Nr. 26/2020 vom 25.06.2020

Transformative Gerechtigkeit, was ist das genau?

Warum rassistische Diskriminierungen oft kaum zu beweisen sind. Was es in den Augen von Meral Kaya bräuchte, um das Bewusstsein für Alltagsrassismus zu schärfen. Und wieso Gefängnisse Gewalt und Diskriminierung nicht verhindern.

Von Lorenz Naegeli (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Meral Kaya: «Wir müssen endlich ein vertiefteres Bewusstsein für Rassismus schaffen. Das geht natürlich nur, wenn dieser Diskurs auch von weis­sen Personen mitgemacht wird».

WOZ: Meral Kaya, letzte Woche sprachen wir über die Hoffnungen, die die aktuellen Diskussionen über Rassismus wecken. Was haben Sie diesbezüglich für Erwartungen?
Meral Kaya: Eigentlich wünsche ich mir, dass das Thema gesamtgesellschaftlich noch präsenter wird. Dass wir öffentlich und privat darüber reden und nachdenken – und zwar nicht nur, wenn gerade schlimme rassistische Übergriffe stattgefunden haben und wir uns kurzzeitig empören, um dann wieder weiterzumachen wie vorher. Rassismus muss als permanentes Problem gesehen werden, das unsere Gesellschaft prägt und täglich stattfindet.

Dieser Alltagsrassismus ist schwer fassbar – weil er oft gar nicht als solcher sichtbar wird und es sich in vielen Fällen nicht unbedingt um einen willentlichen Gewaltakt handelt.
Es ist genau diese vermeintliche Unsichtbarkeit, die so schwer wiegt. Bei Stellen- oder Wohnungsbewerbungen etwa sagt ja kaum jemand, dass er der betroffenen Person den Job oder die Wohnung wegen ihres Kopftuchs, des vermeintlich unschweizerisch klingenden Namens oder ihrer Hautfarbe nicht gegeben hat. Sodass sich die betroffene Person fragen muss: Wie viele Bewerbungen muss ich einreichen, bis ich überhaupt einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werde? Und wie oft muss ich mich fragen, ob es etwas mit meinem Namen oder meinem Foto zu tun haben könnte? Alltagsrassismus beginnt früh und zieht sich durch alle Ebenen unseres Lebens. Muslimische Frauen etwa finden oft allein wegen ihres Namens oder ihres Kopftuchs keine Stellen, die ihren Qualifikationen entsprechen. Sie werden als schwache, nicht selbstbewusste Frauen disqualifiziert. Es gibt auch viele Vermieter, die ihre Wohnungen nicht an Kopftuchträgerinnen vermieten wollen.

Es ist also in den meisten Fällen fast unmöglich zu beweisen, dass ein rassistisches Motiv dahintersteckt?
In der Tat. Umso mehr müssen wir deshalb endlich ein vertiefteres Bewusstsein für Rassismus und die dahinterliegende Struktur schaffen. Das aber geht natürlich nur, wenn dieser Diskurs nicht nur unter Rassismusbetroffenen stattfindet, sondern auch von weissen Personen mitgemacht wird, die diese Strukturen mittragen und von ihnen profitieren. Antirassistisches Denken muss sich in unseren Alltag eingliedern.

Sie selbst sind in diesem Kontext in sogenannten Awareness-Strukturen tätig. Was ist das?
«To be aware» bedeutet: sich bewusst sein. Das Ziel von Awareness-Arbeit ist die Sensibilisierung in Bezug auf Diskriminierung und gesellschaftliche Machtverhältnisse. Es geht zuerst einmal darum, Einzelpersonen ihre eigenen Positionierungen in der Gesellschaft bewusst zu machen. In unserer Awareness-Arbeit leiten wir Workshops und Trainings für Kulturbetriebe, Schulen, Unis, Jugend- und Sozialzentren. Das Ziel dabei ist es, innerhalb dieser Räume Strukturen zu erkennen, die Diskriminierung fördern oder erleichtern – und diese dann aktiv anzugehen. Es geht um die Frage, was wir gemeinsam konkret tun können, damit es gar nicht zu solchen Übergriffen und Diskriminierungen kommt. Zur Awareness-Arbeit gehört aber auch die Unterstützung von Menschen, die Gewalt erfahren haben. Da kommt dann auch das Konzept der transformativen Gerechtigkeit ins Spiel.

Transformative Gerechtigkeit?
So wird ein Konzept zur nachhaltigen Konfliktbewältigung bezeichnet, das in den USA vorwiegend von schwarzen Frauen, Transpersonen und Women of Color, ausgehend von eigenen Gewalt- und Konflikterfahrungen, erarbeitet wurde – von Menschen aus Gemeinschaften also, für die es im Konfliktfall keine Option war, die Polizei zu rufen, da diese für sie oft eine noch grössere Gefahr darstellt.

Was genau ist dabei transformativ?
«Transformativ» beschreibt den Weg: Das Ziel ist eine Veränderung der Situation. Die Gerechtigkeit wiederum bezieht sich auf die Person, die Gewalt erfahren hat. Wie können wir dieser Person helfen und ihre Heilung unterstützen, und zwar ohne dass die Gewalt ausübende Person einfach nur bestraft und weggesperrt wird? Das ist ein wichtiger Punkt – denn das Konzept der transformativen Gerechtigkeit beinhaltet auch eine fundierte Gefängniskritik.

Was ist dabei der tiefere Gedanke?
Es geht in diesem Konzept um Überlebende von Gewalt und um gewaltausübende Personen, aber immer auch um die Gemeinschaft und um das Kollektiv. Das heisst: Man sieht Gewalt nicht einfach als individuelles Phänomen an, sondern als Teil dieser Gesellschaft. Dementsprechend muss das Problem auch gesamtgesellschaftlich angegangen und diskutiert werden. Wenn man die gewaltausübende Person einfach nur bestrafen und wegsperren würde, würde sich überhaupt nichts an den Verhältnissen ändern, die zu Gewalt führen. Es geht also um die gemeinsame Verantwortung einer Gesellschaft gegenüber den negativen Auswüchsen, die sie produziert.

Meral Kaya (36) ist Geschlechterforscherin an der Universität Bern und lebt in Basel. Sie wünscht sich, dass die Systematik hinter Rassismus endlich erkannt und Antirassismus zum täglichen Begleiter wird.

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