Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

Nicht hier zu stehen, ist nicht angebracht

Kundgebungen, Wasserwerfer, rot-weiss-rote Bänder, Hoffnung und viel Gewalt: Ein paar persönliche Beobachtungen der Filmkuratorin Irina Demjanowa, notiert am 17. August.

Von Irina Demjanowa, Minsk

Jeden Tag will ich meinen FreundInnen schreiben und ihnen erzählen, was geschieht, was mir widerfährt – was uns allen widerfährt. Das ist nicht einfach, weil ich begriffen habe, dass uns das wirklich Schwierige erst bevorsteht und nach dem Sieg – sollte es einen Sieg geben – das Allerschwierigste beginnt.

In der Nacht vom 10. auf den 11. August wurden in mehreren Stadtvierteln von Minsk einige der grausamsten Polizeiaktionen durchgeführt. Zum Beispiel im Viertel um den Riga-Supermarkt, in dessen Nähe ich einmal gelebt habe: eine breite Hauptstrasse, zwischen den Fahrbahnen ein Grünstreifen. Auf der einen Fahrbahn versammelt sich eine Menschenmenge. Auf der anderen steht ein Wasserwerfer, der die Stahlrohre auf die Menschenmenge richtet. Auf beiden Seiten ist Stau, es scheint keine Ausweichmöglichkeit zu geben. Doch plötzlich rollt langsam ein Trolleybus auf der Seite der Menschenmenge, drängt durch den Stau auf den Grünstreifen und beschützt mit seiner Masse die Menschen vor dem Wasserwerfer.

Es geht die Aufforderung herum, man solle Unterschriften sammeln und die Beschwerden an die Staatsanwaltschaft und die Zentrale Wahlkommission schicken. Am einfachsten ist es, im eigenen Wohnhaus zu sammeln. Wir senden einander die Vorlagen, Texte, Formulare. Ich verlasse meine Wohnung, im Treppenhaus treffe ich einen Nachbarn. Noch nie habe ich ihn lächeln gesehen, ein Muskelpaket, kurz geschoren, ich dachte immer, er arbeite beim Geheimdienst. Ich begrüsse ihn und frage: «Für wen haben Sie Ihre Stimme abgegeben? Ich – für Tichanowskaja.» Den Namen der Gegenkandidatin nennen wir beide gleichzeitig, um den anderen nicht in Verlegenheit zu bringen, es fehlt wenig … Es zeigt sich, wir sind zusammen.


Noch im Vorfeld der Wahl tauchte die Info auf, dass das Rating von Lukaschenko bei drei Prozent liege, begleitet von entsprechenden Plakaten und Witzen. Morgens gehe ich aus meinem Haus und sehe, dass jemand auf alle Müllcontainer im Hof mit Ölfarbe «3 %» geschrieben hat.

Anja, meine Nichte, fand sich plötzlich mit einer Freundin im Epizentrum wieder. Zum Glück traten sie noch vor dem Beginn der Polizeigewalt die Flucht an. Sie wurden von vorbeifahrenden Menschen bemerkt, die ihr Auto anhielten, die Tür öffneten und sie nach Hause fuhren.

An dem Tag, an dem sich viele Frauen weiss gekleidet und mit Blumen in den Händen in verschiedenen Stadtteilen auf die Strasse stellten und protestierten, bin ich auch hingefahren. Auch in Weiss. Ich stand nicht, ich fuhr mit dem Wagen und hupte. Dann parkierte ich das Auto in einem Hinterhof und sah, wie junge Leute rot-weiss-rote Bändchen auf einen Laternenmast klebten – die Farben unserer offiziell nicht anerkannten Fahne. «Danke, Jungs», sagte ich, sie antworteten: «Es lebe Belarus!» Das ist unsere Parole. Ich ging weiter. Aus einem Hinterhof kam eine junge Frau, ebenfalls in Weiss, sah mich und sagte: «Es lebe.» Ich schluckte die Tränen hinunter und antwortete: «Es lebe!»


Ich will zur Kundgebung, doch mein weisses Armband – das ich wie viele andere Swetlana-Tichanowskaja-WählerInnen seit dem Wahltag trage – sieht nicht mehr gut aus. Ich entscheide mich, neue Bänder zu kaufen. Ich trete in einen Laden und frage: «Haben Sie Bänder?» – «Was für Bänder?» – «Welche Bändchen könnten es heutzutage denn sein, natürlich rot-weisse.» – «Ach, nein, die verkaufen wir nicht. Gehen Sie in den Stoffladen. Er ist nur hundert Meter weiter.» Sie führt mich zum Ausgang. «Dort, sehen Sie? Finden Sie ihn? Kennen Sie die Stadt gut?»

Ich kenne die Stadt gut, ich lebe schon mein ganzes Leben hier. Ich werde ihn finden.

Alleine in der Menge zu laufen, die Mitmenschen mit der rituellen Geste, dem Victory-Zeichen, zu begrüssen – es ist ungewohnt. Es ist schwierig, den Emotionen der Menge zu folgen, wenn man selber kein Abenteuer erwartet. Um 18 Uhr kommen auf dem Prospekt zahlreiche MitarbeiterInnen der Universitätsinstitute und verschiedener Behörden zusammen, schliessen sich den Demonstrierenden an. Eine nicht mehr junge, sehr bescheiden gekleidete Frau zieht aus ihrer Tasche ein selbstgebasteltes Plakat. Ihr, wie mir auch, fällt es nicht leicht, in einer Reihe mit den jungen, schönen, energischen Menschen zu stehen. Aber nicht hier zu stehen, ist nicht angebracht.

Zurück zu Hause fange ich an, Bekannte anzurufen, um zu erfahren, wie die Dinge stehen. Nach zwei Tagen in Haft wurde die junge Filmanimatorin Natascha Suprinowitsch entlassen. In einer Vierpersonenzelle wurden sie zu zwanzigst festgehalten. Man befahl ihnen, die ganze Nacht mit erhobenen Armen zu stehen, wer sie herunterfallen liess, wurde geschlagen und beschimpft. «Bei uns war es wie im Sanatorium, bei den Männern ging es viel schlimmer zu und her», sagt Natascha. Einige Tage später fuhr unser Kollege, der Regisseur Michail Tumela, mit ihr zum Gefängnis, um ihren Pass und einige Sachen abzuholen. Vor dem Tor sind freiwillige Ärzte, die jenen helfen, die aus der Untersuchungshaft kommen. Natascha hat sich lange geweigert, die erlittene Gewalt zu melden: «Ich habe nur ein Hämatom, bei der Essensausgabe bekam ich einen Schlag.»

Erst heute, nach sechs Tagen in Haft, wurde meine ehemalige Studentin Maria Klinowa freigelassen. Sie war als Wahlbeobachterin in einem Wahllokal und fotografierte. Dabei zeigte es sich, wie schwer es ist, der Gewalt die Stirn zu bieten. Im Protokoll steht: «(…) sie drückte sich vulgär aus, widersprach, stellte eine Gefährdung dar (…)»

Informationen über die Festnahme eines Ärzteehepaars machten die Runde. Sie sei schnell wieder entlassen worden, er nicht. Er arbeitet in einem Krankenhaus, reanimiert Kinder. Alle waren sehr beunruhigt über sein Schicksal. Wir erkundigten uns nach ihm und erfuhren Folgendes: «Man hat ihn entlassen, er wurde schwer verprügelt. Nein, er lag nicht im Krankenhaus, gleich nach der Freilassung ging er auf die Arbeit, er hatte Dienst in der Klinik.»


In der ganzen Welt fangen Musikerinnen, Regisseure und Schauspielerinnen an, unsere Sache öffentlich zu unterstützen. Der Geiger und Dirigent Wladimir Spiwakow lehnte als Erster die Auszeichnung durch einen Orden von Alexander Lukaschenko ab. Ich suche Spiwakows Website und schreibe einige dankende Worte. Im Netz schimpfen einige MusikerInnen, dass die Musik das eine und die Politik das andere sei. Falsch, heute kann man das nicht trennen. Und eigentlich: warum «heute»? Was ist mit Liedern wie «In den Abgründen der sibirischen Gruben» oder «Ich war damals mit meinem Volk» oder auch «Die Panzer rollen durch Prag»?

In öffentlichen Briefen an Lukaschenko verurteilen die Gewalt: Maria Guleghina, die ihre Karriere in der Minsker Oper begonnen hat und immer noch den belarusischen Pass besitzt, der junge Solist der Oper, Ilja Siltschikow, die Musiker der Minsker Philharmonie, die Direktorin unseres Filmfestivals, Anschelika Kraschewskaja, das Minsker Kunstmuseum, alle Theater im Lande. Noch vor der Wahl haben sich viele führende Künstlerinnen und Regisseure zu Wort gemeldet. Einige haben versucht, einen Protest gegen die kürzliche Verhaftung des Dokumentarfilmers Maxim Schwed zu organisieren, sie wollten Unterschriften für eine Petition sammeln und sie dem Innenminister überreichen. Das Ergebnis? Der Erste sah keinen Grund, zu unterschreiben, die Zweite schwieg sich aus, und ein Dritter meinte, er würde sich keiner Revolution anschliessen. Viele haben entschieden abzuwarten, was die Entwicklung bringen wird. Mich haben KollegInnen aus der Ukraine, Estland, den USA, Russland, Litauen, Lettland, Polen, Tschechien und Deutschland angeschrieben. Uns unterstützt die grosse Welt, aber wichtig ist, denen die Hand zu reichen, die nebenan stehen.


Zur Sonntagsdemo kamen so viele Menschen, dass ich kurz einen Panikanfall hatte – noch nie habe ich eine solche Menschenmenge erlebt. Ich trat aus der U-Bahn, und – sicher weil an meiner Handtasche die Bänder befestigt waren – ein junger Mann reichte mir einen kleinen Strauss frischer Gladiolen mit den Worten: «Hier haben Sie rot-weisse Blumen.» Ich kam nach Hause, schaute in den Spiegel – mein Gott, ich bin jünger geworden.

In dieser weissen Revolution, der Revolution der Hoffnung, fehlen viele Dinge: Es gibt kein seriöses Wirtschaftsprogramm, es gibt keinen präzisen politischen und organisatorischen Plan, es gibt keinen festen Leader, keinen Regisseur. Es gibt in ihr etwas Grösseres. Die Revolution hat die Gesellschaft verwandelt und hilft den Menschen, einen grossen Schritt zur Bildung der Nation zu tun. An den Demonstrationen tauchen sehr viele Plakate auf, kleine und bescheidene, mit ungeübter Hand beschriftet. Man sieht auch grosse, fast professionell gemachte. Die Menschen schreiben die Slogans von Hand, zu Hause oder gleich vor Ort und lassen diese dann im Copycenter drucken.

Ich gehe an einem Plakat vorbei. Es ist gross, zwei Meter hoch, sechs Meter breit. Junge Leute halten es hoch. Auf weissem Hintergrund steht in roten Buchstaben: «Ich wusste nicht, dass ich eine so grosse Familie habe.» Junge Mädchen laufen vorbei: «Schau, wie cool, lass uns ein Foto machen.»

Übersetzung aus dem Russischen von Malgorzata Bucka.

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