Nr. 23/2022 vom 09.06.2022

Vom Verkehr der Seelen

Von Daniela JanserMail an Autor:in

2021 ist die Schriftstellerin Rachel Cusk vor dem Brexit von England nach Paris geflüchtet. Ihr neues Buch «Der andere Ort» spiegelt diesen Aufbruch – nicht als physischen Ortswechsel, sondern als literarischen. Nach ihrer gefeierten Trilogie («Outline», «Transit», «Kudos»), in der sie ihr Alter Ego Faye in den Alltag und Aberwitz eines Schriftstellerinnendaseins hineinversetzt, kommt nun ein schräger Künstlerroman. Er ist gefiltert durch die eigenwillige Wahrnehmung einer Frauenfigur, die von sich sagt, sie könne ihre freie Zeit gut damit verbringen, dazusitzen und vor sich hin zu starren.

Diese M. lädt den bekannten Maler L. auf ein abgeschiedenes Bauerngut am Meer ein, wo sie mit Mann und Tochter aus erster Ehe lebt, die wegen der Pandemie mit ihrem Freund hier gestrandet ist. Eine grosszügige Geste: L. scheint den Zenit seiner Karriere bereits überschritten zu haben, ist auf Unterstützung angewiesen. M. hat etwas abseits vom Gutsgebäude ein einfaches Häuschen mit spektakulärer Aussicht für genau solche Zwecke eingerichtet: den titelgebenden «anderen Ort». Verkompliziert wird das Arrangement durch die Tatsache, dass M. vor Jahren beim ersten Anblick von L.s Bildern ein Erweckungserlebnis hatte. Und dadurch, dass L. ein Scheusal ohne «Moral oder Pflichtgefühl» ist, wie es heisst.

Aus dieser Konstellation baut Cusk ein so abgrundtief intelligentes wie unterhaltsames Stück Literatur. Es dreht sich darum, wie, wann und warum Kunst entsteht und welche kreativen Alternativen es gibt für Menschen, die sich nicht als Künstler:innen verstehen. Was bedeutet es, wenn man keine Möglichkeit findet, den komplizierten Seelenverkehr und die eigene überschäumende Gefühlswelt in eine verständnisbringende Form zu übersetzen? Was, wenn der Anblick sublimer Natur nicht genügt? Dass Cusk die poetisch präzise Schöpfungsphilosophie in ein durchaus dramatisches Finale münden lässt, ist nicht der kleinste ihrer Verdienste.

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