Nr. 09/2020 vom 27.02.2020

Sanders als Rache der Jungen

Der Siegeszug von 78-Jährigen hält an – auch dank der Unterstützung der Millennials. Ihrem Alterskollegen Pete Buttigieg hingegen trauen die jungen WählerInnen kaum. Warum eigentlich?

Von Lukas Hermsmeier

Bernie Sanders Foto: Gage Skidmore

Manchmal dauert es ein paar Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte, bis ein Begriff seine Sinnhaftigkeit entwickelt. «Millennials» zum Beispiel, ein Wort, das Ende der achtziger Jahre aufkam und schon bald für eine Generation stehen sollte, die verwöhnt, konsumfixiert und träumerisch sei, wie es fortan in vielen Artikeln und Büchern hiess. Eine Generation, die sich über Selfies und Avocadotoasts definiere, oder wie das US-Magazin «Time» 2013 in seiner Titelgeschichte über die Menschen, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden, schrieb: «The Me Me Me Generation».

Der Diskurs hat sich in den vergangenen Jahren zum Glück weiterentwickelt, und wer heute noch versucht, diese Generation alleine durch irgendwelche Apps, vermeintliche Charaktereigenschaften oder Essensvorlieben zu erklären, zeigt vor allem ein Desinteresse an politischer und wirtschaftlicher Analyse. Die US-Präsidentschaftswahl in diesem Jahr dürfte nämlich just von den Millennials geprägt werden – allerdings anders, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Es gibt genau einen Präsidentschaftskandidaten, der aus der besagten Generation kommt. Und es gibt genau einen Kandidaten, der die spezifischen Bedingungen und Probleme der Millennials ernst nimmt. Es ist nicht dieselbe Person.

An der Weggabelung

Der eine, das ist der 38-jährige Pete Buttigieg, ehemaliger Bürgermeister von South Bend, Indiana, der innerhalb eines Jahres vom absoluten Aussenseiter zu einem der sechs SpitzenbewerberInnen avanciert ist. Sollte Buttigieg das grosse Kunststück gelingen, erst die Vorwahlen der DemokratInnen und dann im November auch gegen Donald Trump zu gewinnen, wäre er der jüngste US-Präsident aller Zeiten.

Alleine die Aussicht auf einen Millennial im Weissen Haus, könnte man denken, ist ein Sieg jener Generation. Doch es ist ausgerechnet der älteste aller KandidatInnen, der 78-jährige Bernie Sanders – wie seine zwei Mitstreiter Joe Biden und Michael Bloomberg während des Zweiten Weltkriegs geboren –, der bei den Millennials am beliebtesten ist. Sanders konnte nicht nur bei den ersten drei Vorwahlen in Iowa, New Hampshire und Nevada die meisten Stimmen der unter Vierzigjährigen für sich gewinnen, er liegt auch bei allen nationalen Umfragen unter jungen WählerInnen in Führung. Am kommenden Dienstag, dem sogenannten Super Tuesday mit Vorwahlen in zahlreichen Bundesstaaten, könnte eine Vorentscheidung fallen.

Warum Sanders bei den Millennials derart beliebt ist, lässt sich mit den historischen Bedingungen erklären, unter denen sie aufgewachsen sind. Prägend für sie seien die Auswirkungen der Finanzkrise, die enormen Ausbildungsschulden, ein alle Lebensbereiche durchdringendes Wettbewerbsprinzip sowie die prekären Jobverhältnisse, erklärt der Journalist und Autor Malcolm Harris in seinem 2017 erschienenen Buch «Kids These Days». «Diese Generation ist nach allen Massstäben die am besten ausgebildete in der US-amerikanischen Geschichte, und trotzdem sind Millennials wirtschaftlich schlechter gestellt als ihre Eltern, Grosseltern und sogar Urgrosseltern», stellt Harris, Jahrgang 1988, fest.

Harris’ Buch ist über weite Strecken deprimierend. Und es ist hilfreich, weil er seiner Generation einen historischen Kontext und dem Begriff «Millennials» damit ein Fundament verpasst. Am Ende lässt der überzeugte Marxist sogar Platz für Hoffnung. «Es ist die Aufgabe der Millennials, etwas anderes aus dem zu machen, was aus uns gemacht wurde», schreibt er auf der letzten Seite. Revolution oder Faschismus, an dieser Weggabelung stehe seine Generation nun.

Es kann demnach wenig überraschen, dass sich die Millennials nun hinter dem Kandidaten versammeln, der den grössten politischen Umbruch plant. Es sind jene, denen der Kapitalismus so lange als alternativlos präsentiert wurde, die sich immer selbstverständlicher und enthusiastischer dem demokratischen Sozialismus anschliessen. Und es könnte am Ende sogar genau diese WählerInnengruppe sein, die den Unterschied ausmacht. Der alte Sanders wirkt wie eine Rache der jungen US-AmerikanerInnen.

Ein Gesicht ist noch keine Botschaft

Versteht man den Wunsch der Millennials nach radikaler Veränderung, erklärt sich auch, warum der 1982 geborene Buttigieg vergleichsweise schwach bei jungen WählerInnen abschneidet. Im ersten Caucus in Iowa votierten nur zehn Prozent der 18- bis 24-Jährigen und 16 Prozent der 25- bis 29-Jährigen für ihn. Die meisten Stimmen erhielt er bei den 50- bis 64-Jährigen.

Buttigieg wird zwar nicht müde zu betonen, «eine neue Generation» zu verkörpern, er positioniert sich als Stimme des realistischen Fortschritts zwischen Revolution (Sanders) und Status quo (Biden). Doch unterm Strich ist er den KandidatInnen des Establishments wesentlich näher als dem linken Flügel der Partei.

Eine staatliche Krankenversicherung für alle, wie sie Sanders fordert, lehnt Buttigieg mittlerweile ab, obwohl er sie anfangs forderte. Ein konsequenter Schuldenerlass für StudentInnen geht ihm zu weit. Und im Vergleich zu den Plänen der anderen KandidatInnen sieht Buttigiegs Green New Deal auch wesentlich weniger Investitionen vor. Buttigieg ist ein «Boomer in den Klamotten eines Millennials», formulierte es das feministische Onlinemagazin «Jezebel» im vergangenen Jahr.

Als Buttigieg Anfang 2019, die ersten Magazine waren gerade auf ihn aufmerksam geworden, nach seiner Kernbotschaft gefragt wurde, antwortete er, sein Gesicht sei seine Botschaft. Es ist beruhigend, dass die meisten Jungen – auch desillusioniert durch die Präsidentschaft Barack Obamas – andere politische Ansprüche haben. Alleine ein junges Gesicht oder die Beschwörungen von Wandel reichen nicht. «Manchmal wirkt es so, als wären Buttigiegs Werte das Wort ‹Werte›», schrieb Nathan Robinson, der Chefredaktor von «Current Affairs» im vielleicht besten Text, der bislang über Buttigieg veröffentlicht wurde.

Highspeed ohne Bodenkontakt

Wie wenig Wandel Buttigieg verkörpert, zeigt sich auch darin, bei wem er beliebt ist – und bei wem nicht. Kein anderer Kandidat wird von so vielen Milliardären unterstützt wie er. Kein anderer Topkandidat hat so wenige People of Color hinter sich wie Buttigieg. Mit den Leuten an der Wall Street legt er sich nicht an. Die nichtweissen BewohnerInnen seiner Heimatstadt sind von ihm mehrheitlich enttäuscht. «Nur weil einer jung ist, bedeutet es nicht, dass er progressive Politik macht», sagt Jorden Giger, ein afroamerikanischer Community Organizer aus South Bend.

Es ist vielleicht auch Buttigiegs makellose Corporate-Highspeedkarriere, die seine Kohorte verschreckt. Harvard. Rhodes-Stipendium. McKinsey. Sechs Monate als Soldat in Afghanistan. Mit 29 jüngster je gewählter Bürgermeister einer US-Stadt mit mehr als 100 000 EinwohnerInnen. Buttigiegs Autobiografie, die es nach der Veröffentlichung im vergangenen Jahr direkt in die US-Bestsellerliste schaffte, trägt den Titel «Shortest Way Home». Es ist ein Verweis auf sein Lieblingsbuch «Ulysses» von James Joyce, in dem es heisst: «Der längste Umweg ist der kürzeste nach Hause.» Dass sich ein 38-jähriger Lokalpolitiker ohne Graswurzelnetzwerk berufen fühlt, US-Präsident zu werden, ist zumindest ungewöhnlich, so viel steht fest. Aus Buttigiegs Perspektive ist es vielleicht nur der kürzeste Weg nach Hause.

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