Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

Ohne Streit keine Veränderung

Die Diskussion um historisches Unrecht und Gerechtigkeit ist wieder aufgeflammt. Manchmal schiesst der Disput um Worte, alte Statuen und Gewalt übers Ziel hinaus. Diese Unruhe gilt es auszuhalten.

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Auch eine Generationenfrage: «Harry Potter»-Darsteller Daniel Radcliffe kritisierte seine Schöpferin J. K. Rowling für ihren Kommentar über Transmenschen scharf. Still: Alamy

Was ist eine abgehackte Hand gegen etwas rote Farbe auf einem Denkmal? Der Vergleich mag plump erscheinen. Aber er verdeutlicht den fundamentalen Unterschied zwischen realen historischen Verbrechen an Menschen – und symbolischen Protestaktionen von heute. König Leopold II. liess als belgischer Kolonialherr Abertausenden von KongolesInnen die Hände abhacken. Heute werden seine Statuen mit roter Farbe verschmiert, um an sein perverses Regime mit acht bis zehn Millionen Toten zu erinnern.

Dasselbe gilt für Statuen von Sklavenhändlern oder Südstaatengenerälen aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg: Wenn sie heute vom Sockel geholt werden, geht es gerade nicht um eine «Entsorgung von Vergangenheit», wie etwa Donald Trump, aber auch der «Tages-Anzeiger» pathetisch erklärten, sondern um die Erinnerung an altes Unrecht, das in die Gegenwart hineinragt. Und überhaupt: Wer würde ernsthaft behaupten, dass mit einer gestürzten Statue gleich ganze Epochen abgeschafft werden?

Angst vor Bedeutungsverlust

Ein unblutiges Beispiel: Die britische Schriftstellerin J. K. Rowling («Harry Potter») machte unlängst einen wohl als Witz gemeinten Spruch, mit dem sie Transmenschen beleidigte, indem sie deren Frau- oder Mannsein infrage stellte. Je lauter der Shitstorm anschwoll, desto hartnäckiger wiederholte Rowling ihre Beleidigung – und wurde dafür vor allem von der jüngeren Generation heftig kritisiert und beschimpft. Dass es sich allerdings bei diesen Protesten um eine Rufmordkampagne handle, die das Recht auf Meinungsfreiheit angreife, ja, dass es hier gar um «Zensur» gehe, wie etwa in der NZZ zu lesen war, ist in Anbetracht des Berühmtheitsgrads und der offensichtlich intakten Machtstellung der steinreichen Frau Rowling zu bezweifeln.

Kürzlich hat Rowling zusammen mit einer illustren Schar Intellektueller – die von den feministischen Ikonen Gloria Steinem und Margaret Atwood bis zum linken Theoretiker Noam Chomsky reicht – ein Manifest unterzeichnet, das viel mediale Aufmerksamkeit erhalten hat. Die «Zeit» druckte eine deutsche Übersetzung. Die Forderungen dieses offenen Briefs «über Gerechtigkeit und eine offene Debatte» klingen erst mal plausibel: «Aushalten von Differenzen», «freier Austausch von Informationen und Ideen».

Liest man weiter, kommen aber Zweifel. Nachdem die Rechte seit Jahren «Sprechverbote» angeprangert hat (und doch ungehindert weiterredet), blasen nun Liberale und Linke ins gleiche Horn: «Auch in unserer Kultur» breite sich «Intoleranz gegenüber Andersdenkenden» aus. Zudem suggeriert der Brief, dass alle öffentlichen Verlautbarungen schlicht «Meinungen» seien, über die frei und «kernig» debattiert werden solle. Gezielte Verleumdungen oder strafbare Unwahrheiten wurden einfach ausgeklammert, Machtgefälle zwischen Sprechpositionen bleiben unerwähnt. Viele Vorwürfe sind extrem vage: «Journalist_innen dürfen über bestimmte Themen nicht schreiben.» Und man wird den Verdacht nicht los, dass die unterzeichnenden Diskursmächtigen vor allem auch den eigenen Bedeutungsverlust fürchten, weil das Stimmengemenge im öffentlichen Raum vielfältiger geworden ist. Bereits wurde ein – sehr viel weniger prominentes – Gegenmanifest publiziert.

Debatten sind kein Safe Space

Sicher ist: Wenn die Verhältnisse ins Rutschen kommen, bleibt die Verhältnismässigkeit nicht immer gewahrt. Wer wegen Rowlings verletzendem Kommentar gleich zu einem Boykott all ihrer Bücher aufruft und sie so auf diese eine Aussage reduziert, schiesst weit übers Ziel hinaus. Aber dass die Schriftstellerin für ihren Spruch Kritik einfängt, damit muss sie leben.

Ein anderer Streitpunkt sind Leselisten an Schulen und Universitäten oder Ausstellungsprogramme von Museen. So wenig sinnvoll es ist, diese unerbittlich von rassistischen oder sexistischen Autorinnen und Künstlern zu «säubern», so wünschenswert ist es doch, dass Lektürelisten und Ausstellungsprogramme endlich diverser werden. Bei Filmfiguren oder Diskussionsrunden im Fernsehen wurde auch schon die Forderung laut, nur Betroffene dürften Betroffene spielen oder für sie sprechen. Derlei Argumente sind absurd: Natürlich «dürfen» auch Cisfrauen Transfrauen spielen. Und gewiss sollen auch nicht von Rassismus Betroffene über Rassismus sprechen. Aber warum überdenkt die Filmwelt nicht endlich ihr viel zu eindimensionales Starsystem? Und warum hört man den Betroffenen nicht einfach mal zu, bevor man selber wieder alle zutextet?

Debatten sind keine Safe Spaces. Aber: Jemanden zu beleidigen, ist kein taugliches Argument im Disput. Gekränkt zu sein, auch nicht. Allerdings scheint es, dass heute vor allem die einst unangefochtenen MeinungsführerInnen dünnhäutig geworden sind. Zeit, sich zu erinnern, dass Umbruchphasen zwangsläufig chaotisch sind. Chaos und Streit können über die Zeit einen neuen Konsens hervorbringen, der für alle befreiend ist. Kaum jemand hätte in den 1980er Jahren die heute breite Akzeptanz von homosexuellen Menschen und Lebensformen vorausgesagt. Wer die herrschende Unruhe und die neuen Fronten im öffentlichen Diskurs nur als Problem und Bedrohung sieht, verwirkt die Chance zur Gestaltung der Zukunft.

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