Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

Nebelpetarde in Gottes Namen

Von Cigdem AkyolMail an AutorIn

Schon vor Jahren hat er es angekündigt, jetzt ist es Tatsache: Auf Geheiss von Recep Tayyip Erdogan wird die Hagia Sophia in Istanbul wieder zur Moschee, nachdem sie 86 Jahre lang ein Museum war. Einst byzantinische Kirche, ging sie 1453 nach der Eroberung Konstantinopels in den Besitz von Sultan Mehmed II. über. Lange war sie dann die bedeutendste Moschee des Osmanischen Reichs, bis Mustafa Kemal Atatürk ihr 1934 als Gründer der säkularen türkischen Republik den Status eines Museums verpasste. Das Istanbuler Verwaltungsgericht befand nun, dass dessen Unterschrift auf dem entsprechenden Dokument gefälscht gewesen sei.

Die Grundlage des Urteils ist abenteuerlich, beruft es sich doch auf längst verjährtes osmanisches Recht. Aber es ist ja auch keine juristische, sondern eine politische Entscheidung – und die angebliche Rechtsprechung in Gottes Namen bloss eine Farce zugunsten realer Machtkalküle. Mit diesem historischen Fehler wendet sich Erdogan an die gesamte islamische Welt: In einem Facebook-Post sendet er auf Arabisch einen Gruss des Herzens «an alle Städte, die unsere Zivilisation symbolisieren», und zwar «von Buchara bis Andalusien». Auch spricht er darin von der «Befreiung der al-Aqsa-Moschee» in Jerusalem.

Das schmeichelt wohl den Konservativen im eigenen Land, aber vor allem zündet Erdogan damit eine Nebelpetarde, um von hausgemachten Problemen abzulenken: den katastrophalen Umfragewerten seiner Partei AKP, der anhaltenden Wirtschaftskrise, den militärischen Verlusten in mehreren Kriegen, in die er die Türkei gelotst hat. Umso bitterer ist es, dass sich die grösste Oppositionspartei, die von Atatürk gegründete CHP, an Erdogans Seite stellte. So befand Istanbuls CHP-Bürgermeister Ekrem Imamoglu, die Hagia Sophia sei immer schon eine Moschee gewesen. Mit seinem Kniefall buhlt auch Imamoglu um die Gunst der Konservativen. Und er scheint bereit, dafür das Erbe der eigenen Partei aufs Spiel zu setzen.

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