Nr. 23/2020 vom 04.06.2020

Jugend ohne Gott

Stefan Gärtner hört Sting und erinnert sich an früher

Von Stefan Gärtner

Man soll sich das mit dem Kolumnistenberuf auch nicht allzu golden vorstellen. Während ich Pfingstmontag am Schreibtisch sitze und hoffe, dass der Geist so auf mich herabfährt, wie ich es an Pfingsten wohl erwarten darf, spaziert mein Friseur samt Frau und Kind an meinem Fenster vorbei, weil er zur Eisdiele will oder in den Park. Am Feiertag müssen hart arbeitende Menschen nämlich nicht arbeiten, es sei denn im Krankenhaus oder in der Eisdiele. Ein Kolumnist hingegen ist immer im Dienst. Das ist der Nachteil.

Der Vorteil ist, dass sich der Begriff «arbeiten» dehnen lässt. Der Kolumnist kann, bei einer guten Tasse lauwarmem Frühstücksdarjeeling, am Fenster sitzen und Leute beobachten, zum Beispiel nicht mehr ganz so junge Männer, die ihre Basecap verkehrt herum aufhaben. Meine Kolumnistenmeinung hierzu ist, dass das niemand tun sollte, der die zwanzig überschritten hat. Ein Haus weiter wohnt ein Mann von der Sparkasse (ich weiss das, weil er einen Dienstwagen fährt), der läuft wochentags im engen Anzug an mir vorbei, feierabends aber verlässlich in Jogginghose, Lederjacke und Basecap, Schirm nach hinten. Der Mann hat Familie, ist gewiss vierzig und will sich vermutlich seine Jugend zurückholen; er sieht aber bloss wie der von Unterhaltungselektronik und Ressentiment ramponierte Esel aus, der er ist.

Aus einem der Entrümpelkartons, die seit Corona so geduldig vor den Häusern stehen, habe ich letzte Woche zwei Schallplatten gezogen. An der Strasse stehen ja meistens bloss Märchenplatten, die so aussehen wie eine Eislauffläche kurz vor Feierabend, doch mir gehören jetzt die Gratisalben «Songs from the Big Chair» von Tears for Fears und «The Dream of the Blue Turtles» von Sting. Die «Songs from the Big Chair» scheint nie wer gehört zu haben, Sting knistert ein bisschen, aber ihn hab ich auch nur eingesteckt, weil er eben da war. Beide Platten führen schnurstracks in meine Jugend, und dabei muss ich mich nicht einmal verkleiden.

Die Tears-for-Fears-Platte besitze ich seit Jahrzehnten auf CD, ein grosses Album, auch wenn man «Shout» nicht mehr hören kann. Für Tears for Fears muss man sich nicht schämen; bei Sting weiss ich es nicht. Er ist, was sich herumgesprochen hat, natürlich ein kompletter Esel, aber auch komplette Esel können gute Songs machen. «… Nothing like the Sun» war tatsächlich die erste CD, die ich hatte, mit vierzehn, und sie passte gut in mein distinktives Programm, das darin bestand, Bildungsbürger zu werden. Sting machte (und macht das sicher immer noch) Pop mit Jazz drin, das war schon mal gut, und sang ausserdem gegen General Pinochet an. Andere Lieder waren Variationen auf Hanns Eisler und Jimi Hendrix, und im Booklet schaut der Künstler so schwarzweiss wie jesusmässig drein und erklärt seine Texte. Das gab es sonst nur bei BAP.

Damals hat mir das eingeleuchtet, weil ich sehr viel dümmer war als heute, und vielleicht bin ich, was das Zurückholen der Jugend anlangt, deshalb auch Skeptiker; aber das mag mein persönliches Problem sein. Im TV sah ich eben eine Doku über die Dark-Wave- und Gothic-Bewegung der Achtziger, und obzwar ich auch hier widerraten würde, sich mit fünfzig die schwarz gefärbten Haare hochzutoupieren, kann man das doch seinen Grosskindern erzählen. Sting berechtigt zu solchen Erzählungen nicht. Auf der Platte aus der Kiste findet sich das zeittypische, legendär beknackte Antiatomkriegslied «Russians»: «How can I save my little boy / from Oppenheimer’s deadly toy», und zwar hat dies die Apokalypse so verhindert, wie David Hasselhoff die Mauer zu Fall gebracht hat, aber ich wäre doch lieber ein Vierzehnjähriger gewesen, der Joy Division hört.

Im «Tagi» schimpft wer auf die «Generation brav», die bloss an die Rente und nicht mehr ans Kiffen denke. Generation brav, bedenke das Ende! Am Ende sitzt du nämmli da. Bzw. hier.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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