Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Wer schaut hier wen an?

Zoos und Tierparks inszenieren Wildnis und Natur. Nun sind sie geschlossen, und die Tiere beobachten die verbliebenen Menschen. Der Perspektivenwechsel lässt auch die Frage aufkeimen, ob die Institution Zoo noch zeitgemäss ist. Zu Besuch in Bern, Goldau, Gossau und Frauenfeld.

Von Benjamin von Wyl (Text) und Meinrad Schade (Fotos)

Die BeobachterInnen sind weg. Kein Kind klopft an die Scheibe; niemand rüttelt am Zaun. «365 Tage im Jahr laufen hier Menschen herum, jetzt sind mit einem Mal keine mehr da», sagt Bernd Schildger. «Darum sind die Flamingos in Habachtstellung.»

Der Direktor des Tierparks Dählhölzli in Bern scheint seine Tiere gut zu kennen. Gerne übernachte er auch hier, etwa im Schlafsack mit Blick auf die Totenkopfäffchen. Wegen des Corona-Lockdowns lernt er aber nun die Tiere von einer neuen Seite kennen: Flamingos und andere Vögel gehen in den Verteidigungsmodus, wenn Schildger vorbeikommt. Andere Arten suchen Kontakt. «Hey Jungs, euch ist langweilig, ne?», fragt er die Seehunde, als sie ihm zuzunicken scheinen. «Sie sind reizunterflutet», korrigiert er sich dann. «Langeweile ist ein menschliches Konzept.» Auch ein Polarfuchs folgt uns so lange um sein Gehege, bis ihn der Zaun stoppt. Dasselbe im Aquarium: Barsche, Pacus und Gabelbarte schwimmen alle dahin, wo Menschen vor dem Sonnenlicht stehen. «Anscheinend sind wir ein willkommener Reiz», freut sich Schildger. Die Fische habe er unterschätzt.

Die fehlenden Reize könnten zum Problem werden – wahrscheinlich nicht für Fische, aber zum Beispiel für Affen. «Wenn es den Berberaffen zu langweilig wird, kann es zu sozialen Spannungen kommen», weiss Christoph Wüst, Betriebsleiter des Plättli-Zoos in Frauenfeld. Die Berberaffen dort leben in einem Gehege mit Umschwung in einer grossen Gruppe. Um sie zu beschäftigen, werde nun noch mehr Nahrung versteckt als üblich.

Im Tierpark Goldau mit zuletzt über 400 000 BesucherInnen pro Jahr wiederum sind es die Wisente, die starren, als hätten sie nie Menschen erblickt. «Das Bild hat sich gedreht», sagt die Direktorin Anna Baumann und lacht. Normalerweise tummeln sich Sikahirsche und Mufflons, die sich im Areal frei bewegen, beim Eingang. Weil sie auf BesucherInnen warten, die sie mit Heupellets füttern. Nun haben sich die Kinderlieblinge zurückgezogen; dafür sind die Gänse neugieriger als sonst. «Die Tiere wissen, dass niemand mehr kommt», so Baumann. Tieren mit wenig BesucherInneninteraktion hingegen, etwa Steinbock oder Rotfuchs, sei der Lockdown relativ egal.

Die Sibirischen Tiger im Walter-Zoo in Gossau treffen selbst die Entscheidung zur Interaktion. «Seht ihr, jetzt fixiert er uns», sagt Thomas Harder, Marketingleiter. «Sonst gucken sie einfach durch mich hindurch.» Auch zwei Berberlöwinnen beobachten die Menschen vom höchsten Punkt ihrer Anlage aus. Zoodirektorin Karin Federer erklärt: «Ein Wildtier würde sich die Ecke suchen, in der es am wenigsten Störung gibt.» Aber Zootiere nähmen Menschen nur positiv wahr. «Sie sehen Menschen nicht als Gegner.»

Im Lockdown wirken die Zoos harmonischer, als man sie in Erinnerung hat. Kein Stimmengewirr, kein Gedränge, keine Kinder, die den Pfau jagen. Karussells und Restaurants sind verwaist. Wenn man kurz vergisst, dass die Tiere eingesperrt sind, meint man, die TierpflegerInnen seien ihre Bediensteten. Weil die BesucherInnen fehlen, fehlen den Zoos aber nun die Eintrittseinnahmen. Kurzarbeit gilt fast überall längst nicht nur für das Kassenpersonal.

«Vergessen, was uns Zoos beibringen»

«Zoos lehren uns ein falsches Verständnis für unseren Platz in der natürlichen Ordnung», schrieb Philosophieprofessor Dale Jamieson im Essay «Against Zoos». Das Einsperren betone die scharfe Grenze zwischen Mensch und Tier. Tiere würden als etwas dargestellt, das wir für unsere Zwecke nutzten. Dabei müssten, so Jamieson, Menschen nicht nur aus moralischen Gründen, sondern auch um ihres Überlebens willen lernen, dass sie eine Spezies unter anderen seien: «Deshalb müssen wir vergessen, was uns Zoos beibringen.»

In den letzten Jahren gab es einige Versuche, Zoos abzuschaffen oder zu reformieren. 2013 machte Costa Rica damit international Schlagzeilen. Ein Gericht kassierte den Abschaffungsentscheid später aus Formgründen; es wäre ohnehin bloss um die zwei öffentlichen Zoos gegangen, nicht um die zahlreicheren privaten. Seit 2016 tatsächlich in Selbstauf‌lösung begriffen ist der Zoo von Buenos Aires; die Tiere sollen in Reservate kommen. In Barcelona wiederum setzte sich letztes Jahr die Bürgerinitiative ZOOXXI durch: Der dortige Zoo, der sich noch heute mit dem Orca anpreist, der bis in die Neunziger gehalten wurde, soll seinen Fokus komplett auf das Tier in der Wildnis verlagern. Konkret heisst das etwa, dass nur noch Tiere gezüchtet werden, deren Auswilderung möglich ist. Das sind wenige: gegenwärtig in Barcelona sechs Vogel- und zwei Schildkrötenarten, eine Gazellen-, eine Molch- und eine lokale Krötenart.

Vor hundert Jahren wurde in Marokko der letzte frei lebende Berberlöwe erlegt. Bis heute bewahren Zoos die Löwenunterart vor dem Aussterben, so auch in Frauenfeld und Gossau. Im Walter-Zoo hofft man darauf, mit den drei BerberlöwInnen einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Spezies eines Tages ausgewildert werden kann. Allerdings erst in fünfzig oder hundert Jahren.

Exotische Tiere sind die Aushängeschilder des Walter-Zoos, aber beim Teich bringen die ersten Kaulquappen des Jahres Zoodirektorin Federer und Marketingmann Harder ins Schwärmen. Bald hätte eine Igelauffangstation eröffnen sollen, siebzig Vogel- und Fledermaushäuser sind im Zoo verteilt, und selbst ohne Coronavirus wäre der Irrgarten für BesucherInnen gesperrt. Der Grund ist die Wanderung der Kröten zu ihren Laichplätzen.

Für Federer sind Tier- und Naturschutz die Daseinsberechtigung von Zoos. «Die ideale Gesellschaft bräuchte keine Zoos», findet die Direktorin, aber in unserer Realität, in der der Mensch längst in die Natur eingegriffen habe, könnten sie ein «grosses Puzzlestück» sein. Zoos seien weltweit grosse Player in Naturschutzprojekten vor Ort. «Wollen wir alles kaputtgehen lassen, oder suchen wir mit aller Kraft Ansätze, um die Natur zurückzuholen? Natur lässt sich aufforsten, Natur kann sich erholen.» Und wie beurteilt sie den Walter-Zoo aus Tierperspektive? «An manchen Ecken müssen wir aktiv werden. Jeder Zoo sollte in ständiger Entwicklung sein.»

Weshalb kann man Berberlöwen nicht schneller auswildern? Die Spezies wäre in Freiheit nicht zukunftsfähig, der Genpool ist noch nicht gross genug. Im Rahmen von Arterhaltungs- und Zuchtbuchprogrammen kontrollieren Zoos, die in der Europäischen Zoo- und Aquarienvereinigung (EAZA) organisiert sind, zentral Zucht und Verwandtschaft von knapp 300 Tierarten, darunter eben etwa Berberlöwen oder Schimpansen.

Beide Arten hält auch der Plättli-Zoo in Frauenfeld. Wallabys, Ponys, Kamele: perfektes Kleinzooidyll. Das Gehege der beiden Berberlöwen hier ist kleiner und grauer als jenes in Gossau, gilt aber als artgerecht. «Unsere Tiere zeigen absolut gesundes Verhalten», sagt Betriebsleiter Christoph Wüst. Es gebe keine Stereotypien, kein Verhalten wie andauerndes Hin- und Herlaufen. Beim vergitterten Schimpansinnengehege ist Wüst dann nicht ganz wohl. Die Haltung zu zweit ist nicht artgerecht. «Früher haben alle gesagt, das sei in Ordnung und gut. Jetzt hat man neue Erkenntnisse. Wir verstecken uns nicht: Das Problem ist erkannt, man sucht Lösungen. He, Schnüggi!» Die letzten Worte gelten der Schimpansin. Wieder beim Eingang, zeigt Wüst auf die Stelle beim Karussell. Dort fand bis in die achtziger Jahre die grösste Raubtiershow der Welt statt. Im Vergleich zu dieser Vergangenheit ist die Entwicklung des Plättli-Zoos beeindruckend. Wüst merkt man an, dass er sich um das Tierwohl sorgt, aber seine Mittel sind begrenzt. Nach dem Rundgang steigt er selbst zu den Berberaffen und baut am neuen Klettergerüst der Tiere weiter.

Bereits 2016 stand im Zoobericht des Schweizer Tierschutzes (STS), die Schimpansinnen würden «baldmöglichst» weggegeben. Dass sie noch immer da sind, liegt nicht am fehlenden Willen, sondern daran, dass der kleine, private Plättli-Zoo nicht wissenschaftlich geführt und deshalb nicht im europäischen Zuchtprogramm ist. Die Tiere mussten erst genetisch analysiert werden, was Zeit in Anspruch genommen hat. Der Umzug sei nun aber aufgegleist. Auch strukturell sind also die Möglichkeiten eines solchen Familienbetriebs begrenzt.

Das letzte Nashorn

Das exotischste Tier in Goldau ist wohl der Syrische Braunbär. Allein die Anlage, die sich Bär und Wolf hier teilen, ist so gross wie der ganze Plättli-Zoo. «Wir bauen in die Landschaft, um jeden Stein herum. Wir inszenieren die Natur für die Tiere, nicht für die Menschen», sagt Goldau-Direktorin Baumann. Der Tierpark in der Nagelfluhlandschaft des Felssturzes von 1806 bewirtschaftet zudem zwei Naturschutzgebiete in der Region. Von zehn Millionen Franken Jahresumsatz fliessen gemäss Baumann allein in die Auswilderung der Bartgeier, die in den Alpen ausgestorben waren, 500 000 Franken pro Jahr. Natürlich sind auch in Goldau die Flügel der Störche gestutzt; die Sikahirsche bewegen sich nur innerhalb der Parkgrenzen «frei». Man kann infrage stellen, ob es artgerecht ist, dass BesucherInnen diese Tiere füttern. Aber nur in Goldau rückt manchmal in den Hintergrund, dass man sich in einer von Menschen für BesucherInnen geschaffenen Landschaft befindet.

In Bern ist hingegen Schildger überzeugt, dass das Dählhölzli von allen Schweizer Zoos am längsten eine Daseinsberechtigung habe. Seit bald zwanzig Jahren folgt der Zoo dem Motto «Mehr Platz für weniger Tiere». Dort, wo bis 1980 Seehunde lebten und bis zur Jahrtausendwende Fischotter, graben sich heute Ziesel Höhlensysteme. Die heutige Seehundanlage sei die grösste Europas. Natürlich wird der eigene Daseinszweck in keinem Zoo bezweifelt. Alle verweisen auf die in den siebziger Jahren entwickelten Grundprinzipien: Erholung, Arterhalt, Forschung und Bildung.

Alle ausser einer: Die vier Pfeiler gehen zwar auf den ersten Dählhölzli-Direktor Heini Hediger zurück, aber Schildger hält sie für nicht mehr haltbar. «Die Liste der wissenschaftlichen Publikationen ist zu kurz. Bei zu wenigen Arten gelingt die Auswilderung.» Der Zoodirektor blickt auf den munteren Polarfuchs, als er sagt: «Unser Beitrag besteht darin, für die Menschen spürbar zu machen, wie toll so ein Tier ist. Das Erlebnis mit dem Tier bringt sie auf die Idee, dem WWF zu spenden.» Die Berner Bevölkerung bezahle den Zoo auch als Erholungsraum – «ich kann nicht einfach das Geld nehmen und es für den Erhalt des Spitzmaulnashorns in Tansania spenden».

Aber wenn es eines Tages mehrheitsfähig wäre, dass das Dählhölzli-Budget komplett ans Spitzmaulnashorn flösse, würde er sich nicht dagegenstellen. «Sie sind jung. Sie werden miterleben, wie das letzte frei lebende Nashorn stirbt.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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