Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Was heisst hier «systemrelevant»?

Während patriarchale Gewalt in der Quarantäne steigt, halten die Frauen im Niedriglohnsektor das System aufrecht. Ein feministischer Blick auf die Krise.

Von Merièm StruplerMail an AutorIn

Seit dem Frauenstreik im Juni ist noch kein Jahr vergangen – und man stelle sich nur mal vor, die Frauen würden jetzt die Arbeit niederlegen: Vier von fünf Angestellten in Schweizer Spitälern und neun von zehn Pflegepersonen in Schweizer Alters- und Pflegeheimen sind Frauen.

International sieht es ähnlich aus: Laut einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeiten im Bereich «Health Workforce» in 104 Ländern siebzig Prozent Frauen. Und im Gesundheitswesen der chinesischen Provinz Hubei – jener Provinz, die wegen des Ausbruchs des neuartigen Coronavirus internationale Bekanntheit erlangt hat – sind mehr als neunzig Prozent der Angestellten Frauen.

Die Coronakrise macht die bisweilen strukturell unsichtbare, schlecht oder gar nicht bezahlte Arbeit sichtbar – und wertet sie zumindest ein Stück weit auf. In gewöhnlichen Zeiten gelten Care-Arbeit und Detailhandel als sogenannte Frauenbranchen, ausgezeichnet durch ihre zahlreichen Teilzeitstellen und niedrigen Löhne. Spitex-Pflegerinnen, Putzpersonal im Spital, Verkäuferinnen an der Migros-Kasse: Plötzlich sind sie «systemrelevant».

Dabei weist die feministische Ökonomie schon seit mindestens den siebziger Jahren darauf hin, dass das System nicht ohne Care- und Reproduktionsarbeit funktionieren würde. Dass der Kapitalismus längst zusammengebrochen wäre, würde die profitorientierte Lohnarbeit nicht auf dem Sockel der unbezahlten Arbeit stehen – auf gratis geleisteter Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege von alten und kranken Angehörigen. Auf der Arbeit, die zumeist Frauen für wenig Geld oder gar aus reiner Liebe und Fürsorge leisten sollen.

In der Krise halten Frauen im Niedriglohnsektor das System aufrecht – in Jobs, in denen Homeoffice keine Option, die Möglichkeit zur räumlichen Distanzierung gering und die Ansteckungsgefahr umso grösser ist. Zugleich verschärft der Ausnahmezustand die patriarchalen Strukturen.

Antifeministischer Backlash

Viele Angestellte haben in den vergangenen Wochen ihren Arbeitsort nach Hause verlegt. Da die Schulen, Kindergärten und Kitas geschlossen sind, müssen Kinder rund um die Uhr betreut werden. «Das Coronavirus ist ein Desaster für den Feminismus», schreibt Helen Lewis in der Zeitschrift «The Atlantic». Die britische Journalistin befürchtet durch die aktuelle Krise einen antifeministischen Backlash.

«Eine Pandemie vergrössert alle bestehenden Ungleichheiten», so Lewis. Überall auf der Welt werde die Unabhängigkeit von Frauen ein stilles Opfer der Pandemie sein. Sie warnt davor, dass sich doppelt verdienende Heteropaare durch Homeoffice, Haushalt und Kinderbetreuung schneller in einer Rollenverteilung der fünfziger Jahre wiederfänden, als ihnen lieb sei – gerade weil Frauen auch im vermeintlichen Normalzustand im Schnitt weniger verdienten, öfters Teilzeit arbeiteten und meist mehr im Haushalt übernehmen würden. Für Alleinerziehende, gut neunzig Prozent davon Frauen, ist die aktuelle Situation abermals prekärer.

Hinzu kommt die derzeit anlaufende Wirtschaftskrise, die laut Prognosen die schwerste seit dem Zweiten Weltkrieg werden könnte. Wie sich dies auf die Geschlechterverhältnisse auswirkt, zeigte sich bereits mit der Finanzkrise 2008: Erstens nimmt durch Sparmassnahmen die unbezahlte Care-Arbeit zu, während die steigende Arbeitslosigkeit die Frauen vermehrt in Teilzeit, befristete Verträge oder zurück an den Herd drängt. Zweitens nimmt das Ausmass an patriarchaler Gewalt in Krisen rasant zu, denn Jobverlust, Existenzängste, Stress und Schwächegefühle sind begünstigende Faktoren, die Gewalt gegen Frauen verstärken.

Darauf weisen auch die ersten Zahlen aus den Hotspots China und Italien hin. Die Pekinger Frauenrechtsorganisation Weiping vermeldet etwa dreimal so viele Hilfeersuchen von Betroffenen wie vor der Quarantäne. Berichte aus Frankreich und Italien schildern ausserdem, dass es durch die staatlichen Einschränkungen für betroffene Frauen schwieriger sei, sich der Kontrolle ihres Partners zu entziehen und Hilfestellen überhaupt anzurufen.

Auch hierzulande rüsten sich Frauenhäuser und Beratungsstellen für einen Ansturm, wie etwa die Zürcher Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft sagt. Vor zwei Jahren hat die Schweiz – trotz Widerstand der SVP – die Istanbul-Konvention unterzeichnet, das wichtigste internationale Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Dennoch herrscht bei sexistischer Gewalt und Femiziden auch im vermeintlichen Normalzustand ein Notstand: Gewalt gegen LGBTIQ* wird in der Schweiz statistisch noch immer nicht erfasst. Alle zwei bis drei Wochen wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet. Weltweit stellt patriarchale Gewalt für Frauen zwischen 15 und 44 Jahren eine Hauptursache für Tod und Behinderung dar.

Abtreibungen «nicht notwendig»

Bislang untersucht die Wissenschaft die Coronapandemie ohne geschlechtsspezifischen Fokus. Das kritisieren ForscherInnen wie Clare Wenham, Assistenzprofessorin für globale Gesundheitspolitik an der London School of Economics. «Die Erfahrung von früheren Ausbrüchen zeigt, wie wichtig es ist, eine geschlechtsspezifische Analyse in die Planung miteinzubeziehen, um die Gesundheitsmassnahmen zu verbessern und die Geschlechter- und Gesundheitsgerechtigkeit zu fördern», schreibt Wenham. So bestätigen bereits Studien von vergangenen Epidemien – etwa Ebola, Zika, Sars, der Schweine- und Vogelgrippe –, dass die Gewalt gegen Frauen zunahm und insbesondere Frauen unter den langfristigen wirtschaftlichen Folgen litten.

Beim Ebola-Ausbruch in Westafrika beispielsweise zeigte sich, dass Frauen ein grösseres Infektionsrisiko hatten, weil sie – durch die Pflege- und Sorgearbeit – bei der Bekämpfung der Krankheit zuvorderst im Einsatz standen. Medizinische Ressourcen wurden zudem in der Gynäkologie weggekürzt und stattdessen in die Virusbekämpfung investiert, was zu einem Anstieg der Müttersterblichkeit führte – in einer Region, die bereits eine der weltweit höchsten Raten aufwies.

Ende März nahmen nun die beiden konservativen US-Bundesstaaten Texas und Ohio die Coronapandemie zum Anlass, Abtreibungen zu verbieten, indem sie Schwangerschaftsabbrüche auf die Liste der «nicht notwendigen Eingriffe» setzten. In Deutschland warnen Netzwerke wie Doctors for Choice und Pro Familia davor, dass ungewollt Schwangere aufgrund der Krise womöglich die gesetzliche Frist nicht mehr einhalten können und deshalb «wieder zu ‹unsicheren Abtreibungsmethoden› greifen – mit der Gefahr von gesundheitlichen Schäden wie Entzündungen, Sterilität und Blutungen bis hin zum Tod».

Dass die Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, in Zeiten von Corona als «systemrelevant» gelten, heisst eben auch: Frauen erhalten ein System aufrecht, das sie nach wie vor unterdrückt. Deswegen gilt es weiterhin und umso mehr, feministische Kämpfe nicht aus den Augen zu verlieren – und tradierte Rollenbilder, die Verteilung und die Anerkennung von Arbeit, Angriffe auf die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit von Frauen und Queers zu thematisieren und zu kritisieren. Damit die Postcoronawelt zur emanzipatorischen Chance statt zum Backlash wird.

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