Nr. 34/2020 vom 20.08.2020

Gute Laune mit Kultur?

Während die Kulturberichterstattung der Tamedia-Zeitungen immer mehr dem Service dient, vergrössert die «Weltwoche» ihr Feuilleton.

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Was die WOZ schon vor fünf Jahren als zukunftsträchtige Idee erkannt hat, ist nun auch in der «Weltwoche» von SVP-Nationalrat Roger Köppel angekommen: Die Kulturberichterstattung wird substanziell ausgebaut – auf zwölf Seiten pro Woche. Zudem wurde das Layout des Blatts aufgefrischt, Köppel gräbt dafür einen alten Wunsch aus seinen Zeiten als «Magazin»-Chefredaktor aus: sich – wenigstens visuell – Magazinen wie «The New Yorker» oder «Rolling Stone» anzunähern.

Unter der Überschrift «Unabhängig, kritisch, gut gelaunt» wird der Kulturausbau im Editorial als «möglichst brillant» geschriebene «fundierte Zuversicht, ja Heiterkeit» gegen «die Düsternis der Krankheit» angepriesen. Gemeint ist natürlich die Coronapandemie, deren gesundheitliche Gefahr Chef Köppel ja gern herunterspielt.

Vergessene Ambitionen

Ausgerechnet die Kultur soll nun also der «Fluchtweg» sein aus der bedrückenden Realität und den «tagespolitischen Fronten»: «Kein Debattismus. Künstler und Werk stehen im Mittelpunkt.» Eine schöngeistige Kulturauffassung aus längst vergangenen bürgerlichen Raucherzimmern oder Boudoirs. Diese «Literatur und Kunst»-Strecke wirkt denn auch weniger wie ein US-Edelmagazin als wie ein Echo des NZZ-Feuilletons von vorgestern und dessen – heute eingedampfter – Samstagsrubrik «Literatur und Kunst». Die Strategie könnte aufgehen, es gibt einige heimatlose Kulturbeflissene, die sich nach einem Feuilleton im alten Stil zurücksehnen. Aber ob die sich auch über Buchbesprechungen der Autotesterin und Influencerin Zoë Jenny freuen werden?

«Mehr Humor» verspricht die begleitende Werbekampagne. Bloss ist zu bezweifeln, dass es die altbackene «Witzzeichnung» mit Hägar dem Schrecklichen aus einer Zeit, als «politische Korrektheit noch nicht einmal ein Gerücht war», ins erklärte Idol «New Yorker» schaffen würde. Überhaupt kommt das neue Feuilleton im Vergleich mit den publizistischen Vorbildern, die oft mit mehrseitigen vertiefenden Kulturtexten glänzen, eher flach raus. Vor allem Rezensionen füllen die neuen Kulturseiten der «Weltwoche», für die man eigens einen Herausgeber angestellt und eine Redaktionsstelle geschaffen hat.

Im PR-Interview mit Matthias Ackeret beschwört Köppel eine Rückkehr zu den «Ursprungswurzeln» seiner Zeitung. Seltsam ist nur, dass er sich bei aller Wurzelseligkeit nicht erinnern mag, dass die «Weltwoche» Mitte der neunziger Jahre schon einmal viel ambitionierter in die Kultur investiert hatte: mit dem vierzigseitigen Kulturmagazin «Supplement», das der Zeitung knapp zwei Jahre lang monatlich beigelegt wurde.

Warum man überhaupt darüber reden muss? Weil der Kulturausbau beim rechten Kampfblatt «Weltwoche» einhergeht mit einem Um- und Abbau der Kultur bei den Tamedia-Zeitungen. Oder wie es Michael Marti als Mitglied der Chefredaktion im Interview mit persoenlich.com so schön sagte: Künftig solle bei Tamedia die Kultur ins Ressort Leben einsortiert und «der Servicecharakter des betreffenden Content-Angebotes akzentuiert» werden. Was das konkret bedeutet, lassen die Kulturseiten der letzten Wochen erahnen: Teils gibt es keine zusammenhängenden Artikel mehr zu lesen, sondern nach Stichworten sortierte Texthäppchen. Am Ende folgt «Das Fazit», aufgereiht nach positiven und negativen Punkten. Online wird der Service etwa durch eine Umfrage zum Thema «Wie politisch korrekt sind Sie?» ergänzt.

Schielen auf Klicks

Viele Texte übernimmt man per Flatratevertrag von der «Süddeutschen». Die Kulturbeilage «Züritipp» wurde auf einen zweiwöchentlichen Erscheinungsrhythmus zurückgestutzt. Aus Theaterkreisen ist zu hören, dass mit einem geplanten «Züritipp»-Relaunch im September die Sparte «Theater und Tanz» ganz abgeschafft werden könnte, zugunsten eines stärkeren Fokus auf Lifestyle und Stadtleben. VertreterInnen verschiedener Theaterhäuser haben dazu einen besorgten Brief an Tamedia-Herausgeber Pietro Supino verfasst.

Schon bizarr, dass die rechten Weltwöcheler offenbar viel besser erkannt haben, wie wichtig Kultur für die Gesellschaft ist. Wann begreift auch Tamedia, die seit März bereitwillig Kurzarbeitsgeld aus der Arbeitslosenversicherung bezieht, dass publizistische Verantwortung zwingend eine Investition in den Kulturjournalismus bedeutet – und zwar ohne penetrantes Schielen auf Klickzahlen?

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