Nr. 33/2020 vom 13.08.2020

Nacht der Rosen

Die 55-jährige kalifornische Senatorin Kamala Harris wird bei den Wahlen im November die Mitstreiterin von Joe Biden sein. Die Erwartungen an die demokratische Vizekandidatin sind unwirklich gross.

Von Lotta Suter, Vermont

Als befände sich das Land in einer Dauer-«Bachelor»-Sendung: Kamala Harris könnte als erste Frau ins Weisse Haus einziehen. Foto: Mario Tama, Getty

Die erste Vizepräsidentin der USA sollte vieles, wenn nicht alles, gleichzeitig sein. Gutaussehend, aber nicht strahlender als ihr Boss. Freundlich lächelnd, aber nicht anbiedernd. Tüchtig, aber nicht allzu ehrgeizig. Frisch, aber nicht unerfahren. Nicht so weiss wie Joe Biden, aber auch nicht allzu weit weg davon. Weltoffen und dabei unverkennbar amerikanisch. Die Frau an der Seite des 77-jährigen moderaten Kandidaten muss den jungen linken Flügel der Demokratischen Partei ansprechen, darf aber das Parteiestablishment nicht verschrecken. Sie muss sich aus Rücksicht auf die Nummer eins zurücknehmen, jedoch bereit sein, das höchste Amt notfalls von einem Tag auf den andern zu übernehmen. Verlangt ist eine Wonder Woman. Die 55-jährige Juristin und Senatorin Kamala Harris aus Kalifornien nimmt die Herausforderung an.

«250-jährige Jungfräulichkeit»

Die vergangenen Wochen fühlten sich zuweilen an, als stecke das Land in einer Dauer-«Bachelor»-Sendung: Selbstherrlich haben die US-Medien Rosen an denkbare Vizepräsidentschaftskandidatinnen verteilt – und auch wieder zurückgenommen. Als ob gestandene Politikerinnen wie Stacey Abrams, Elizabeth Warren, Karen Bass, Gretchen Whitmer, Tammy Duckworth oder Susan Rice auf die launische Gunst von eitlen Junggesellen angewiesen wären. Monica Hesse, Fachfrau für Genderfragen bei der «Washington Post», kommentierte die aktuelle Damenwahl in den USA so: «Wir befinden uns im Zustand einer 250-jährigen Jungfräulichkeit: eine Peinlichkeit vermischt mit Unbeholfenheit und umhüllt von bizarren Erwartungen.»

Tatsächlich bewarb sich bereits 1872 die Frauenrechtlerin Victoria Woodhull als erste Amerikanerin für das PräsidentInnenamt. Als Vizepräsident kandidierte der ehemalige Sklave und spätere Abolitionist Frederick Douglass. Leider war dies bloss die machtpolitisch aussichtslose Aktion einer kleinen Drittpartei, die für die Gleichberechtigung aller BürgerInnen kämpfte. Im Zweiparteiensystem der USA hat es auf beiden Seiten noch nie eine Frau nach ganz oben geschafft. 1984 stieg Geraldine Ferraro als Vize des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Walter Mondale ins Rennen, doch dieser verlor in 49 von 50 Staaten. 2008 unterlag das republikanische Duo John McCain und Sarah Palin gegen Barack Obama und Joe Biden. 2016 gewann Hillary Clinton bekanntlich das Volksmehr, nicht aber die Präsidentschaft.

Die Strasse als Verteidigerin

Wird Kamala Harris als erste Frau die Wahl ins Weisse Haus schaffen? Als Tochter eines jamaikanischen Vaters und einer tamilischen Mutter – beide AkademikerInnen, beide Anfang der sechziger Jahre nach Amerika eingewandert – gilt Harris in den USA als Schwarze Frau, auch wenn sie bei den AfroamerikanerInnen nicht besonders beliebt ist. Sie kann eine beachtliche, aber auch kontroverse Karriere als Staatsanwältin vorweisen. Als Senatorin war sie direkt und kämpferisch im Ton, aber eher moderat im Inhalt. Seit der Ermordung von George Floyd hat sie sich jedoch lautstark für eine Polizei- und Justizreform eingesetzt. Kamala Harris wird je nachdem als flexibel oder als opportunistisch eingeschätzt. Sie selbst hat in Interviews gesagt, dass Politik relevant sein müsse und nicht ein schönes Sonett.

Im Wahlkampf 2020 zeichnet sich im Übrigen bereits dieselbe Reaktion ab wie vor vier Jahren bei Hillary Clinton: offener Sexismus aus dem gegnerischen Lager um Präsident Donald Trump. Aber auch auf demokratischer Seite ist ein erstaunlich verbreitetes unterschwelliges Misstrauen feststellbar: Man will ja eine Frau – nur halt lieber nicht diese.

Die Wählerinnen selbst haben indessen dazugelernt. Nicht nur haben die Amerikanerinnen in den letzten vier Jahren grosse Kundgebungen organisiert und die #MeToo-Bewegung angerissen. Millionen von ihnen sind heute bereit, ihre Vizepräsidentin in spe auf der Strasse und in den sozialen Medien gegen sexistische Angriffe zu verteidigen. Gerade weil sie eine reale Frau ist wie sie.

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