Grossbritannien : Mit Laisser-faire in die Tragödie

Nr.  19 –

Die britische Regierung steht in der Coronakrise in der Kritik: MitarbeiterInnen des Gesundheitsdiensts NHS beklagen die fatalen Konsequenzen der lockeren Politik. Von der Krankheit besonders betroffen sind ethnische Minderheiten.

Selbst für Boris Johnsons Verhältnisse war die Behauptung ungewöhnlich realitätsfern: «Wir haben es bislang geschafft, die wichtigste Aufgabe als Nation zu erfüllen: die Tragödie, die in anderen Teilen der Welt zu sehen war, zu vermeiden», sagte der Premierminister vergangene Woche. Als Beweis verwies er darauf, dass die Notfallbetten für CoronapatientInnen in den Spitälern bislang ausreichten.

Das mag zwar stimmen, aber am selben Tag meldeten die Behörden, dass im Land 674 weitere Menschen an Covid-19 gestorben sind. Bislang hat das Coronavirus laut offiziellen Zahlen über 32 000 Todesopfer gefordert – mehr als sonst irgendwo in Europa. Wenn man alle nicht getesteten Fälle mit einberechnet, könnten es laut Statistikern in Wirklichkeit sogar deutlich mehr sein. Wenige Länder sind von der Pandemie stärker gebeutelt worden als Grossbritannien.

«Ich bin so frustriert über die Art und Weise, wie die Regierung die Situation schönzureden versucht», sagt Nima Ghadiri. «Sie behauptet das genaue Gegenteil von dem, was tatsächlich passiert.» Der 36-jährige Augenarzt sieht noch etwas mitgenommen aus, als er im Skype-Videoanruf erscheint. Er ist erst seit wenigen Tagen wieder bei der Arbeit, zuvor war er vier Wochen lang krankgeschrieben – trockener Husten, hohes Fieber, kein Geschmackssinn.

Ghadiri ist sich sicher, dass er am Coronavirus erkrankt war. Doch als er erste Symptome zeigte, konnte er sich nicht testen lassen: Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern führten die britischen Behörden anfangs keine massenhaften Coronatests ein, nicht einmal für Angestellte des Gesundheitsdiensts NHS. Es war eine von unzähligen Verfehlungen, die dazu beigetragen haben, dass die Pandemie auf der Insel dermassen gewütet hat.

Alarm ignoriert

Noch Mitte März, als die dramatische Lage in Italien Schlagzeilen machte und die Zahl der Coronainfizierten in Grossbritannien schnell anstieg, nahm es die Regierung locker. Sie hielt eine sogenannte Herdenimmunität für eine angemessene Strategie: Weil die meisten Leute nur milde Symptome zeigten, sei es zu begrüssen, wenn sich der Grossteil der Bevölkerung mit dem Virus infiziere und so immun werde, meinte damals der medizinische Chefberater Patrick Vallance.

«Die Regierung vertritt in dieser Krise eine arrogante Laisser-faire-Haltung», sagt Ghadiri. «Dabei hatten Ärzte und Gesundheitsexperten schon früh Alarm geschlagen.» Interne Dokumente belegen, dass wissenschaftliche BeraterInnen die Regierung bereits Anfang März auf die sehr hohe Ansteckungsrate des Virus hingewiesen hatten; ohne Eindämmungsmassnahmen würden nach ihrer Einschätzung über 50 Millionen Menschen infiziert, mehrere Hunderttausend würden sterben. Zwei Wochen später unterzeichneten rund 500 britische WissenschaftlerInnen einen offenen Brief, in dem sie striktes Physical Distancing forderten. Aber Johnson zögerte weiter. Zuerst empfahl er lediglich kleinere Einschränkungen im Alltagsbetrieb; erst am 23. März ordnete er den vollständigen Lockdown an. Anfang April erkrankte er selbst an Covid-19, konnte die Intensivstation aber mittlerweile wieder verlassen.

Für ÄrztInnen wie Ghadiri war von Anfang an klar, dass der NHS Mühe haben würde, den Andrang an CoronapatientInnen zu bewältigen. Insbesondere mangelte es an Schutzausrüstung für das Krankenhauspersonal: Die Vorräte an Masken, Kitteln und Handschuhen waren im Zuge der Sparpolitik der vergangenen zehn Jahre auf ein Minimum geschrumpft. Ein ExpertInnenausschuss hatte bereits im vergangenen Sommer dringend empfohlen, mehr Kittel zu beschaffen; aber die Regierung ignorierte die Warnung.

Auch nachdem das Coronavirus Grossbritannien längst erreicht hatte, hielt es die Regierung offensichtlich für wichtiger, schlechte Presse zu vermeiden, als tatsächlich ausreichend Material zu organisieren: Kurz bevor der Lockdown begann, stufte die Gesundheitsbehörde Public Health England das Gefahrenpotenzial von Covid-19 herunter – was bedeutete, dass auch die Vorschriften für die Schutzausrüstung des Krankenhauspersonals gelockert wurden.

Dass die Richtlinien der britischen Regierung damit weniger strikt ausfielen als jene der Weltgesundheitsorganisation, alarmierte ÄrztInnen und andere Fachleute. «Es scheint, dass die Regierung ihre Empfehlungen der Verfügbarkeit von Schutzausrüstung anpasst», meinte der Gesundheitsexperte Ewan Macdonald in der «Financial Times». Zudem berichteten NHS-Angestellte, dass sie von ihren Chefs angewiesen wurden, nicht mit der Presse über den Mangel an Schutzkleidung zu sprechen.

Arm heisst exponiert

Das Londoner Augenspital, in dem Nima Ghadiri arbeitete, folgte den Weisungen der Behörden und riet sogar vom Tragen von Gesichtsmasken ab. Kurz nach seiner Erkrankung schrieb Ghadiri eine wütende Zeitungskolumne, in der er der Regierung vorwarf, die NHS-MitarbeiterInnen wie «Kanonenfutter» zu behandeln. Seine Befürchtungen wurden bestätigt: In den folgenden Wochen erkrankten Tausende NHS-Angestellte, weit über hundert Ärztinnen und Pfleger sind an Covid-19 gestorben. Am Wochenende sagte die Epidemiologin Anne Johnson vom University College London, dass derzeit die Hälfte aller Corona-Neuinfizierten NHS-Angestellte seien.

Auffällig ist, dass die verstorbenen ÄrztInnen und PflegerInnen häufig ethnischen Minderheiten angehörten. Die Feststellung lässt sich auch auf die gesamte Bevölkerung übertragen: Der Anteil von Menschen, die an Covid-19 erkranken, ist unter den ethnischen Minderheiten überdurchschnittlich hoch. Das liege daran, dass diese in Berufen tätig seien, in denen sie eher einer Ansteckung ausgesetzt seien, erklärt die Epidemiologin Nishi Chaturvedi im «Guardian»: im Gesundheitssektor, im öffentlichen Verkehr oder im Einzelhandel. In London beispielsweise stammt die Hälfte der ÄrztInnen aus ethnischen Minderheiten.

Zum anderen ist dieser Teil der Bevölkerung unverhältnismässig von Armut betroffen und lebt in überfüllten Haushalten. Im Kern gehe es um den sozioökonomischen Status von Minderheiten und um den Einfluss, den die gesellschaftliche Stellung auf die Gesundheit habe, meint Chaturvedi. Neue Zahlen der nationalen Statistikbehörde verweisen auf einen deutlichen Zusammenhang zwischen den finanziellen Verhältnissen und der Gefährdung durch das Coronavirus: In den ärmsten Gemeinden im Land sterben im Verhältnis mehr als doppelt so viele Leute wie in den reichsten. Die höchste Sterberate weist der Londoner Bezirk Newham auf, die ethnisch vielfältigste Gemeinde in Grossbritannien und eine der ärmsten.

«Vollumfänglich versagt»

«Hätte Boris Johnson frühzeitig gehandelt, hätten die ärgsten Folgen vermieden werden können», sagt Nima Ghadiri. «Aber die Regierung war schlichtweg inkompetent. Sie handelte zu spät und war sich nicht bewusst, dass die Sparmassnahmen im Gesundheitssektor Folgen haben würden.» Viele Fachleute sehen es genauso. Richard Horton, der Chefredaktor des renommierten Medizinjournals «The Lancet», schrieb kürzlich auf Twitter, die Zehntausende Todesopfer seien ein Beweis dafür, dass die Regierung «vollumfänglich versagt» habe.