Nr. 37/2006 vom 14.09.2006

Was ist Ihr Zürich?

Interview: Bettina Spoerri, Foto: Ursula Häne

Andrea Staka: «Ich mag Industrie.»

Sie leben in Zürich und New York. Was ist die Bedeutung von New York für Ihr künstlerisches Schaffen?
Nach New York zog ich vor acht Jahren, es ist ein Ort, an dem man von vielen Orten abstammen und Wurzeln schlagen kann. Dort fühlen sich alle fremd und doch zu Hause. New York ist eine stimulierende Stadt, wo wahnsinnig viele Leute mit vielen Ideen etwas erreichen wollen. Ich musste mich dort zuerst verlieren, um mich wieder zu finden. New York gibt mir eine geografische und emotionale Distanz zu meiner Geschichte in Europa und zur Schweiz. Alles scheint dort möglich, und es gibt dort alles; es ist ein Dschungel. Wenn man in New York herausfindet, was einem wichtig ist, weiss man viel über sich selbst.

«Das Fräulein» spielt in Zürich im Kreis 5, Ihr Büro befindet sich im Kreis 4. Spiegelt dies eine besondere Liebe zu diesen Quartieren?
Ich mag, dass die Kreise 4 und 5 multikultureller und lauter sind, ich mag die Langstrasse. Ich habe in Zürich in den Kreisen 1, 3, 6, 7, 8 gewohnt, sie sind mir alle vertraut.

Was sind Ihre Lieblingsorte in 
Zürich?
Viele Drehorte von «Das Fräulein» haben mit meinem Zürich zu tun. Wenn beispielsweise der alte Mann auf der Quaibrücke steht und die Vögel füttert. Dort gehe und fahre ich gerne vorbei. Und es gibt noch andere Beispiele: der Lindenhof, das Grossmünster ...

Was gefällt Ihnen an diesen
 Orten?
Von der Quaibrücke aus sieht man den See und manchmal die Berge. Es ist ein befreiendes Gefühl, über eine Brücke zu gehen, mit Wasser links und rechts. Man befindet sich in einem Freiraum, der verbindet. Das Grossmünster assoziiere ich mit verschiedenen Wetterstimmungen, Jahreszeiten, es ist ein Platz, der sehr leer ist – das ist faszinierend an Zürich, dass viele Plätze in dieser Stadt oft leer sind. Vom Lindenhof kann man hinunter sehen, es ist romantisch, dort habe ich als Teenie herumgeknutscht, und auch später.

Wie kam es zur Wahl des Hauptdrehortes: eine Kantine im Maag-Areal?
Ich wollte, dass Zürich wie einer der Charaktere im Film ist. Das Schöne an Zürich sind seine unterschiedlichen Teile: die Altstadt mit ihrer eher idyllischen Atmosphäre, die eher wilden Kreise 4 und 5 mit dem red light district und das Industriequartier, wo heute Kultur und verschiedene Happenings stattfinden. Sonst zeigen Filme oft nur die Bahnhofstrasse und die Altstadt oder nur die Langstrasse, aber für mich ist Zürich die Mischung. Als ich die Kantine sah, wusste ich, hier will ich drehen. Das Areal hat etwas Verlorenes, Kaltes, auch Ästhetisches; ich mag Industrie. Im Drehbuch machte ich die Kantine durchmischter, als sie damals war, mit Arbeitern und Künstlern. Und dann wurde sie wirklich immer mehr so: Als wir drehten, war sie wie im Drehbuch beschrieben!

Welche Figur aus «Das Fräulein» ist Ihnen näher: die lebenshungrige Ana oder die strenge Ruza?
Ich habe von beiden etwas.

Sie haben vier Jahre an Ihrem Film gearbeitet. Warum dauerte das so lange?
Das Schreiben dauerte am längsten, zweieinhalb Jahre. Das war eine Suche, ein Sichantasten an die Geschichte. Es war mein erster langer Spielfilm, ich habe mit vielen Leuten zusammengearbeitet. Es ist nicht einfach, einen Film mit drei Frauenfiguren zu finanzieren, der keine klassische dramatische Struktur hat. Zudem gibt es wenig Aktion, und die Details waren mir sehr wichtig, doch die kann man in einem Drehbuch nicht so gut festhalten. Es gab relativ viele Widerstände und viele Diskussionen darüber, wann das Drehbuch wirklich gut sei.

Ist es denn grundsätzlich schwieriger, einen Film über Frauen zu finanzieren?
Es gibt klare Meinungen, was kommerziell ist, was Zuschauer ins Kino lockt. Oft müssen Filme so sein, wie man 
sie kennt: entweder Actionfilme, romantische Dramen oder Familiengeschichten. Einfach eine Freundschaft darstellen, das ist zu wenig dramatisch. Ich fand aber gerade das interessant: Im Leben geschieht so viel im Kleinen und Subtilen. Am Ende meines Films steht jede Frau wieder allein im Leben, das ist ein eher harter Schluss. Doch jede Frau hat sich selbst besser kennengelernt. Ihre Entwicklung ist klein, 
aber schön. Unser Leben ist kein Dreiakter wie viele Hollywoodfilme, im 
Leben bleibt vieles offen. Ich habe auch schon in anderen Filmen mit Auslassungen gearbeitet; es muss nicht immer alles verbalisiert sein.

Andrea Staka, geboren 1973 in Luzern, lebt in Zürich und New York. Im Zentrum ihres Dokumentarfilms «Yugodivas» (2001) standen eine Schauspielerin, eine Malerin und drei klassisch ausgebildete Musikerinnen, die von Belgrad nach New York ausgewandert waren. Mit ihrem Langspielfilm-Debüt «Das Fräulein» gewann Andrea Staka dieses Jahr in Locarno den Goldenen Leoparden.

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