Nr. 24/2020 vom 11.06.2020

Wie haben Sie als Kind auf Rassismus reagiert?

Als Kind spürte Meral Kaya schon früh, dass etwas ungut ist, und mit der Zeit wurden die Muster klarer erkennbar. Persönliche Erfahrungen mit Rassismus waren der Ausgangspunkt für ihre heutige Tätigkeit als Wissenschaftlerin.

Von Lorenz Naegeli (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Meral Kaya: «Ich wuchs geborgen in einer liebevollen Familie auf, aber trotzdem wurde diese anhand eines rassistischen Stereotyps von aussen bewertet und verurteilt.»

WOZ: Meral Kaya, letzte Woche berichteten Sie von antimuslimischem Rassismus am Frauenstreik. In verschiedenen Schweizer Städten wurden Musliminnen rassistisch belästigt. Passen feministische Muslimas nicht ins Bild gewisser Feministinnen?
Meral Kaya: Die Wahrnehmung von muslimischen Frauen ist an eine lange Geschichte gebunden. Sie werden oft als unterwürfig, als Opfer und als Objekt ihrer muslimischen Männer dargestellt. Das ist bis in die Kolonialzeit zu beobachten, wo sich der Westen im sogenannten Orient ausbreitete. Es hiess, muslimischen Frauen müsse geholfen werden, damit sie einen ähnlichen Stand erreichen könnten wie die weissen Frauen.

Als ob weisse Frauen gleichberechtigt gewesen wären.
Ja, das ist vollkommen absurd. Dieser Argumentationslinie liegt das Verständnis zugrunde, dass der weisse Mensch zivilisierter sei als der nichtweisse. Das kann bis heute so nachgezeichnet werden. Gleichzeitig gibt es aber auch ein Bild der muslimischen Frau, die als Gefahr wahrgenommen wird. Wenn Frauen selbstbestimmt auftreten und zu ihrer Religion und ihrem Kopftuch stehen, werden sie als Gefahr angesehen, die reglementiert und kontrolliert werden muss. Es gibt also die beiden Bilder: Opfer und Gefahr. Beide folgen derselben Logik: Eine bestimmte Gruppe wird als rückständig und nicht gleichwertig betrachtet, bezeichnet und auch so behandelt. Die Betrachter selbst wirken dadurch befreiter – und schmücken sich mit der Illusion, dass sie die Befreiung von Dritten ermöglichen.

Was liesse sich dieser Selbsttäuschung entgegensetzen?
Beim Umgang mit Rassismus ist es zentral, seine eigene Positionierung zu reflektieren und diese bei der Aufarbeitung von rassistischen Vorfällen mitzudenken. Das kann sehr unbequem sein. Und nein: Es geht dabei nicht darum, eine Person als gut oder schlecht zu bezeichnen und rassistische Vorfälle immer an eine Person oder einzelne Handlung zu binden. Die dahinterliegenden, tief in unserer Gesellschaft verwurzelten Strukturen und Handlungsmuster sind genauso wichtig. Nur indem wir sie benennen, wird Reflexion darüber möglich. Dafür braucht es aber eine Auseinandersetzung mit und über sich selber – und damit, welche rassistischen Denkmuster ich mir im Lauf der Zeit angeeignet habe.

Es geht aber nicht nur um die eigene Position, oder?
Nein, wir dürfen den Gesamtkontext nicht ausser Acht lassen: Rassistische Strukturen prägen unseren Alltag. Rassifizierte Personen werden auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt benachteiligt oder in der Schule ungleich behandelt. Wir alle wissen von Racial Profiling, rassistischer Polizeigewalt und sind Zeuginnen der Toten an der EU-Aussengrenze. Rassismus ist nicht nur ein Gedankengut, sondern ein historisch gewachsenes Konstrukt mit realen Konsequenzen für Menschen. Und das gilt auch dort, wo wir es nicht erwarten würden. Der subtile Alltagsrassismus ist schwer nachweisbar und wird gern ignoriert. Das ansprechen zu müssen, ist immer wieder ein Kampf für Betroffene, besonders weil sie sich oft starker Gegenwehr ausgesetzt sehen.

Ist es gerade deshalb wichtig, dass wir lernen, mehr über Rassismus zu sprechen?
Auf jeden Fall. Es geht ja auch darum, gehört zu werden. Die von Rassismus betroffenen Menschen am Frauenstreik zum Beispiel gingen ja auf die Strasse, um sich Raum zu nehmen. Raum, der ihnen zusteht. Dieser Raum wurde ihnen physisch und in der Folge auch medial verwehrt. Um gestärkt aus solchen Erlebnissen herauszugehen, ist eine Diskussion darüber zentral. Die Betroffenen sind ja nicht einfach Opfer, sondern Personen und Gruppen, die etwas zu sagen haben und sich – wie im Fall der Foulards Violets – gegen die Diskriminierung aufgrund ihres Kopftuchs wehren. Deshalb gingen sie auf die Strasse.

In Ihren Texten schrieben Sie, dass Sie selber Rassismus erlebt haben …
Als Kind spürte ich zwar, dass etwas ungut ist, begriff aber nicht richtig, was los war. Mit der Zeit wurden die Muster klarer erkennbar. Vieles fand in der Schule statt – ausgehend von Mitschülerinnen und -schülern wie auch von Lehrpersonen. Mir wurden Dinge nicht zugetraut, vom Übertritt in die höhere Bildungsstufe wurde mir abgeraten, obwohl die Noten stimmten. Noch schlimmer war, dass es ein bestimmtes Bild von meiner Familie gab. Ich musste oft beweisen, dass mich meine Eltern nicht unterdrücken oder dass mein Bruder kein böser muslimischer Bruder ist.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Diese Form des Alltagsrassismus hat mich oft traurig gemacht. Das Bild hat überhaupt nicht meiner Realität entsprochen. Ich wuchs geborgen in einer liebevollen Familie auf, aber trotzdem wurde diese anhand eines rassistischen Stereotyps von aussen bewertet und verurteilt. Es spielt dabei gar keine Rolle, wie du dein Leben wirklich führst: Diese vorgefertigten Bilder sind kaum zu durchbrechen. Das machte mich auch unglaublich wütend. Diese Wut prägt mich in meinem politischen und beruflichen Werdegang.

Meral Kaya (36) forscht am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern und lebt in Basel. Nächste Woche erzählt sie, warum die sogenannte Intersektionalität in ihrem Denken zentral ist.

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