Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Stornierte Kollektionen

Geschlossene Modegeschäfte in den Innenstädten bedeuten Millionen Arbeitslose in den Textilfabriken – auf den Spuren globaler Lieferketten in Zeiten von Corona.

Von Natalie Mayroth, Mumbai

«Wie soll ich meine Familie versorgen?», fragt Jagannath Jadhav*, «wie soll ich die Ausbildung meiner Kinder bezahlen?» Während achtzehn Jahren spann er Garn, wie viele ArbeiterInnen in Solapur, der Millionenstadt mit ausgeprägter Textilindustrie im westindischen Maharashtra. Doch nun ist der 47-Jährige seit zwei Monaten arbeitslos.

Seitdem Ende März in Indien die weltweit grösste Ausgangssperre verhängt wurde, steht das Land und mit ihm die Zentren der Textilindustrie still. Mit dem Lockdown zur Eindämmung des Coronavirus schlossen die Betriebe. 45 Millionen ArbeiterInnen sind in der indischen Textilbranche beschäftigt und bangen nun um ihre Existenz. Sie wurden entlassen oder bekamen vom Betrieb einen Lohnausgleich, der aber kaum für das Nötigste reicht. Familienvater Jadhav hofft auf finanzielle Unterstützung vom Staat, doch bislang hat er lediglich Lebensmittelrationen bekommen.

Die wirtschaftlichen Folgen ziehen sich durch alle sozialen Schichten. Besonders prekär ist es aber für die Menschen, die im informellen Sektor arbeiten: etwa neunzig Prozent aller Beschäftigten in Indien – und entsprechend auch der Grossteil der TextilarbeiterInnen. Die wenig regulierten Arbeitsverhältnisse treffen nun auf ein kaum vorhandenes Auffangnetz. In der Landeshauptstadt Mumbai verteilen NGOs und Freiwillige Lebensmittel, im Landesinneren fehlt selbst diese Unterstützung vielerorts.

Die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken seien ohnehin sehr schlecht, sagt A. B. Patil von der Gewerkschaft Centre of Indian Trade Unions in seinem Büro in Solapur. Es mangle an sanitären Einrichtungen und Trinkwasser. Nun aber hätten die ArbeiterInnen nicht einmal mehr Geld, um sich Lebensmittel zu kaufen. Patil fordert für sie eine monatliche staatliche Unterstützung von 10 000 Rupien (umgerechnet 130 Franken) über drei Monate.

Nach zwei Monaten aus der Mode

Die Asia Floor Wage Alliance, ein Zusammenschluss von NGOs, geht noch einen Schritt weiter: Sie kämpft für ein existenzsicherndes Einkommen der FabrikarbeiterInnen und fordert einen Mindestlohn von monatlich umgerechnet 330 Franken. In der Realität sind die Löhne meist ein bis zwei Drittel davon. Im Rahmen der Clean Clothes Campaign fordert Asia Floor Wage Alliance, zusammen mit europäischen Partnern wie Public Eye aus der Schweiz, dass globale Modeunternehmen die asiatischen Textillieferanten während der Covid-19-Krise nicht im Stich lassen.

Da die Geschäfte in den Einkaufsstrassen der Welt wegen der Ausgangsbeschränkungen über Wochen hinweg geschlossen waren, sitzen nun weltweit Modeunternehmen auf ihren Kollektionen. Sie stornierten reihenweise Bestellungen bei Textilzulieferern oder holten bereits hergestellte Ware gar nicht mehr ab.

Diese Auswirkungen bekam auch Unternehmer Ronit Shah* in seinem Betrieb direkt zu spüren. Seit den neunziger Jahren stellt er im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh Frauen- und Kinderbekleidung für eine europäische Modekette her. Dann stand die Produktion plötzlich still. Inzwischen konnte Shah zwar mit seinem Kunden, dessen Namen er nicht bekannt geben will, einen Kompromiss aushandeln: Er kann die bereits angefangene Produktion fortführen. Andere geplante Produktionen wurden aber vorerst gestoppt.

«Die ungeschnittenen Stoffe bewahren wir auf und verwenden sie später für ein anderes Design», sagt Shah am Telefon. Er sieht den Kompromiss als bedeutendes Zugeständnis des Modeunternehmens, denn andere EinkäuferInnen würden sich gar nicht mehr melden – mit gravierenden Folgen für die Fabriken. Die Branche sei schnelllebig: «Wenn ein Produkt zwei Monate warten muss, bis es die Geschäfte in Europa erreicht, passt es nicht mehr zur Saison.»

Shah sagt, er habe seiner Belegschaft im Lockdown siebzig Prozent des letzten Lohnes bezahlt. Für mehr hätten die Mittel nicht gereicht. Nun, nach wochenlangem Stillstand, ist sie von rund 2300 auf unter 300 ArbeiterInnen geschrumpft. Denn die meisten von ihnen sind nach dem Verlust ihrer Arbeit zu ihren Familien aufs Land zurückgekehrt, weil sie sich das Leben in der Stadt oder in den Industriegebieten nicht mehr leisten konnten.

Zehn Millionen Jobs in Gefahr

«Die Branche wurde zweifelsohne extrem hart getroffen», sagt Rahul Mehta, Chefberater des indischen Bekleidungsherstellerverbands (CMAI). Er schätzt, dass gut zehn Millionen Jobs in der Textil- und Bekleidungsindustrie gefährdet seien, sofern die Regierung nicht handle und sich nicht an den Löhnen beteilige. Mehrere Bundesstaaten haben stattdessen bereits angekündigt, die Rechte der FabrikarbeiterInnen weiter zu beschneiden, um damit die Wirtschaftsstandorte für Unternehmen attraktiver zu machen.

In den Ballungszentren einiger Textilfabriken, etwa im Bundesstaat Gujarat, kam es zuletzt wiederholt zu Protesten von gestrandeten ArbeiterInnen aus anderen Teilen Indiens. Sie hungern und fordern Hilfe, um in ihre Heimat zurückkehren zu können. Die Polizei antwortete auf Ausschreitungen mit Tränengas.

Mit den nun anstehenden Lockerungen öffnen einige Textilfabriken wieder – mit reduziertem Personal. Der Grosskonzern Welspun hat etwa bereits seine Produktion auf Schutzkleidung und Mundschutzmasken umgestellt. Die Zahl der neu erfassten Coronainfektionen steigt in Indien währenddessen weiter an.

Mitarbeit: Mona Thakkar. * Namen geändert.

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