Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Das nahöstliche Epizentrum

Die durch die US-Sanktionen ausgelöste Wirtschaftskrise, das marode Gesundheitssystem und ein Regime, das die Infektionen zu vertuschen versucht: Welche Faktoren die Coronapandemie im Iran befeuern.

Von Cigdem Akyol

Trauern um die Coronaopfer: Friedhof in der Pilgerstadt Ghom, wo besonders viele Menschen am Virus erkrankten. Foto: Fatemeh Bahrami, Getty

Im Iran steigt die Zahl der Coronavirustoten weiter an: Über hundert neue Todesfälle pro Tag vermeldet das Gesundheitsministerium in Teheran zurzeit. Damit stieg die Zahl der Toten bis Mitte der Woche auf mehr als 2000. Gemäss offiziellen Angaben waren am Mittwoch über 27 000 Personen infiziert – 2206 Menschen mehr als noch 24 Stunden zuvor. Insgesamt aber dürfte die Dunkelziffer erheblich höher liegen. Bei den Todesopfern geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gar vom Fünffachen aus. Der Iran bleibt das Epizentrum der Pandemie im Nahen Osten und gehört zu den am schwersten betroffenen Ländern weltweit.

Doch wer darüber in den sozialen Medien schreibt, muss mit einem Besuch des iranischen Geheimdiensts rechnen. Das Regime wird derweil nicht müde, gegen den Erzfeind USA zu hetzen. Vergangene Woche twitterte der iranische Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif etwa, Washington sei Schuld an der Ausbreitung des Virus. «Durch rechtswidrige US-Sanktionen wurden die wirtschaftlichen Ressourcen des Iran aufgebraucht und die Fähigkeit zur Bekämpfung von #COVID19 beeinträchtigt», schrieb Sarif. «Sie töten buchstäblich Unschuldige.» Er forderte eine globale Kampagne gegen die Sanktionen.

«Merkwürdiges» Angebot

Ende Februar hatte US-Präsident Donald Trump mit der Schweiz als Vermittlerin erklärt, er sei bereit, dem Iran im Kampf gegen das neuartige Coronavirus zu helfen, wenn das Land darum bitte. Doch der Iran lehnte ab: «Ihr seid imstande, ein Medikament in unser Land zu bringen, das das Virus am Leben hält und seine Ausrottung verhindert», sagte Ajatollah Ali Chamenei, das geistliche Oberhaupt des Landes, in einer Fernsehansprache. Davor hatte bereits Irans Präsident Hassan Rohani abgelehnt. Das Angebot, dem Iran mit Medikamenten und medizinischer Ausrüstung zu helfen, bezeichnete Chamenei mit Blick auf den «schrecklichen Mangel» an diesen Dingen in den USA zudem als «merkwürdig».

Dem Iran fehlt es währenddessen an allem: an finanziellen Mitteln, um die Krise auffangen zu können, an elementarer medizinischer Ausstattung, an einem funktionierenden Gesundheitssystem. Eine Krankenversicherung ist nicht obligatorisch, weshalb viele IranerInnen keine haben. Zudem war das Land bereits vor der Coronakrise ökonomisch schwer gebeutelt. Die Situation verschlechterte sich zusehends, nachdem die USA im Mai 2018 das internationale Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt und wieder Sanktionen gegen Teheran verhängt hatten.

An den Sanktionen halten die USA nun auch weiterhin fest. Humanitäre Hilfsgüter wie Medikamente und medizinische Ausrüstung sind zwar davon ausgenommen. Jedoch kann der Iran auf dem internationalen Markt praktisch keine solchen Güter kaufen, weil die Banken aus Furcht vor den US-Sanktionen keine Geschäfte mit Teheran absichern wollen. Wie verzweifelt das Regime ist, zeigt sich an dessen Hilferuf an den Internationalen Währungsfonds Mitte März: Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren hat es diesen um einen Kredit gebeten. Doch selbst wenn es das Geld erhalten sollte: Durch die US-Sanktionen ist der Iran vom Swift-System ausgeschlossen, ein Zahlungsverkehr daher kaum möglich.

Keine klare Linie, keine Strategie

Auf die ersten Meldungen über Infektionen mit Sars-CoV-2 Anfang Februar reagierte das Regime nur zögerlich; es wurden kaum Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergriffen oder Informationen über die Seuche verbreitet. Damit sollten wohl die Feierlichkeiten zum Jahrestag der Revolution am 12. Februar und die Parlamentswahlen am 21. Februar nicht gefährdet werden. Erst nachdem im Verlauf des Monats die landesweite Ausbreitung nicht mehr zu verbergen war, wurde die Öffentlichkeit aufgeklärt.

Aber selbst dann noch wurden von den Mullahs die Freitagsgebete und religiöse Feiern mit Tausenden BesucherInnen zugelassen. TheologiestudentInnen aus China durften in die Pilgerstadt Ghom einreisen, was dazu führte, dass Ghom zum Zentrum der Seuche wurde. Satellitenaufnahmen, die in der «New York Times» veröffentlicht wurden, deuten zudem darauf hin, dass die Situation wesentlich ernster ist, als die Behörden es zugeben: Sie sollen Massengräber in Ghom Ende Februar zeigen, die angeblich für Coronatote ausgehoben wurden.

Das Hilfsprogramm, das nun eiligst initiiert wurde, ist dabei kaum mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein, da es nur einige Angestellte etwa in der Gastronomie oder auf den Baustellen unterstützt. Es werden zwar Überbrückungskredite von umgerechnet bis zu 130 Franken monatlich angeboten, die aber mit einem Zinssatz von vier Prozent zurückgezahlt werden müssen. Wer gar kein Geld verdient, kann als Einzelperson monatlich einen Gutschein von etwas mehr als 20 Franken beantragen.

In der Krise fehlt der Regierung nach wie vor eine klare Strategie gegen die Pandemie – auch weil sich die verschiedenen Machtzentren nicht auf eine klare Linie einigen können. So wurde etwa erst am vergangenen Wochenende das öffentliche Leben weitgehend heruntergefahren, obwohl WissenschaftlerInnen der Scharif-Universität für Technologie in Teheran schon vor Wochen eine Studie veröffentlicht hatten, die verschiedene Epidemieverläufe simuliert. Im besten Fall käme es demnach im Iran zu 12 000 Coronatoten.

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