Nr. 24/2020 vom 11.06.2020

«Stellt euch das bitte mal vor!»

Ivan Larson Ndengue ist ein professioneller Hip-Hop-Tänzer aus Genf. Mit einem Instagram-Post warf er nun ein Schlaglicht auf das bisher weitgehend ignorierte Thema von Polizeigewalt gegen Schwarze in der Schweiz.

Von Jan JirátMail an AutorIn (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Der Tänzer als Aktivist: Ivan Larson Ndengue will endlich eine echte Veränderung.

Als Ivan Larson Ndengue die Bilder von der Ermordung des 46-jährigen Afroamerikaners George Floyd durch weisse Polizisten in Minneapolis sah, dachte er an Mike Ben Peter. Der in Lausanne lebende Nigerianer starb im Februar 2018, nachdem ihn sechs Polizisten minutenlang auf den Boden gedrückt hatten. Larson Ndengue dachte auch an Lamin Fatty, einen 23-jährigen Asylsuchenden aus Gambia, der im Oktober 2017 in Polizeigewahrsam verstarb.

In den folgenden Tagen suchte Ivan Larson Ndengue mit der Unterstützung von FollowerInnen im Netz nach weiteren Polizeieinsätzen, die für Geflüchtete tödlich endeten. Am Ende stand eine Liste von zwölf Namen, die er auf seinem Instagram-Kanal veröffentlichte. «Wenn du in der Schweiz bist, solltest du über sie Bescheid wissen», schrieb der professionelle Tänzer aus Genf dazu. «Viele Informationen fand ich nicht in den Medien, sondern auf Websites antirassistischer Gruppen. Die meisten Fälle lösten kein oder nur ein geringes mediales Echo aus», sagt Larson Ndengue im Gespräch.

Der Instagram-Post verbreitete sich rasch, auch über den Röstigraben hinweg. «Viele Leute hatten bisher absolut keine Ahnung von diesen Vorfällen. Wie auch? Ihr persönliches Umfeld war nicht betroffen, und in den Medien stand praktisch nichts dazu», sagt Larson Ndengue. Genau darum sei es ihm gegangen: um die Sichtbarkeit eines Themas, das bewusst klein gehalten werde. «Wie so vieles in der Schweiz. Die Armut ist auch ein solches Tabuthema. Dabei hat das Bild der riesigen Menschenschlange bei der Essensausgabe in Genf von Anfang Mai eindrücklich gezeigt, wie viele Betroffene es gibt.»

Umwege zum Traumjob

Eigentlich ist Ivan Larson Ndengue weder Influencer noch Rechercheur. Er unterrichtet Hip-Hop am Conservatoire populaire in Genf und nimmt als professioneller Tänzer regelmässig an Tanzwettbewerben und Shows teil. Auf seiner persönlichen Website fangen mehrere Videos seinen persönlichen Tanzstil ein, den er selbst als eine Mischung aus Hip-Hop und afrikanischen Elementen beschreibt. Was auffällt, ist, wie geschmeidig und verspielt Larson Ndengue tanzt, wie wichtig dabei auch die Mimik ist. Besonders schön kommt das in einem Video zum Ausdruck, in dem er ganz für sich selbst vor einer Einkaufspassage tanzt, und als ein Passant mit einem Windhund vorbeiläuft, ahmt Larson Ndengue kurzerhand dessen Laufstil nach, was ebenso elegant wie komisch aussieht.

Geboren ist der 28-Jährige in Kamerun, aufgewachsen ist er aber in Genf, mittlerweile ist er Schweizer Staatsbürger. Nach einer Ausbildung im sozialen Bereich wollte er eine kaufmännische Lehre beginnen. Rund 120 Bewerbungsbriefe hatte er verfasst, ein Dutzend Mal schaffte er es in die zweite Runde, letztlich erhielt er genau eine Zusage. «Dieser Prozess war frustrierend. Ich erfüllte das Anforderungsprofil, wurde aber stets abgelehnt.» Mit so einem Gefühl wolle er nicht in den Beruf einsteigen, habe er sich damals gesagt – und er beschloss, das zu tun, was ihm am Herzen lag: tanzen.

Auf eigene Faust

Vor sechs Jahren begann Larson Ndengue, an der Genfer Kunstschule zeitgenössischen Tanz zu studieren. Allerdings brach er das Studium wieder ab und bewarb sich mit Erfolg auf eigene Faust bei Tanzkompanien. «Ein Befreiungsschlag. Endlich konnte ich das tun, was ich wirklich wollte, und auch noch Geld damit verdienen. Ich habe fortan alles in diese Karriere reingegeben.» Die Coronakrise gefährdet diese Karriere gerade ernsthaft, sämtliche Auftrittsmöglichkeiten sind in den letzten Monaten weggebrochen. «Zum Glück unterrichte ich auch noch, und meine Familie unterstützt mich. Aber grundsätzlich ist die Situation für uns selbstständige professionelle Tänzer finanziell ein Horror.» Er denke aber auch positiv. Aus der Krise heraus werde Neues entstehen, die Kunst sei schon immer widerstandsfähig gewesen.

Auch in seinem Traumjob als Tänzer blieb eines gleich: die Rassismuserfahrungen. «Einmal hat mich ein Choreograf im Ernst gefragt, ob es mir etwas ausmache, wenn ich – als einziger Schwarzer in einem zehnköpfigen Tanzensemble – aufgrund der Lichtverhältnisse kaum sichtbar sei.» Und wie oft musste er eine Rolle spielen, die «Exotik» oder «seine afrikanischen Wurzeln» ausstrahlen sollte.

Allein vor der Disco

Solche Erfahrungen begleiten Larson Ndengue schon seit frühster Kindheit. Er habe jahrelang keine Banane gegessen, weil andere Kinder mit Affenlauten reagiert hätten, sobald er eine zur Hand genommen habe. Was ihn bis heute trifft, ist das mangelnde Bewusstsein seines engsten Umfelds für den tief verankerten strukturellen Rassismus hierzulande: «Ein wiederkehrendes Thema mit meinen Jugendfreunden war der Besuch in der Disco. Wir waren abends eins trinken, und irgendwann sagte einer: ‹Kommt, lass uns noch in diese Disco gehen!› Worauf ich antwortete: ‹Die lassen mich da nicht rein.› Sofort hiess es: ‹Nein, wir sind ja dabei. Wir schaffen das schon.›» Am Ende stand er alleine da, weil ihm der Türsteher den Eintritt verweigerte. Auch wegen solcher Erfahrungen habe er sich zunehmend von seinen Jugendfreunden distanziert.

Ivan Larson Ndengue schöpft jetzt Hoffnung, dass sich solche Muster nicht ständig wiederholen. «Auch dank Handyvideos und deren rasend schneller Verbreitung über Social Media wie im Fall von George Floyd liegt der strukturelle Rassismus in den westlichen Gesellschaften mittlerweile so offen vor uns, dass er nicht mehr ignoriert werden kann.» Die vielen Demos gegen rassistische Polizeigewalt der letzten Tage hat er erfreut zur Kenntnis genommen, aber er sagt auch: «Ich brauche keine Demos. Ich brauche auch keinen Hashtag #BlackLivesMatter. Was ich will, ist eine echte Veränderung der Verhältnisse. Ich will endlich Fairness, ich will ein gleichberechtigtes Mitglied unserer Gesellschaft sein.»

Das könne sich allerdings nur ändern, wenn das zusammen mit der weissen Mehrheitsgesellschaft geschehe. Das werde nicht einfach. «Ich hatte einmal eine Freundin, die mich nicht nach Hause nehmen sollte, weil der Vater eine Beziehung mit einem Schwarzen nicht duldete.» Was solle man in einer solchen Situation tun? Mit der Familie brechen? Wo ist die Grenze? «Aber stellt euch doch mal vor, wie die Situation für uns ist», sagt Ivan Larson Ndengue. «Stellt euch das bitte vor.»

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