Nr. 10/2020 vom 05.03.2020

In der Stadt oben

Ruedi Widmer über Topo- und Geografie

Von Ruedi Widmer

Dass sich die Sprache ändert, liegt in ihrer Natur, und dass man gewisse Wörter heute nicht mehr hört oder nur noch in den inzwischen zeitlosen Chasperlitheateraufnahmen von Jörg Schneider, ist manchmal etwas schade, aber «jä nu». Eine Redewendung aus der Zeit meiner Kindheit ist mir heute wieder eingefallen; möglicherweise höre ich sie auch nur in meinem Umfeld nicht mehr, aber ich vermute eher, dass sie am Verschwinden ist: die geografische als auch topografische Zusatzinformation bei Bewegungsabsichtsbeschreibungen.

Meine Grossmutter lebte in Winterthur-Töss, und als Nebenstrassenbewohnerin sagte sie: «Ich mues no in Migros füre», und wenn sie bessere Einkäufe zu besorgen hatte: «Ich gaa no i d Stadt ue.» Eine Grossmutter in Oberwinterthur wird gesagt haben: «Ich gaa no i d Stadt abe.» Die Stadt (die Innenstadt von Winterthur) liegt auf 439 Metern, Winterthur-Töss auf 430 Metern und Oberwinterthur auf 444 Metern. Diese kleinen Zusatzwörtli künden vom Bewusstsein über die topografische Situation der Stadt zwischen Eulachtal und unterem Tösstal.

Bei meinen Eltern hiess es nur noch: «Ich gaa no i d Stadt.» Es wäre eigentlich geografisch ein leichtes Rauf gewesen, aber im Bus ist das nicht mehr wirklich wichtig. Und im Zeitalter der GPS-Koordination ist die augenblickliche Aufenthaltshöhe nur noch ein mitgemessenes Bit. Das ist schade, denn ich schätze es, wenn Menschen ein Bewusstsein für Geografie haben, auch wenn dieses nur noch in einer Redewendung besteht.

Das körperliche Sich-Verorten im Raum ist mir selber auch sehr wichtig; aber ja, ich sage auch nur noch «in die Stadt». Vielleicht hatte es auch mit dem Arbeitermilieu zu tun oder dem Bauernmilieu, aus dem meine Vorfahren stammen. Die Höhe zu erreichender geografischer Punkte dürfte für Leute, die zu Fuss unterwegs waren, sehr viel wichtiger gewesen sein als für Leute, die die Kutsche nehmen konnten. Die Ehrfurcht vor der metropolitanen Stadt äusserte sich oft im Satz «Ich mues no uf Züri ine». Wer sagt so was noch? (Heute sagt man: «Ich gaa no nach Züri, Mann.») Eine Zeit lang lebte ich in Winterthur Tür an Tür mit einem Lastwagenfahrer, und als dieser mir mal die Fahrtabfolge einer seiner Zweitagestouren beschrieb, merkte ich, wie zwar die «büezermässige» Sprache noch bestand, aber die geografische Kennerschaft weitgehend an irgendwelche Orientierungselektronik abgegeben wurde: «Zerscht bin i uf Bern abe» und «no i s Wallis ue». Es kommt natürlich darauf an, wo oben und unten ist, je nachdem, wo man wohnt, aber von Bern aus fährt man vielleicht ins «Wallis ue», wenn man den Lötschberg nimmt, weil Brig höher liegt als Bern. Aber von Winterthur aus fährt man meines Erachtens ins Wallis «abe», oder «i s Tessin abe», selbst wenn der Zielort höher gelegen ist. Auf eine solche Distanz gesehen wird die Kartenansicht der Schweiz bestimmend, Wallis und Tessin sind «unten». Ein Holländer, der auf null Meter über Meer am Deich wohnt und nach Italien in die Hügel des Piemont reist, würde ja, vorausgesetzt er wäre gleichzeitig ein älterer Schweizer, nicht sagen, er fahre nach Italien «ufe», sondern nach Italien «abe». Am wichtigsten aber: Bern ist immer «oben», selbst auf der Rigi oben sagen die Leute: «Die z Bärn obe mached eh, was wänd.»

Vielleicht wird die Elektromobilität wieder ein grösseres Bewusstsein schaffen für Steigungen und Senkungen, für oben, unten, hinten, vorne; dann, wenn mit Energie wieder sparsamer umgegangen werden muss. Wenn etwas zuhinterst in einem Tal ist, dann geht man zu dem «hindere», dann ist es «hine», «i de Fleischtröchni hine», «in de Sagi hine», «zum Chuenis Joggeli hindere». Das klingt eher anstrengend, nach Schweiss, es ist im «Chrut», und es geht meist «obsi». Kein Problem für den Range Rover, aber vielleicht sollte das E-Bike genug geladen sein.

Ruedi Widmer lebt z Winterthur äne.

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