Nr. 46/2020 vom 12.11.2020

«Wie kommt die Kultur zu ihrem Geld?»

Sandra Künzi lobbyiert in der Coronakrise für die Kulturbranche und erklärt, was von der staatlichen Hilfe geblieben ist. Sie fordert, dass die Sozialversicherungen sich der Arbeitsrealität von Kulturschaffenden anpassen sollen.

Von Silvia SüessMail an Autor:in (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Sandra Künzi: «Bald gibt es gar keine Veranstaltungen mehr, die noch ausfallen, also entschädigt werden könnten.»

WOZ: Sandra Künzi, Sie sind Mitglied der Taskforce Culture. Was tut diese genau?
Sandra Künzi: Als der erste Lockdown kam, war klar, dass die Kulturbranche schnell und geeint reagieren musste. Der Musiker Christoph Trummer und ich ergriffen gleichzeitig die Initiative dazu. Die Taskforce Culture ist eine informelle, verbandsübergreifende Arbeitsgruppe, die sich dafür einsetzt, dass alle aus der Kulturbranche möglichst rasch und unkompliziert zu ihrem ausgefallenen Geld kommen. Und zwar Veranstaltende, Technikerinnen sowie angestellte und freie Kulturschaffende. Im Grunde sind wir ein zufällig entstandener Haufen, der zum Glück extrem gut funktioniert: Es hat keine Diven, alle sind in der Lage, über ihren eigenen Garten hinauszuschauen, haben viel Fachwissen und eine hohe Sozialkompetenz. Wer schon einmal mit Basisdemokratie zu tun hatte, weiss, was ich meine …

Gibt es nicht genügend Kulturverbände, die sich dafür einsetzen?
Doch, und sie sind auch sehr wichtig. Aber wenn jeder einzelne Verband sein Brieflein an den Bundesrat verschickt, bringt das nichts. Schauen Sie, wie das mit Economiesuisse in der Wirtschaft funktioniert. Die Lobbyisten haben die direkte Handynummer der Bundesräte, gehen mit ihnen Wein trinken und nehmen informell viel Einfluss. Ob das gut ist, darüber kann man streiten. Aber klar ist: Auch die Kultur braucht einen direkten Draht zu den massgeblichen Stellen und eine starke Stimme. Und das mit dem Wein … Na ja, ich hab lieber Bier.

Für Aussenstehende wirkt es ziemlich kompliziert, wie Kulturschaffende und Veranstaltende jetzt zu ihren Geldern kommen. Können Sie das erklären?
Es ist tatsächlich sehr kompliziert, unter anderem auch, weil für jede Massnahme ein anderes Amt zuständig ist, erst auf Bundesebene und dann noch kantonal. Eigentlich kann man das ohne Visualisierung gar nicht erklären. Auf jeden Fall muss man unterscheiden zwischen den Kulturmassnahmen, also jenen, die nur für diese Branche gelten, und den gesamtwirtschaftlichen Hilfsmassnahmen.

Fangen wir bei denen an, die explizit für die Kulturbranche gelten.
Da gibt es drei verschiedene Massnahmen: die Ausfallentschädigung, die neu nur noch für Kulturunternehmen gilt, die Nothilfe für Kulturschaffende und neu Gelder für sogenannte Transformationsprojekte. Bisher sehr gut funktioniert hat die Nothilfe, weil sie zentral über eine Stelle läuft, den Verein Suisseculture Sociale. Eher schwierig lief es mit der Ausfallentschädigung.

Warum?
Bisher fehlt eine Analyse. Ein Problem ist wohl, dass 26 Kantone zuständig sind. Den Föderalismus halte ich in der aktuellen Situation für problematisch. Man hätte das besser zentral geregelt. Allerdings liegt die Kulturförderung in der Hoheit der Kantone, sie müssen die Hälfte der Ausfallentschädigung berappen. Jedenfalls warten rund vierzig Prozent der Gesuchstellenden seit Frühling auf einen Entscheid! Und bald gibt es gar keine Veranstaltungen mehr, die noch ausfallen, also entschädigt werden könnten.

Wie läuft es mit den gesamtwirtschaftlichen Hilfsmassnahmen?
Da gibt es für die Selbstständigen den Coronaerwerbsersatz, für Angestellte die Kurzarbeitsentschädigung und neu wird es noch die Härtefallregelung geben. Da der Bundesrat die Kurzarbeitsentschädigung während der ausserordentlichen Lage auch für befristete Arbeitsverhältnisse zugelassen hat, war diese Massnahme für die Kulturbranche extrem wichtig. Denn gut die Hälfte der Kulturschaffenden ist befristet angestellt – zumindest in der freien Szene. Leider wollte das Parlament keine Kurzarbeitsentschädigung für befristet Angestellte mehr, was für Kulturschaffende eine Katastrophe ist. Ein grundsätzliches Problem ist aber sicher auch die veraltete Vorstellung von Arbeit.

Wie meinen Sie das?
Auf der einen Seite verlangt die Wirtschaft zunehmende Flexibilität – gleichzeitig hat man aber ein Sozialversicherungssystem, das von einer unbefristeten, hundertprozentigen und möglichst lebenslangen Anstellung ausgeht. Das ist absurd. Bei den Kulturschaffenden zeigt sich das beispielsweise bei der Berechnung des Coronaerwerbsersatzes: Du bekommst ein Taggeld, das achtzig Prozent deines regelmässigen Einkommens entspricht. Doch was ist, wenn du, wie viele Kulturschaffende, kein regelmässiges Einkommen hast? Wenn man einfach pro Gig ein Taggeld zahlt, ist das nicht korrekt, denn jeder Gig hat eine Vorbereitungszeit, man hat Fixkosten … Leider hat das zuständige Amt bisher kein Musikgehör, obwohl wir seit Monaten auf diese Probleme hinweisen. Die aktuelle Krise zeigt: Wir müssen unser Sozialversicherungssystem grundsätzlich überdenken. Die Sozialversicherungen sollten den Leuten dienen, die arbeiten. Es kann doch nicht sein, dass wir unsere Arbeitsweise anpassen müssen, damit wir ins Sozialversicherungssystem reinpassen!

Sandra Künzi (51) ist nicht nur Veranstalterin und Juristin, sie ist unter anderem auch Autorin, Musikerin oder Performerin. Derzeit macht sie vor allem Kulturpolitik und geht viel nach draussen.

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