Nr. 17/2020 vom 23.04.2020

Die Waffe, die noch ewig tötet

Im Jugoslawienkrieg setzte die Nato massenhaft Uranmunition ein. Diese fordert bis heute ihre Opfer. Ein serbischer Anwalt fordert nun Konsequenzen – und verklagt die Nato-Staaten.

Von Marlene Kalt, Nis

Die Krebs-Sterberate steigt bis heute: Überreste eines mit Uranmunition zerstörten Sendeturms, im Hintergrund die serbische Stadt Vranje, August 1999. Foto: Scott Peterson, Getty

Als im Mai 1999 eine Serie von Nato-Geschossen den Sendeturm des serbischen Rundfunks in Trümmer legt, kommt niemand zu Schaden. Der Hügel, auf dem der Turm stand, liegt weit genug von der Stadt Vranje im Südosten des Landes entfernt. Die verwendete Uranmunition fordert ihren tödlichen Tribut erst Jahre später. Sie tut es bis heute.

Miroslav Jovic, ein Angestellter der örtlichen Wasserwerke, gilt als erstes Opfer des Beschusses bei Vranje. «Mein Vater wurde von seinem Chef zusammen mit sieben anderen zum zerstörten Turm abkommandiert», erzählt sein Sohn Marko. Die acht Männer mussten das Gebiet zum Schutz der Bevölkerung absperren und bewachen. Fünf Jahre später starb Miroslav Jovic an Schilddrüsenkrebs, im Alter von 52 Jahren. Bis auf einen seien auch die anderen aus der Gruppe inzwischen verschiedenen Krebserkrankungen erlegen, sagt Marko Jovic. Der letzte Überlebende, vorher kerngesund, kämpfe mit Hautproblemen.

Ein Krebsfall hinter jeder Haustür

Im Büro von Srdan Aleksic stapeln sich Dossiers, die von ähnlichen Schicksalen erzählen. Hunderte Fälle sind schon durch seine Hände gegangen. Aleksic ist Anwalt in Nis, eine gute Autostunde von Vranje entfernt. Die Kanzlei, die er zusammen mit seiner Frau Jelena führt, brummt: Sie beschäftigt fünfzig MitarbeiterInnen an fünf Standorten im ganzen Land.

Nun hat Aleksic noch Grösseres vor: Er will die Nato-Staaten verklagen, die im Jugoslawienkrieg Munition aus abgereichertem Uran (Depleted Uranium, DU) eingesetzt haben. Im Gespräch wird der Anwalt nie laut, doch seine Vorwürfe wiegen schwer. «Es geht nicht um einen gewöhnlichen Schaden, sondern um die Zerstörung des Ökosystems», sagt er. Und: «In Gebieten, in denen der Boden und das Wasser kontaminiert sind, stirbt die Menschheit langfristig aus.» Das beweise die Anzahl der KrebspatientInnen und Todesfälle.

Srdan Aleksic ist seit 22 Jahren im Geschäft; der Jugoslawienkrieg prägte fast seine gesamte Karriere. Bis heute hat seine Kanzlei 45 000 Veteranen, die in den neunziger Jahren in Serbien und im Kosovo im Einsatz waren, vertreten, um vom Staat deren Kriegssold einzufordern. Dabei fiel ihm auf, dass viele Exsoldaten an Krebs erkrankten. «Von denen, die im Kosovo gedient haben, sind inzwischen fünfzehn bis zwanzig Prozent gestorben», sagt der 52-Jährige.

Dirigiert von den USA, hinterliess die Nato-Operation «Allied Force» den KosovarInnen etwa fünfzehn Tonnen DU-Geschosse. Genau weiss man es nicht, weil das Militärbündnis nur unvollständige Informationen preisgibt. Bis heute wurde keine systematische Dekontaminierung durchgeführt. Und auch die Kosovotruppe (Kfor), die das Territorium unter Leitung der Nato weiterhin militärisch verwaltet, unternimmt nichts zur Beseitigung der Munition, zur Aufklärung oder zum Schutz der Bevölkerung. Die Kfor-Angehörigen selbst werden mit importierten Lebensmitteln versorgt.

Am Fuss des Hügels bei Vranje, wo einst der Sendeturm des serbischen Rundfunks stand, beginnt die Przarska-Strasse. Von den Einheimischen wird sie nur noch «Strasse des Todes» genannt; hinter jeder Haustür soll es mindestens einen Krebsfall geben. Dabei wurde das Gebiet 2004 dekontaminiert. Geholfen hat es bisher nichts. Gradimir Jovanovic, der Präsident der lokalen Opfervereinigung, sagt: «Die Sterberate aufgrund bösartiger Erkrankungen steigt noch immer. Jetzt, zwanzig Jahre nach dem Krieg, erleben wir eine Epidemie. Kinder sind dabei besonders betroffen, vor allem von Leukämie.»

Verhinderte Forschung

Ein Grund für die unverminderten Krankheitsraten ist die Latenzzeit: Krebs bricht erst mit einigen Jahren Verzögerung aus. Jovanovic glaubt zudem, dass es im Boden noch unentdeckte DU-Munition gibt. Laut einem Bericht des Uno-Umweltprogramms (Unep) treffen nur rund zehn Prozent der Geschosse ihr Ziel, der Rest kann in bis zu zwei Metern Tiefe stecken bleiben. Bei Vranje wurden allerdings nur fünfzig Zentimeter Erde abgetragen. Von den verbliebenen Projektilen werden Uranverbindungen ausgewaschen, die ins Grundwasser gelangen.

Schon bei der Entwicklung der Waffe in den siebziger Jahren war bekannt, wie gefährlich sie ist. Beim ersten grossen Einsatz 1991 im Irak durch die USA wussten aber nicht einmal die eigenen Soldaten, womit sie da hantierten. Der Militärarzt, der DU danach als Ursache des sogenannten Golfkriegssyndroms ins Spiel brachte, wurde gefeuert.

Auch auf Uno-Ebene wussten die Anwenderstaaten substanzielle Forschung zum Thema zu verhindern. Die letzte offizielle Einschätzung der WHO lautet daher, es gebe keine Studien, die den Zusammenhang zwischen Uranmunition und Krebs oder Geburtsfehlern beweisen würden. So fällt es auch dem Nato-Pressedienst nicht schwer, auf Anfrage zwei Berichte des Unep und eine Stellungnahme der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) aufzulisten. Alle kommen zum Schluss, das Gesundheitsrisiko für die Zivilbevölkerung sei unerheblich.

Eine Fülle von unabhängigen Untersuchungen straft diese Aussagen allerdings Lügen. Wer es wissen will, findet Statistiken zur Zunahme von Hodentumoren bei Exsoldaten, Brustkrebs bei Frauen und genetischen Schäden bei Babys. Oder man liest in Militärhandbüchern nach, was offiziell abgestritten wird, zum Beispiel in einem Kfor-Manual: «Das Einatmen von unlöslichen Uranstaubpartikeln ist langfristig mit gesundheitlichen Folgen wie Krebs und Missbildungen bei Neugeborenen verbunden», heisst es da. Und: «Nahrungsmittel und Wasser werden durch DU-Staub-Kontamination unbrauchbar.»

In Grossbritannien und Italien hatten Klagen von Veteranen, die vorgängig nicht so gut informiert worden waren, Erfolg: Ein britischer Exsoldat etwa erhielt eine höhere Rente zugesprochen, weil seine Erbgutschäden auf eine DU-Inhalation im Irakkrieg 1991 zurückgeführt wurden. Und in Italien mussten Betroffene – darunter auch solche, die für die Nato auf dem Balkan gedient hatten – vom Verteidigungsministerium für Erkrankungen entschädigt werden, die durch Uranmunition verursacht worden waren.

Was dem militärischen Personal zugesprochen wurde, möchte Srdan Aleksic auch für ZivilistInnen erreichen: «Wir fordern finanzielle Entschädigung für Patienten mit bösartigen Erkrankungen, aber auch für die Familien der Verstorbenen», sagt er. «Denkbar ist auch, dass die Verursacherstaaten Kliniken, Ausrüstung und Personal in Serbien finanzieren oder Mittel für die Behandlung von Kranken im Ausland bereitstellen.»

Auf Uno-Ebene lässt die Ächtung von Uranmunition derweil weiter auf sich warten. Immerhin wurden inzwischen sieben Resolutionen verabschiedet, die abgereichertes Uran als «potenziell gesundheitsgefährdend» einstufen, Forschungsbedarf feststellen und die Anwenderstaaten zur Offenlegung von Beschussdaten auffordern. Das EU-Parlament hat sich schon mehrfach für ein Moratorium ausgesprochen. Belgien und Costa Rica haben Uranmunition bereits ganz verboten.

Vom Wind verweht

Srdan Aleksic will bald die ersten Entschädigungsklagen bei serbischen Gerichten deponieren. Dann, so hofft er, muss der Staat Daten herausgeben, zu denen der Anwalt als privater Akteur bis jetzt keinen Zugang hat und die er braucht, um die Nato-Länder juristisch belangen zu können.

Für das offizielle Serbien könnte das politisch heikel werden. Denn die Nato hält den einstigen Gegner in fester Umarmung: Wie ihr Pressedienst mitteilt, sind beide heute «enge Partner». Erwähnt wird etwa die militärische Zusammenarbeit in der «Partnerschaft für den Frieden». Und 2018 wurde der Nato-Generalsekretär für einen öffentlichen Sicherheits-Talk in Belgrad empfangen, während Serbien Gastgeber der grössten je von der Nato durchgeführten zivilen Notfallübung war.

Währenddessen zieht DU immer weitere Kreise. Auch eine hohe Zahl RumänInnen seien an Krebs erkrankt, berichtet Anwalt Aleksic. «Es wird vermutet, dass das Gift über unterirdische Flusssysteme transportiert wurde.» Der Wind trägt das Seine dazu bei. Bereits nach dem DU-Einsatz im Jugoslawienkrieg wurden in Griechenland und Bulgarien erhöhte Strahlenwerte ermittelt. Und während des Zweiten Irakkriegs 2003 ergaben Messungen in Grossbritannien Urankonzentrationen in der Luft, die sogar den Grenzwert überschritten – über eine Distanz von 4000 Kilometern.

«Die Katastrophe ist da, und niemand befasst sich richtig damit», sagt Aleksic. Er hofft, mit seiner Klage etwas ins Rollen zu bringen. Der Jurist selbst ist gesund, ebenso seine Frau und die Kinder. Verschont geblieben ist er trotzdem nicht. Seine Eltern wohnten in einem Dorf nahe des umkämpften Kosovo. Beim Vater löste sich nach dem Krieg die Gesichtshaut ab, aber er überlebte. Die Mutter starb qualvoll an Knochenkrebs. Als sie mit ihrem Mann auf dem Feld gewesen war, hatte in der Nähe ein Urangeschoss eingeschlagen.

Abgereichertes Uran

Fein und verheerend

Uranmunition ist eine hocheffektive Waffe. Das Projektil enthält einen Kern aus abgereichertem Uran (Depleted Uranium, kurz: DU), der aufgrund seiner hohen Dichte enorme Durchschlagskraft hat. DU-Geschosse können Panzer und Bunker durchbrechen. Der Abrieb, der beim Aufprall entsteht, reagiert in Verbindung mit Luft selbstentzündend und verbrennt explosionsartig bei bis zu 5000 Grad. Zurück bleiben Geschosssplitter und Uranstaub.

Das feine Pulver verteilt sich in der Umwelt, kann eingeatmet oder über Trinkwasser und Nahrung aufgenommen werden. DU ist als Schwermetall hoch toxisch und zusätzlich schwach radioaktiv. Im Körper richtet diese Kombination Verheerendes an: Schon kleinste Mengen schwächen das Immunsystem, wirken krebserregend und schädigen das Erbgut.

Bis zu 2000 Tonnen Uranmunition verschossen die USA und Grossbritannien zwischen 1991 und 2003 im Irak. Auch in Kuwait, Afghanistan, Somalia, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Libyen und Syrien setzten die USA nachweislich DU ein. Vermutet wird zudem die Verwendung durch Russland in Georgien und Tschetschenien sowie durch Israel im Libanon und in Gaza. Rund zwanzig Staaten haben die Waffe in ihrem Arsenal. Hergestellt wird sie in den USA, Grossbritannien und Frankreich.

Abgereichertes Uran ist ein Abfallprodukt aus der Atomindustrie, das bei der Herstellung von Brennstäben anfällt. Weltweit lagern über eine Million Tonnen, das macht DU unschlagbar günstig. Die AKWs werden aber noch anderen Müll los: Neben DU (Isotop U-238) wurde auf dem Balkan und in anderen Kriegsgebieten auch U-236 nachgewiesen. Dieses Isotop stammt aus Wiederaufbereitungsanlagen, ist hoch radioaktiv und damit noch giftiger. Die schädliche Wirkung wird von Dauer sein: Die beiden Uranisotope haben eine Halbwertszeit von 24 Millionen beziehungsweise 4,5 Milliarden Jahren.

Marlene Kalt

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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