Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

«Der Trend geht zu mehr Pauschalreisen»

Statt in die Ferne zu schweifen, machen viele diesen Sommer Ferien in der Schweiz. Der Experte für nachhaltigen Tourismus Christian Baumgartner erklärt, was dies für umweltpolitische und soziale Folgen hat.

Interview: Sarah Schmalz

WOZ: Herr Baumgartner, die Sommersaison hat begonnen, aber Corona vermiest vielen das Reisen. Hat der Tourismus schon einmal einen so starken Einbruch erlebt wie aktuell?
Christian Baumgartner: Nein, einen so umfassenden, globalen Einbruch hat es noch nie gegeben. Die Tourismusbranche ist punktuelle Einbrüche gewohnt, etwa durch Terroranschläge oder Naturkatastrophen; und dann gab es natürlich die Wirtschaftskrise 2008, die ein massiver Einschnitt war. Aber auch da ist man schneller als erwartet durchgekommen. Die aktuelle Situation ist für den Tourismus komplett neu, vor allem weil nicht absehbar ist, wie sie sich entwickeln wird.

Man hört nun oft, Corona sei eine Chance für nachhaltigeren Tourismus. Stimmt das?
Zumindest für Fernreisen, sofern sie dann wieder möglich werden, befürchte ich den gegenteiligen Effekt: nämlich einen Trend zu noch mehr Pauschaltourismus. Es erscheint den Touristen als sicherer, in einem Resort Ferien zu machen, als durch lokale Märkte zu streifen oder in einem überfüllten Bus durch irgendein afrikanisches Land zu fahren. Corona verändert das Reiseverhalten tatsächlich massiv, gerade im Ferntourismus sehe ich aber eher einen Trend zu mehr «all inclusive» und weniger Nachhaltigkeit.

Für diesen Sommer wird dem Ferntourismus ein Einbruch von siebzig Prozent prognostiziert. Auch die Schweizerinnen und Schweizer bleiben mehrheitlich im eigenen Land. Im Trend liegt vor allem das Campieren. Kommt mit der Krise die Sehnsucht nach der Natur, der Einfachheit?
Ich glaube nicht, dass es beim Campieren um irgendeine Sehnsucht geht. Auf einem Campingplatz kann man einfach die Distanzregeln am besten einhalten. Ich setze mich ins eigene Auto statt in den Zug, und auf dem Platz habe ich dann meinen eigenen Wohnwagen oder mein eigenes Zelt, bin also in meinem eigenen Raum, in den niemand anders eindringt. Essen kaufe ich vielleicht im Supermarkt, statt mich im Hotel am Frühstücksbuffet zu bedienen oder in einem überfüllten Speisesaal zu sitzen.

Die Campingplätze sind voll, das Luxushotel in Interlaken hingegen wird diesen Sommer einen massiven Einbruch verzeichnen. Was bedeutet es für die touristische Infrastruktur der Schweiz, wenn die ausländischen Touristinnen ausbleiben? Die Inlandstouristen können diese ja schon rein zahlenmässig nicht ersetzen.
Nein, die Schweizer Touristen und auch die aus dem nahen Ausland können die Fernreisenden nicht ersetzen. Am härtesten wird diese Krise die Schweizer Reiseveranstalter treffen, die mit internationalen Reiseagenturen arbeiten. Dann den Städtetourismus, insbesondere den Kongress- und Eventtourismus. Danach die grösseren Hotels in den Tourismushotspots. Am besten werden die Vermieter von Ferienwohnungen durchkommen, die kleinen Unterkünfte und die Campingplätze. Es ist schwierig vorauszusagen, wie viele der Anbieter die Krise nicht überleben werden. Aber wenn die Soforthilfen auslaufen, wird es wohl bei einer ganzen Reihe von Betrieben zu Insolvenzen kommen.

Das ist tragisch für die einzelnen Betriebe, aber kann diese Entwicklung zu einem nachhaltigeren Tourismus in der Schweiz führen?
Jede Schliessung ist schlimm, vor allem auch für die betroffenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Aber ich denke, dass die Krise einigen Destinationen tatsächlich eine Chance zur Umorientierung bietet. Dazu braucht es aber auch eine entsprechende Förderpolitik. Schon jetzt überlegt man ja beispielsweise in Regionen mit einer grossen Hotelzimmerquote, Fördermittel einzusetzen, um Hotelraum in Wohnraum umzuwandeln. Das würde sowohl den Hotelbesitzern nützen als auch den Einheimischen, die vielerorts keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden.

Was sind weitere Konzepte für mehr Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit fängt bei einer guten Ausbildung und Respekt für die Mitarbeiter an und geht bis zu Angeboten, die es Gästen ermöglichen, die Natur zu erleben, ohne sie zu zerstören. In der Schweiz braucht es noch mehr Kooperation innerhalb der Branche, aber auch zwischen Tourismus und anderen Bereichen, etwa der Landwirtschaft. Und die Bevölkerung muss an touristischen Entscheidungen beteiligt werden.

Viele Touristinnen und Touristen wollen das Gefühl eines Entdeckers haben, man sucht das Fremdartige, das Neue. Wenn die Schweizerinnen und Schweizer nun im eigenen Land bleiben müssen: Wie lässt sich dieses Bedürfnis befriedigen?
Gerade die Schweiz hat da doch viel Potenzial. Jede Talschaft hat eine eigene Sprache, eine eigene Kultur. Wenn wir nun vermehrt Inlandstourismus haben, ist das für die Destinationen eine Chance, statt auf austauschbare Angebote auf Authentizität zu setzen, die eigene Sprache, die Baukultur, das lokale Essen in den Vordergrund zu stellen. Das passiert ja seit einigen Jahren auch schon, da gibt es positive Entwicklungen.

Es gibt aber auch einen gegenläufigen Trend: Die Alpen verkommen immer mehr zum Freizeitpark mit Hängebrücken, Aussichtsplattformen, Rodelbahnen …
Ja, und daran wird Corona wohl auch nichts ändern. Diese Disneylandisierung der Alpen hat mit den Auswirkungen des Klimawandels zu tun, man schafft Sommerangebote, um die Einbussen im Wintertourismus auszugleichen.

Viele können sich Ferien in der Schweiz leisten. Für die Migrantenfamilie aus der Zürcher Agglo, die sonst im Sommer ins Herkunftsland reist, bedeutet Corona eine viel grössere Einschränkung als für die Familie aus der oberen Mittelschicht, die nun eben zum Wandern fährt.
Ja, die soziale Frage ist sehr wichtig. Für finanziell schlechter gestellte Familien gibt es zwar die Möglichkeit, im günstigeren, nahe gelegenen Ausland Ferien zu machen – in Österreich, Italien oder Slowenien –, wo man leicht hinkommt und die Coronasituation einschätzbar ist. Aber es bräuchte hier auch politische Antworten. Die EU kennt spezielle Programme für Sozialurlaub, etwa an der spanischen Küste. In der Schweiz fehlen solche Angebote weitgehend. Das Ziel müsste doch sein, auch sozial benachteiligten Schweizerinnen und Schweizern Ferien in der Schweiz zu ermöglichen.

Die Tourismuskrise wirft ohnehin verteilungsökonomische Fragen auf: Sie wirkt sich gerade auf jene südlichen Länder stark aus, die wirtschaftlich ohnehin schwach sind. Und nun bleiben auch noch die Touristinnen und Touristen aus dem reichen Norden aus. Welche politischen Antworten wären angezeigt?
Einerseits müssten sich die Förderbedingungen im Tourismus ändern – in Richtung mehr Nachhaltigkeit, aber auch in Richtung mehr Resilienz, also mehr Krisenfestigkeit. Die Coronakrise wird vermutlich nicht die letzte dieser Art sein, man müsste die Anbieter in den Tourismusregionen deshalb besser absichern, etwa durch einen Krisenfonds. Parallel dazu müsste in den Tourismusregionen aber auch ein Prozess zu mehr Diversifizierung beginnen: Regionen, die nicht so stark auf den Tourismus und stattdessen etwa auch auf lokales Gewerbe setzen, kommen leichter durch die Krise.

Christian Baumgartner (53) ist Professor für nachhaltigen Tourismus an der Fachhochschule Graubünden.

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