Nr. 35/2018 vom 30.08.2018

Wie kommen Frauen an die Macht?

Die herrschenden Verhältnisse einfach umdrehen oder besser neu codieren? Naomi Alderman und Mary Beard nehmen sich der weiblichen Machtfrage an. Mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Von Nadia Brügger

Wir müssten aufpassen, dass nun nicht plötzlich Frauen zu den Missbraucherinnen von Macht würden – diese Warnung wird im Zusammenhang mit der #MeToo-Bewegung immer wieder ausgesprochen. Doch solche Aussagen verharmlosen oder verneinen die gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen noch immer aufgrund von deren Geschlecht diskriminieren. Ausserdem bedienen sie den Mythos der falsch beschuldigenden Frau und schiessen am Ziel vorbei: Es geht in dieser Debatte ja gerade darum, die subtilen und expliziten Machtmissbräuche von Männern zu benennen und deren Muster aufzuzeigen. Und einE MissbraucherIn von Macht kann nur sein, wem diese auch zugestanden wird. Die britische Science-Fiction-Autorin Naomi Alderman und die britische Altphilologin Mary Beard sprechen beide in ihren Werken über Machtmissbrauch – verstehen aber unter «Macht» je etwas anderes.

Frauen tun es jetzt auch

Aldermans Roman «Die Gabe» ist eine klassische Dystopie. Frauen erfahren von einer bisher unentdeckten Gabe: Ein versteckter Muskelstrang macht es ihnen möglich, tödliche Stromschläge auszusenden. Junge Frauen können diese Fähigkeit, die sich wie eine Kindheitserinnerung aufrufen lässt, in älteren Frauen wecken. Es wäre nun eine Handlung denkbar, die – wie in Charlotte Perkins Gilmans «Herland» – die Frauen ihre neu gewonnene Macht nutzen lässt, um ein friedliches Matriarchat aufzubauen. Alderman entgeht dieser Denkfalle des Weiblichen als Utopie und schildert uns eine Gesellschaft, die in der Tradition einer «Rape and Revenge»-Geschichte der gewalttätigen Rache frönt: Frauen setzen die Gabe zuerst als lustvolles Spiel ein, dann, um die Männer zu unterwerfen. Knaben verkleiden sich als Mädchen, um nicht als potenzielle Opfer auf sich aufmerksam zu machen. Tunde, Aldermans einziger männlicher Protagonist, verkörpert das Erwachen aus einem Zustand der selbstvergessenen Privilegiertheit. Seine Geschichte ist die Geschichte eines Mannes in einer von Frauen dominierten Welt, der erfahren muss, wie Frauen sich in einer männlich dominierten Welt fühlen: umgeben von Gewalttätigen, Missbrauchern, Sexisten, die sich in ihrer männlichen Homosozialität gefallen und sexistische Sprüche, die ihre Macht festigen, schulterzuckend als harmlos abtun. Wer bei der Lektüre denkt, das sei ein furchterregendes Szenario, muss sich selbst an der Nase nehmen – haben wir es doch mit unserer eigenen Gegenwart zu tun.

Die Botschaft des Romans lautet allerdings: Frauen tun es jetzt (auch), weil sie es als das neuerdings körperlich starke Geschlecht können. Alderman beschreibt in ihrem Gedankenexperiment Macht mit umgekehrten Vorzeichen – und darin liegt das Problem: Ihre Prämisse, dass körperliche Stärke für MachtinhaberInnen entscheidend sei, ist verkürzt. Sie stilisiert Macht zu einem Objekt, das in Besitz gebracht werden kann – und zwar nur von wenigen. So eingeschränkt, wie Alderman in «Die Gabe» Macht denkt, könnte sie von real existierenden Frauen gar nicht missbraucht werden.

Haarnadel in die Zunge

Der Frage, was Macht überhaupt ist und ob sie an ein Geschlecht gekoppelt wird, nähert sich Mary Beard in ihrem Manifest «Frauen und Macht» aus einer ganz anderen Perspektive: Beard plädiert dafür, Macht als Attribut zu verstehen und nicht als etwas, das man besitzen kann. Diese Weigerung, etwas Dynamisches statisch zu lesen, eröffnet einen Denkraum, in dem Macht nicht nur hierarchisch angegangen werden kann. Der Altphilologin geht es vielmehr darum zu zeigen, dass Macht so sehr und schon so lange männlich konnotiert ist, dass es Frauen schwerfällt, sich überhaupt als mächtige Akteurinnen zu denken. Um zu veranschaulichen, wie unsere Denkmuster noch immer davon geprägt sind, beginnt sie ihren Essay mit Homers «Odyssee» und somit bei den Anfängen der westlichen Literaturtradition. Als eine der Schlüsselszenen des Werks benennt Beard den Moment, in dem Penelopes Sohn Telemachos seiner Mutter befiehlt zu schweigen und sie in ihre Gemächer verweist. So lächerlich es zunächst klingen mag, dass der Grünschnabel Telemachos überhaupt so grob mit der grossen Penelope umspringt: Es markiert seinen Eintritt in die Gesellschaft. Das eingeforderte Verstummen einer Frau gibt ihm eine öffentliche Stimme und kennzeichnet den Beginn seiner Macht.

Antike Frauenfiguren dagegen, die in der Öffentlichkeit eine Stimme haben, zahlen dafür einen hohen Preis: den der Weiblichkeit. Sie werden als androgyne Freaks beschrieben, die Macht nicht brauchen, sondern missbrauchen. Oft haben sie auch nur eine Stimme, um entweder als Opfer oder Märtyrerin ihren nahenden Tod zu beklagen oder um häusliche Anliegen zu vertreten.

Dass Weiblichkeit und Macht vermeintlich nicht zusammengehen, weil ein klassisches Machtverständnis mächtige Frauen gar nicht vorsieht, zeigt auch Beards Lesart von Ovids «Metamorphosen»: In diesen «Verwandlungen» werden wiederholt Frauen zum Schweigen gebracht. Ganz anders die Geschichte der einflussreichen Politikergattin Fulvia, die Beard ebenfalls nacherzählt: Fulvia sticht dem toten Cicero, der seine Rhetorikkünste am vernichtendsten gegen sie gerichtet hatte, ihre Haarnadel in die Zunge: Ein typisches Signum der Weiblichkeit wird zur Waffe gegen das Symbol männlicher Macht.

Der abgetrennte Kopf der Medusa

Beard selbst hat schon unzählige Male Sexismus und geschlechterbasierte Gewalt auf Social Media erfahren, die sie in ihrem Manifest stets mitreflektiert. Es ist ihr ein Anliegen, darauf hinzuweisen, wie auf Frauen in der Öffentlichkeit reagiert wird: nämlich so, als sei es schon ein Problem, dass sie überhaupt sprechen. Das zeigt auch das beschreibende Vokabular: Frauen würden mit «schriller» Stimme «jammern» und «nörgeln», heisst es jeweils. Diese abschätzigen Wörter stützen eine Denkweise, die den Aussagen von Frauen von vornherein ihre Autorität, ihre Kraft und ihren Humor nimmt.

Während der letzten US-PräsidentInnenwahl war oft ein Sujet zu sehen, das Trump als Zeus’ Sohn Perseus zeigt, der den abgetrennten Kopf der Clinton-Medusa siegreich emporhält. Vielleicht braucht man einen Moment, um sich zu vergegenwärtigen, wie normalisiert solche geschlechterbasierte Gewalt in unserem Alltag immer noch dargestellt wird. Nur: Falls man je daran gezweifelt haben sollte, wie tief der Ausschluss von Frauen aus den Diskursen der Macht in unserer Kultur angelegt ist, gibt uns Alderman die Gabe und Beard die Geschichte von Perseus und Medusa. Mit ihrem weitgreifenden Machtbegriff ermöglicht es Beard, Macht auch in Frauenkollektiven zu denken: Die Frauen, die in der #MeToo-Debatte das Wort ergreifen, um ihre Erfahrungen in die Öffentlichkeit zu tragen, missbrauchen keine Macht. Sie brauchen sie nur.

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