Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Die Revolte im leblosen Gehäuse

Die Achtzigerbewegung in Zürich war weit mehr als ein Kampf um mehr Freiräume für Jugendliche. Sie war eine Kampfansage an die gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Staat reagierte dementsprechend hart.

Von Daniel SternMail an AutorIn

Tränengaseinsatz auf dem Carparkplatz beim Zürcher AJZ, 24. Dezember 1980. Foto: Gertrud Vogler, Schweizerisches Sozialarchiv; Fotomontage: Florian Bachmann

Es waren vielleicht 200 Leute, die am 30. Mai 1980 abends um sieben Uhr vor das Zürcher Opernhaus zogen und dort gegen die «ungerechte Verteilung der städtischen Kulturausgaben» protestierten. Aufgerufen dazu hatte die Gruppe Rock als Revolte, die kritisierte, dass das Opernhaus für sechzig Millionen Franken umgebaut werden sollte, während es für Alternativkultur nichts gab. Wir nahmen an diesem Abend als Gruppe von Freunden an der Demonstration teil. Wir waren Lehrlinge und wohnten etwas ausserhalb der Stadt im Zürcher Furttal. Von der Demo hatten wir eine Woche zuvor an einem Open Air auf der Allmend erfahren.

Vor dem Opernhaus nahmen Polizeigrenadiere in Kampfmontur Stellung. Ich fand es empörend, dass man uns so entgegentrat. Die meisten von uns sahen solche Ausrüstungen zum ersten Mal. Was daraufhin passierte, ist Geschichte: Ein stundenlanger Krawall entwickelte sich, befeuert von immer mehr Jugendlichen und NachtschwärmerInnen, die sich dem Protest anschlossen. Ich erinnere mich vor allem an ein Bild: Eine Meute umringte den Polizeiposten an der Gemüsebrücke. Die Beamten verschanzten sich darin. Wenn ein Uniformierter versuchte, das Tor zu öffnen, flogen die Steine. Die Verhältnisse waren an diesem Abend für kurze Zeit auf den Kopf gestellt. Die Polizei als Vertreterin der Staatsmacht in der Defensive. Wir waren im Rausch des Aufstands.

Mit dem Krawall ist über Nacht «d’Bewegig» entstanden. Schon Tage später war die Stadt voll von Flyern, Aufklebern, Plakaten, Graffiti, die zum Ausdruck und Kommunikationsmittel dieser Bewegung wurden. «D’Bewegig» war eine Initialzündung zur Selbstermächtigung. Eine Demo folgte auf die nächste. Schon in den ersten Tagen war klar, dass sich die Bewegung auf die Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum (AJZ) konzentrieren würde – und es war auch klar, wo dieses sein sollte: in einer leer stehenden Fabrik an der Limmatstrasse, in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Am 28. Juni, knapp einen Monat nach dem Opernhauskrawall, konnte die Bewegung einziehen – am 4. September liess der Stadtrat das AJZ wieder räumen.

Jung und proletarisch

Es gibt nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zur Zusammensetzung der Bewegung. Der Soziologe Hanspeter Kriesi, der Feldforschung betrieb und 1984 das Buch «Die Zürcher Bewegung» veröffentlichte, wurde von vielen aus der Bewegung boykottiert, ein Teil seines Forschungsmaterials von AktivistInnen geklaut. Wir wollten nicht Studienobjekt einer Wissenschaft sein, die wir als Teil des Systems wahrnahmen. Wir sahen die Institutionen der Gesellschaft, die dieses System ausmachten, als Macht- und Kontrollorgane.

Kriesi verweist in seinem Buch auf Statistiken der Polizei, die einen Eindruck von der sozialen und demografischen Zusammensetzung der Bewegung vermitteln: So waren 45 Prozent derjenigen, die im Zuge der Krawalle bis Ende Oktober 1980 in ein Strafverfahren verwickelt wurden, 19 Jahre alt oder jünger. Ein Drittel war zwischen 20 und 25. Fast siebzig Prozent waren Lehrlinge, ArbeiterInnen oder Angestellte.

«Man versuchte, uns in Rollen zu drängen, die wir nicht wollten»: Schifflände, Juni 1981. Foto: Gertrud Vogler, Schweizerisches Sozialarchiv; Fotomontage: Florian Bachmann

Die Studenten Oskar Scheiben und Kenneth Angst (später Redaktoren der WOZ beziehungsweise der NZZ) schrieben am 3. September 1980 in einem NZZ-Gastbeitrag: «Dominierend war der eher proletarische bzw. subproletarische Typus jüngeren Alters mit wenig gesicherten Lebenschancen, fehlenden Wohlstands- und Aufstiegsaspirationen, pessimistischen Zukunftserwartungen.» Dem Typus eigen sei eine «despektierliche Beziehung zu Eigentum und Arbeitsethos». «Schaffe! Schaffe!» war ein beliebter Slogan an den Demos, mit dem man den «Wert der Arbeit» infrage stellte.

Die Bewegung ist nicht aus dem Nichts entstanden. Sie konnte auf das Wissen, die Strukturen von Älteren zurückgreifen, die etwa in der Spontiszene der siebziger Jahre aktiv gewesen waren. Mehrheitlich wurde die Bewegung aber von sehr Jungen getragen, die in den Arbeitsprozess integriert waren. Dazu kamen Mittelschülerinnen und Studenten. Es waren die letzten bevölkerungsstarken Jahrgänge, die letzten BoomerInnen, die hier massenweise aufbegehrten und sich politisierten.

In Rollen gezwängt

Wir hatten als Kinder den Wirtschaftsaufschwung miterlebt und sahen unsere Eltern, wie sie sich Jahr für Jahr mehr leisten konnten. Auf dem neu angeschafften Schwarzweissfernsehgerät verfolgte ich die Mondlandung und sah in der «Tagesschau» verstörende Bilder aus dem Vietnamkrieg. Mit der Wirtschaftskrise, die 1973 begann, merkten wir, dass auch die Schweiz kein Paradies ist. Viele von uns waren sich schon früh bewusst, dass das Wirtschaftswachstum negative Folgen wie Umweltzerstörung und Luftverschmutzung hat. Auf dem Schulweg nahmen wir Autos als Gefahr wahr. Später wurden Kollegen in der Schule von Lehrern gedemütigt, weil sie lange Haare hatten oder eine Sicherheitsnadel im Ohr trugen.

Die Konsumsucht unserer Eltern begann uns anzuwidern. Als ich eine Lehrstelle suchte, fand ich mich in einem grossen Konferenzraum eines Hotels wieder, wo ich zusammen mit rund hundert anderen eine vierstündige Prüfung zu schreiben hatte. Es ging um zwei KV-Stellen in einer Bank. In meiner Lehre als Betriebsdisponent bei der SBB musste ich, weil es sonst nichts zu tun gab, stundenlang Frachtbriefe sortieren. Auch meine FreundInnen berichteten immer wieder von Langeweile und stumpfsinniger Arbeit – sei es in einer Lehre als Hochbauzeichner, Verkäuferin oder Werkzeugmacher. Wir sahen uns in ein Arbeitssystem gezwungen, das auf Unterordnung basierte, wo Beschäftigte verlangt waren, die wie Zahnräder in einer Maschine funktionierten. Man versuchte, uns in Rollen zu drängen, die wir nicht wollten.

Dabei war uns vielleicht unbewusst schon klar, dass dieses Produktionssystem an sein Ende gekommen war. In Kalifornien wurden Ende der siebziger Jahre die ersten Personal Computer gebaut und tauchten in Fabriken computergestützte Maschinen und Roboter auf. Kriesi schreibt zur Frage, wie die Bewegung die Gesellschaft wahrnahm: «Als geschlossenes System, das gemäss einer immanenten Sachzwanglogik funktioniert, normiert und steril, in Routine und Wiederholung des Immergleichen erstarrt. Die schweizerische Gesellschaft erscheint als ‹Maschinengesellschaft›, lebloses Gehäuse, das alles Leben, das sich zu rühren wagt, erstickt.»

Dieses Lebensgefühl war nicht auf Zürich beschränkt. So gab es denn 1980 auch in anderen Städten Proteste von Unzufriedenen und wurden Forderungen nach autonomen Jugendzentren laut. Ein Vorläufer der «Bewegig» waren die Stadtindianer in Italien. Dort wurden schon in den siebziger Jahren «centri sociali» besetzt und im Dezember 1976 versuchten Tausende Jugendliche, die Mailänder Scala zu stürmen. Anfang der achtziger Jahre kam es auch in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark zum Aufruhr. 1981 gab es allein in Westberlin über 160 besetzte Häuser.

«Autonomie» war ein Schlüsselbegriff all dieser Bewegungen: ein Begriff, der für Selbstbestimmung und Selbstermächtigung steht und für einen Kampf um Befreiung, der in der ganzen Gesellschaft geführt werden kann. Man wollte sich dem System verweigern. Politisch stand Autonomie für die Abgrenzung von dogmatischen und sektiererischen linken Gruppen der siebziger Jahre, aber auch gegen Autoritäten und Hierarchien. So gesehen war die Bewegung eine soziale Revolte, ein Aufbegehren gegen die «Fabrikgesellschaft», wie es die deutsche Zeitschrift «Autonomie» benannte. Viele machten mit ihrer Verweigerungshaltung ernst; sie schmissen Lehre, Schule oder Studium hin. Es war diese radikale Ablehnung, die den Staat besonders herausforderte, das Verspotten von Autoritäten und RepräsentantInnen der Gesellschaft.

Schwerverletzte, Tote

Der Staat reagierte mit einer breiten Palette von Repression und Kriminalisierung. Innerhalb zweier Jahre gab es 4000 Verhaftungen. Augenverletzungen durch Gummigeschosse, Hirnverletzungen durch Polizeiknüppel, Tränengas, das zu schweren Asthmaanfällen führte: Die Polizeieinsätze waren Machtdemonstrationen. Auch berichtende JournalistInnen hatten mit Polizeiprügel und Kriminalisierung zu rechnen, wie etwa die Beispiele des Fotografen Klaus Rózsa und des «Volksrecht»-Reporters Martin Enkelmann zeigen. Meist weniger sichtbar waren die Traumata, die die Polizeieinsätze bei den Einzelnen auslösten und die oft Jahre nachhallten.

Silvia Z. war das erste Todesopfer: Sie zündete sich am 13. Dezember 1980 auf dem Bellevue an und starb, «damit alle sehen, wie beschissen es einem Menschen in dieser Gesellschaft gehen kann». Sie war ein ehemaliges Heimkind und drogenabhängig – eine von vielen sogenannt Randständigen, die in der Bewegung einen Halt fanden. Sie schrieb in ihr Notizheft: «Im AJZ fühlte ich mich wohl – ich konnte mit Leuten reden, es ging mir besser.» Doch am 12. Juli griff die Polizei das AJZ wegen einer unbewilligten Demo an: «Ich war zu von den Medis, als die Bullen Tränengas ins Haus schmissen. Ich konnte nicht mehr atmen – mein Asthma. Ich glaubte zu ersticken. Ich dachte, jetzt ist es wirklich aus. Jemand hat mich dann hinausgetragen. Seitdem habe ich Horrorträume, auch am Tag. Ich kann nur noch bei Licht schlafen.»

Die Bewegung wurde nicht nur wegen der Repression zerschlagen, sie hat sich auch selber kaputtgemacht: Problematisch war die starke Fokussierung auf das AJZ. Nach der Wiedereröffnung im April 1981 betrieb die Stadt vermehrt die Strategie, Drogenkonsumierende ins AJZ zu treiben. Der Versuch der Bewegung, diese Szene zu integrieren, missglückte. Man wollte der staatlichen Drogenprohibition mit einem Drogenraum entgegenhalten, in dem Konsumierende in Ruhe und Sicherheit ihre Drogen zu sich nehmen konnten. Letztlich erweiterte man damit aber auch den Markt für die Dealer. Die Bewegung schaffte es nicht, den Handel zu kontrollieren. Er entwickelte sich nach dem Gesetz des Stärkeren.

Ich arbeitete, nachdem ich meine Lehre aufgegeben hatte, eine Zeit lang in der Notschlafstelle des AJZ, während meine Freunde aus dem Furttal wegblieben. Eines Nachts sah ich mich einem mit einem Totschläger bewaffneten Dealer gegenüber, der in der Notschlafstelle bei einem Kunden Schulden eintreiben wollte. Irgendwann schlossen wir das AJZ selber. Der endgültige Abbruch am 23. März 1982 auf Veranlassung des Stadtrats führte dann zu keinen grösseren Protesten mehr.

Spuren, die bleiben

«D’Bewegig» ist längst historisiert. Sie wird verklärt oder als notwendiger Aufbruch eingeordnet, der das zwinglianische Zürich wachrüttelte und zu einer zukunftsgerichteten Stadt werden liess; mit reichhaltigem Kulturangebot, einer aufstrebenden Kreativwirtschaft und ohne Polizeistunde. Tatsächlich mag die Achtzigerbewegung einige Entwicklungen beschleunigt haben. Doch Zürich entwickelte sich letztlich ähnlich wie andere Finanz- und Dienstleistungszentren. Die Stadt wurde zur Global City, wo Lebensqualität ein zentraler Standortfaktor ist. Würde die Stadt wie 1980 herausgefordert, die Repression wäre wie früher – auch wenn die Stadt längst von einer rot-grünen Parteienkoalition regiert wird. Das staatliche Fehlverhalten, insbesondere die Polizeigewalt, wurde von der städtischen Politik nie wirklich aufgearbeitet. Verantwortliche der Stadt haben sich weder bei den Opfern der Gewalt entschuldigt noch sich für eine Wiedergutmachung eingesetzt.

Bleibende Spuren hat die Bewegung in verschiedenen genossenschaftlichen Wohnprojekten hinterlassen, aber auch in Medien wie der WOZ und dem Radio Lora, die es ohne den Aufbruch von 1980 wohl nicht gäbe. Zu finden sind die Bewegungsspuren aber vor allem in der widerständigen Praxis, die die Stadt bis heute mitprägt: in besetzten Häusern und Kulturzentren oder in Gruppen, die sich für Flüchtlinge und Menschenrechte einsetzen.

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