Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Depressiv in Paris

Von Cigdem AkyolMail an AutorIn

Sie haben das ganze Leben noch vor sich, doch Aurélie und Alejandro sind schon desillusioniert: Die 19-Jährige aus Grenoble und der 24-Jährige, der aus Kolumbien zum Studium in die französische Stadt gekommen ist, lernen sich während ihres Putzjobs kennen und beginnen eine Affäre. «Aurélie war gewissenhaft, eifrig und wartete immer, bis er kurz vor dem Höhepunkt war, bevor sie aufhörte, an seinem Pimmel zu saugen.» So beschreibt die 1990 in Grenoble geborene Marion Messina in ihrem Debüt «Fehlstart» die Geschichte zwischen den Studierenden aus dem Arbeitermilieu, die wegen ihrer Herkunft kaum Aufstiegschancen haben. Weil Alejandro keine Beziehung will, zieht Aurélie depressiv nach Paris, wo alles noch schlimmer ist: miesere Jobs, unbezahlbare Wohnungen, aus der Not heraus eine traurige Beziehung zu einem wesentlich älteren Mann.

Messina lotet die Gefühlswelt ihrer Generation aus – und das aus weiblicher Perspektive. Doch dies ist auch schon das einzig bemerkenswert Positive in diesem Roman. Auch die realitätsnahe Darstellung der Unterschichtskids ist der Autorin gelungen, aber das haben andere AutorInnen schon spannender hinbekommen: Édouard Louis in seinem Debüt «Das Ende von Eddy» etwa oder Annie Ernaux haben in ihren autobiografischen Herkunftsbüchern eine Tiefe, die Messina nicht im Ansatz erreicht. «Fehlstart» liest sich wie eine spätpubertäre Wutrede. Das Frankreich der Gelbwesten ist Kulisse für Sätze wie «Das erektile Organ zwischen seinen Beinen würde ihn nötigen, eine andere Vagina zu erobern». Messinas Stil ist schlicht, auch dramaturgisch bleibt die Geschichte überraschungsfrei.

Im französischen Feuilleton wurde Messina mit Skandalautor Michel Houellebecq verglichen. Die Autorin selbst zeigt sich da zurückhaltender. Sie sei beeindruckt gewesen vom Scharfsinn in Houellebecqs frühen Romanen. «Er war ein bedeutender Schriftsteller, und es ist schmeichelhaft, mit ihm verglichen zu werden», sagte sie der WOZ. «Doch seine neusten Romane haben wenig mit meinen zu tun.» Ausser vielleicht die Lust an der Provokation, könnte man anfügen.

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