Nr. 20/2020 vom 14.05.2020

«Soziale Medizin gibt es nur, wenn man kämpft»

Die Sozialanthropologin Janina Kehr beschäftigt sich mit Ungleichheiten in der Gesundheitspolitik. Sie erklärt, warum MigrantInnen in der Coronapandemie besonders exponiert sind – und welche Auswirkungen die Austeritätspolitik in den einzelnen Ländern hat.

Interview: Cigdem AkyolMail an AutorIn

Janina Kehr, Uni Bern

WOZ: Frau Kehr, in den USA sind People of Color besonders stark von der Coronapandemie betroffen. Es gibt ähnliche Hinweise aus Grossbritannien: Gemäss einer Studie der Universität Oxford ist das Sterberisiko bei ethnischen Minderheiten höher als im Durchschnitt. Wundern Sie solche Entwicklungen?
Janina Kehr: Das wundert mich nicht, was schon eine tragische Antwort ist. Die USA sind für ihre harschen Ungleichheiten im Gesundheitswesen bekannt, es gibt kaum eine öffentliche Gesundheitsversorgung, fast alles ist privatisiert. An der Lebenserwartung lässt sich messen, wie sich gesellschaftliche und ökonomische Ungleichheiten ausdrücken. Afroamerikaner sterben im Schnitt vier Jahre früher als Weisse – auch ohne Covid-19. Die Studie aus Oxford hat gezeigt, dass in Grossbritannien die betroffenen Minderheiten zu den ärmeren sozialen Gruppierungen gehören. Soziale Ungleichheiten aufgrund der Herkunft und der Klasse überlagern sich, was sich in der Pandemie besonders bemerkbar macht.

Vor Infektionskrankheiten sind also nicht alle gleich, wie gerne behauptet wird?
Am Anfang der Coronapandemie spukte der Spruch herum, Infektionskrankheiten würden keine Grenzen und Klassen kennen, jede und jeder sei betroffen. Dem ist nicht so. Ich habe selbst zum Themenbereich Tuberkulose gearbeitet. Sie gilt als «soziale Krankheit», weil sie arme Menschen überproportional betrifft. Die Frage, wie jemand auf Viren oder Bakterien reagiert, ist nicht losgelöst von der sozialen Stellung zu betrachten: Kann man sich gut ernähren, hat man einen stabilen Lebenshintergrund? Wenn man zu zehnt in einer Zweizimmerwohnung wohnt und mit dem öffentlichen Verkehr zur Arbeit muss, ist man dem Virus mehr ausgesetzt, als wenn man im Homeoffice arbeiten kann.

Welche Rolle spielt Rassismus beim Zugang zum Gesundheitssystem?
Gesundheitsversorgung kann nicht von der Gesellschaft losgekoppelt werden, und diese ist bekanntlich alles andere als ein macht- und konfliktfreier Raum. Die Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Herkunft und sozioökonomischer Stellung zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Warum sollten diese Mechanismen nicht auch bei der Gesundheitsversorgung greifen? Es gibt sozialanthropologische Studien aus Frankreich, laut denen bei der Geburtshilfe afrikanische Migrantinnen aufgrund von kulturellen Vorurteilen anders behandelt werden.

Verschärft das Coronavirus die Gegensätze zwischen den Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft?
Im Moment fehlen uns noch Forschungen, die das Geschehen mit einer gewissen Distanz bewerten können. Allerdings kehrt Covid-19 die Ungleichheiten, die sowieso schon da waren, heraus. Krisen sind Momente, die als Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung angesehen werden. Andererseits sind Krisen aber auch Situationen, die zeigen, auf welchen Vorstellungen eine Gesellschaft beruht. Die Krise spitzt zu, was strukturell angelegt ist.

Sie forschen selbst zu den Auswirkungen der Austeritätspolitik auf die Gesundheitssysteme und haben sich mit Grossbritannien, aber auch mit Spanien und Italien beschäftigt. Alle diese Länder sind stark von der Pandemie betroffen. Liegt dies auch daran, dass die Gesundheitssysteme kaputtgespart wurden?
Sicherlich. Durch die Krise wird deutlich, dass öffentliche Infrastruktur durch Einsparungen vernachlässigt wurde: Durch den Abbau von Betten und Personal, dem immer weniger Zeit für seine Patienten zur Verfügung steht. In Spanien sind im Winter während der Grippewellen die Notaufnahmen quasi jedes Jahr überlaufen. Die Pandemie akzentuiert den Notstand. Die Einsparungen folgen einer neoliberalen Idee der Effizienzsteigerung. Doch das Ergebnis ist eher mehr Bürokratie als weniger, für Patienten verlängern sich Wartezeiten und Unsicherheiten.

Immerhin sind dafür die Kosten tiefer.
Die Frage ist, wer die Kosten am Ende trägt. Wenn Medikamente aus Erstattungskatalogen herausgenommen werden, müssen die Einzelnen tiefer in die Tasche greifen, um sie zu bekommen. In Spanien müssen sich manche Menschen entscheiden, ob sie sich etwas zum Essen kaufen oder Medikamente. Zudem zeigt sich für viele Frauen das Phänomen der doppelten Last. Die Kosten der Pflege werden vor allem auf ihre Schultern abgewälzt: Wenn der Staat nicht genug in Pflegearbeit investiert, leisten meist Frauen die Arbeit unbezahlt.

Gesundheitspolitikerinnen und -politiker entscheiden also letztlich, wer bei einer Krankheit eine angemessene Behandlung erhält?
Nicht nur Gesundheitspolitiker, sondern viele verschiedene Stakeholder. Es herrscht ein extrem kompetitiver Markt. Privatisierungen führen dazu, dass Entscheidungen im Gesundheitsbereich von Profitmargen und dem Interesse von Aktionären abhängig gemacht werden. Mit einer gesellschaftlichen Mobilisierung lässt sich erreichen, dass die Frage von Gesundheit nicht allein eine Frage des Geldes ist. Dies haben wir schon bei den Medikamenten gegen HIV gesehen. Erst der Aktivismus hat dazu geführt, dass die Medikamentenpreise gedrückt wurden. Von allein machen das weder die Pharmaindustrie noch Politiker.

Wie kann eine solche Mobilisierung gelingen?
Indem sich Patienten, Ärztinnen und Krankenpfleger in Gruppen zusammenschliessen und für eine soziale Medizin kämpfen. Schon heute gibt es Widerstand gegen die Ökonomisierung des Gesundheitswesens. In Frankreich setzt sich ein Kollektiv dafür ein, dass genügend Mittel in die öffentlichen Krankenhäuser fliessen. Es ist eine Frage von politischen Kämpfen, was einer Gesellschaft wichtig ist. In Frankreich bekommen undokumentierte MigrantInnen unter bestimmten Bedingungen Zugang zu medizinischer Versorgung. Das ist ein Recht, das erkämpft wurde. Auch in Spanien und Grossbritannien bilden sich vermehrt Gruppen, die die Folgen der Zweiklassenmedizin aufzeigen: vermehrte Ungleichheit und den Ausschluss von verletzlichen Gruppen. Mit nachbarschaftlicher Hilfe wird versucht, Menschen zu inkludieren, Wissen und Erfahrung auszutauschen und damit einen Systemwandel herbeizuführen.

In diesen Tagen ist viel von Solidarität für prekär Beschäftigte und Risikogruppen die Rede. Die Benachteiligungen dürften aber nach dem Ende der Pandemie bestehen bleiben.
Ich habe eher Angst, dass die Entwicklung nach hinten losgeht. Die Finanzkrise 2008 hat uns gezeigt, dass der globale Kapitalismus von ihr nicht ausgehebelt, sondern eher noch verstärkt wurde, wie die Austeritätspolitik zeigt. Meine Sorge ist, dass in Zukunft erst recht jene ausgeschlossen werden, die schon heute gefährdet sind. Dass es dann wieder losgeht mit Parolen wie «Wir müssen alle sparen!» oder «Das liegt jetzt aber nicht mehr drin!». Dabei wäre gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, eine bessere Bezahlung von Menschen in prekären Jobs zu sichern oder das bedingungslose Grundeinkommen neu zu diskutieren.

Janina Kehr (42) ist Sozialanthropologin mit dem Forschungsschwerpunkt Medizinethnologie an der Universität Bern. Für ihre Habilitation forscht sie zur Medizin der Austerität in Spanien.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch