Kino-Film «Mare» : Fortwursteln in der Anflugschneise

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Vertrautheit bedeutet nicht immer Intimität. Als Mare morgens auf der Toilette sitzt, steht die Tür offen. Kinder und Ehemann schlendern ins Bad, tragen der Mutter die kleinen Sorgen des bevorstehenden Tages auf und lassen sie wieder allein. Wie es Mare geht, fragt niemand. Der gleichnamige Film, «Mare» von Andrea Staka («Das Fräulein»), behält das meist für sich, das ist seine Stärke.

Mare ist Hausfrau und lebt mit ihrer Familie in einem Vorort der kroatischen Feriendestination Dubrovnik. Ihr Haus bewohnen sie zur Zwischenmiete, einen Kinobesuch können sie sich nur einmal im Jahr leisten, und die Ferne ist ein penetranter Sehnsuchtsort: Der Fluglärm überdröhnt manchmal die Dialoge, geflogen ist die Familie noch nie. Wahrscheinlich wünscht sich Mare ein anderes Leben als dieses mit Jugendliebe, Hausarbeit und Alltagstrott in der Anflugschneise. Der Ausbruch scheint plötzlich möglich, als sie mit dem polnischen Gastarbeiter Piotr eine Affäre beginnt.

Das sexuelle Abenteuer einer Hausfrau mit einem Waschmaschinenreparateur? Andrea Staka, Schweizer Regisseurin mit kroatischen Wurzeln, hat in «Mare» ein Klischee verfilmt. Aber das ist nur die Oberfläche. Darunter steckt eine Parabel über das Fortwursteln unter widrigen Umständen. Die Verwirklichung von Träumen wird laufend vertagt, Veränderungen begegnet man mit trockener Ironie. Als die Tochter beim Abendessen verkündet, sie esse nun kein Fleisch mehr, erwidert der Vater nur: «Vegetarier sind auch Menschen.» Etwas fehlt in diesem Leben, aber was bringt es, sich den Kopf darüber zu zerbrechen.

Hauptdarstellerin Marija Skaricic trägt diese Spannung mit stoischer Ruhe. Wie der Film gewinnt auch ihre Performance mit jeder Weglassung. Kameramann Erol Zubcevic hat die Melancholie von «Mare» in leuchtenden 16-Millimeter-Bildern eingefangen. Die Kamera folgt den ProtagonistInnen fast intuitiv, wiegt deren emotionale Distanz mit Nähe auf. Das Unmittelbarste verschwindet dabei manchmal in der Unschärfe. Vielleicht ist es so leichter zu ertragen.

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Mare. Regie und Drehbuch: Andrea Staka. Schweiz/Kroatien 2020