nur wegen denen?»

Am nächsten Morgen stehen alle sechs Mädchen an der Busstation, nehmen Aimee in die Mitte und steigen gemeinsam in den Bus ein. Hier ist sie wieder, die Solidarität, von der «Sex Education» so wunderbar erzählt.

Die erste und die zweite Staffel von «Sex Education» sind auf Netflix zu sehen.

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