Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

Auf der Insel der gefährdeten Seelen

Von Florian KellerMail an AutorIn

Einer der betörendsten Momente, die man in dieser Saison im Kino erleben kann, dauert anderthalb Minuten und zeigt eine tote Ratte, nichts weiter. Gefilmt mit einer Wärmebildkamera, zeigt die Szene nur die Umrisse des Körpers, wie er langsam erkaltet. Aus Gelb wird Grün wird Blau, so verschwimmen die Konturen allmählich, bis schliesslich alle Restwärme aus der Ratte entwichen ist. Was bleibt, ist nichts als eine blaue Fläche, als habe sich das tote Tier restlos in seiner Umgebung aufgelöst.

Die Ratte ist im Film «L’Île aux oiseaux» von Maya Kosa und Sergio da Costa als Vogelfutter bestimmt. Das Schweizer Regiegespann («Rio Corgo») hat in einer ornithologischen Pflegestation in der Nähe von Genf ein Biotop der geschundenen Seelen gefunden. Das Hospiz liegt in der Abflugschneise des Flughafens Cointrin, was die prekäre Balance dieses Ortes noch verschärft: Am Boden versuchen die Pflegerinnen, eine gegroundete Eule aus ihrer Schockstarre zu wecken, von oben dröhnt immer mal wieder der Lärm einer durchstartenden Maschine.

Doch die Pflegestation ist nicht nur ein Asyl für verletzte Vögel, sie ist auch ein soziales Refugium. Da sind die Tierärztin und die Pflegerin, zwei barmherzige Samariterinnen, die mit unendlich behutsamen Gesten die gefährdeten Tiere umsorgen. Da sind aber auch die fragilen Männer, die hier in einem Integrationsprogramm arbeiten. Männer wie Paul, der sich bis zur Pensionierung um die Ratten kümmert, die eigens als Futter für die Raubvögel gezüchtet werden. Oder der junge Antonin, der jetzt von Paul eingearbeitet wird und dabei oft so hilflos im Bild steht, als sei auch er in einer Art seelischen Schockstarre gefangen. Antonin wird von einem Filmstudenten gespielt, er ist das fiktionale Element in diesem kauzigen dokumentarischen Hybrid, inspiriert von Robert Bressons «Tagebuch eines Landpfarrers» (1951). Und man merkt: Auf dieser Insel der Stille sind die Menschen für die Vögel da, aber die Vögel irgendwie auch für Menschen mit gebrochenen Flügeln.

Jetzt im Kino.

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