Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

In der Turnhalle ist es still

Keine Auftritte, keine Gage, keine Plattform: was abgesagte Konzerte für Veranstalterinnen und Musiker für Folgen haben. Und warum es keine langfristige Lösung ist, nur lokale Acts zu engagieren.

Von David Hunziker

Zwischen Mai und Juni wurde Arnaud Di Clemente bewusst, dass die Krise länger dauern würde. «Internationale Konzerte werden weiterhin sehr schwierig sein», sagt Di Clemente, der für das Programm des Musikveranstalters Bee-Flat verantwortlich ist. Während der Saison veranstaltet Bee-Flat zwei Konzerte pro Woche in der Turnhalle des Berner Kulturhauses Progr. Für den Herbst sind MusikerInnen aus Kuba, Island oder Argentinien angesagt – doch es braucht wenig, dass eine Tour nicht stattfinden kann: Nur schon irgendwo zwei Wochen in Quarantäne zu müssen, liegt für die MusikerInnen finanziell nicht drin. Für internationale Konzerttermine fragt Di Clemente deshalb auch noch lokale MusikerInnen an, die notfalls einspringen könnten.

Vielerorts sind Konzerte nun wieder möglich, wenn auch mit reduziertem Publikum. Doch das Veranstaltungsgeschäft ist noch weit vom Normalbetrieb entfernt. Laut einer Umfrage der Taskforce Culture, eines Zusammenschlusses verschiedener Schweizer Kulturverbände, anlässlich der Coronakrise fallen dieses Jahr achtzig bis neunzig Prozent der Einnahmen aus Kulturveranstaltungen weg, 2021 wird der Ausfall immer noch auf über sechzig Prozent geschätzt. Zum Erhalt der kulturellen Vielfalt, die der Bundesrat am Anfang der Krise versprochen hat, ist deshalb nicht nur eine Weiterführung der staatlichen Unterstützung für den Kultursektor nötig (vgl. «Covid-19-Gesetz» im Anschluss an diesen Text), sondern auch viel Anpassung und Beharrlichkeit vonseiten der MusikerInnen. Das erzählen auch einige von denen, die im Frühjahr im Bee-Flat-Programm im Progr gespielt hätten.

Die Kontakte fehlen

Für die Jazzgitarristin Mareille Merck kam die Krise zu einem schlechten Zeitpunkt. Bevor sie diesen Sommer ihren Musikmaster in Luzern abschloss, wäre ihre Karriere als Livemusikerin gerade ins Laufen gekommen. Zwar erhielt Merck vom Kanton Zürich und von zwei privaten Stiftungen schnell finanzielle Unterstützung, doch der tatsächliche Schaden lässt sich damit nicht erfassen: «Bei mir läuft viel über Kontakte an den Konzerten – ich kann nie wissen, was sich dort ergeben hätte.» Ein Konzert wie das abgesagte im Progr vor dem berühmten Pianisten Iiro Rantala könnte immer eine Plattform sein. Obwohl im Herbst wieder einige Konzerte in ihrem Kalender stehen, lebe sie mit einem ständigen Gefühl der Unsicherheit: «Ich weiss nicht, wie sehr ich mich auf die Konzerte freuen soll, wenn sie dann doch wieder ausfallen können.»

Zwischen 20 und 25 ihrer Konzerte seien ausgefallen, sagt Merck. Den Lockdown habe sie genutzt, um sehr viel Gitarre zu üben. «Manchmal ist mir dabei schon die Decke auf den Kopf gefallen. Normalerweise gehe ich dann ins Fitness, als Ausgleich und wegen der Haltung beim Spielen, aber das ging ja nicht mehr.» Doch die Pause ermöglichte ihr auch Dinge: Drei Wochen lang arbeitete Merck in einem neu gegründeten Duo mit einer Sängerin an einem Konzertprogramm. «So viel Zeit hätte ich sonst nie gehabt.»

Schnell den Rhythmus gefunden

Die Sängerin und Komponistin Andrina Bollinger hätte im Frühjahr viele Pläne gehabt: eine Carte blanche über drei Abende für Bee-Flat, elf weitere Konzerte, hauptsächlich solo oder mit ihrer Band Eclecta, sowie eine Theaterproduktion, für die sie die Musik komponiert hatte. «Die Absagen waren für mich zuerst ein Schock. Seit ich regelmässiger auftrete, habe ich nie so lange kein Konzert gespielt. Doch dann habe ich schnell den Rhythmus gefunden.» Während des Lockdowns konnte Bollinger zwei Monate lang konzentriert an der geplanten Veröffentlichung des neuen Eclecta-Albums arbeiten, was sie sonst nebenher erledigt hätte. 2021, wenn der Konzertbetrieb kaum wieder normal funktionieren wird, werde sie vermutlich ihr Soloalbum aufnehmen.

Finanziell war die Sache komplizierter. Zwar erhielt die Zürcherin, die zu achtzig Prozent von Konzertgagen lebt, ab Mai rückwirkend Erwerbsersatz, eine regelmässige Auszahlung an Freischaffende auf der Basis von früherem Einkommen. Doch von den Tagessätzen von zwanzig Franken hätte sie nicht leben können. Eine Entschädigung für die ausgefallenen Konzerte zahlte ihr der Kanton Zürich erst Mitte Juli aus, bis zu diesem Zeitpunkt lebte sie von Erspartem. Bollinger klingt verständnisvoll, wenn sie davon erzählt: «Klar waren die Behörden überlastet. Aber es muss sich jetzt etwas tun, damit die Sozialversicherung für uns selbstständige Kulturschaffende langfristig verbessert wird.»

In vielen Fällen seien die Ausfallentschädigungen bis heute nicht ausbezahlt worden, sagt Cécile Marty, Geschäftsleiterin von Sonart, dem Verband der freischaffenden MusikerInnen in der Schweiz. Doch die Situation sei kantonal und im Einzelfall sehr unterschiedlich. In der Krise nahm Sonart eine Doppelrolle ein: Der Verband beriet MusikerInnen im Umgang mit den Behörden – und umgekehrt. Die Behörden hätten zunächst überhaupt kein Verständnis für die komplexe wirtschaftliche Realität freischaffender MusikerInnen gehabt, sagt Marty. Die starken Schwankungen bei den Einkommen würden nicht berücksichtigt, dementsprechend unfair könnten die Einschätzungen sein.

Gut fürs Klima?

Die VeranstalterInnen sind derzeit gezwungen, mehr lokale Bands zu buchen. Doch ist das auch eine Perspektive, nicht zuletzt fürs Klima? Dass es nicht so einfach ist, zeigt das Beispiel des Gitarristen Manuel Troller, der im Frühling bei Bee-Flat aufgetreten wäre. Mit der international aktiven Band Schnellertollermeier, die eine anspruchsvolle Mischung aus Minimal Music und elektronisch anmutenden Texturen spielt, bewegt er sich in einer Nische. «Wir überlegen uns viel, wie wir unseren Beruf möglichst klimaschonend ausüben können, aber wir sind auf einen gewissen Radius angewiesen, um genug zu verdienen. Viele Bands und Musiker aus den USA wiederum leben massgeblich von Konzerten in Europa, um überleben zu können.» Dass Bands so stark vom Touren abhängig sind, liegt vor allem daran, dass kaum mehr Geld für Musik ausgegeben wird und die Verteilung der Streamingdienste nicht künstlerInnenfreundlich ist. Auch Troller lebt vor allem von Gagen; wenn die staatliche Unterstützung im September wegfallen würde, wäre sein Berufsstand vermehrt auf die Gunst von privaten Stiftungen angewiesen.

Diesen Sommer hat Arnaud Di Clemente erstmals im Innenhof des Progr eine Serie von Sommerkonzerten mit lokalen MusikerInnen veranstaltet – auch um diese zu unterstützen. Eigentlich zeichnet sich Bee-Flat durch den Schwerpunkt globale Musikströmungen aus; die Hälfte des Programms machen normalerweise internationale Konzerte aus. Wann Di Clemente dieser Idee wieder treu sein kann, ist derzeit völlig unklar.

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