Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

Warum erst jetzt?

Ein rechtsextremer Student – und das an einer Kunsthochschule. Erstaunlich, dass bis vor kurzem nichts davon an die Öffentlichkeit drang. Was erzählt das über die Zürcher Kunsthochschule? Und wie steht es mit der Prävention?

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«An einer Kunsthochschule besteht die Gefahr, dass man Rechtsradikalismus nur als Phänomen diskutiert, das man weit weg wähnt»: Eingang zur Zürcher Hochschule der Künste.

Plötzlich laufen die Kanäle heiss. Grosse Aufregung. Und das, nachdem sich unter einigen Studierenden schon seit bald einem Jahr herumgeflüstert hatte, was für einer Tätigkeit C. (Name der Redaktion bekannt) neben seinem Studium nachgeht.

Fast ein Jahr ist es auch her, dass bei einem Dozenten an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) die Alarmglocken hätten läuten müssen: Im Herbst 2019 gab ihm der damals achtzehnjährige Student des Studiengangs Scientific Visualization einen ersten Aufsatz mit rassistischem Inhalt ab. Auch in zwei weiteren Aufsätzen aus jenem Semester, die der WOZ vorliegen, brachte C. rassistische Gedanken zu Papier. Egal ob es um «Erfahrung», «Wahrnehmung» oder «Objektivität» ging: Zu jedem Thema fand er eine Argumentationslinie, in der er ohne grosse Umschweife zu einer Unterteilung in intelligentere und weniger intelligente «Rassen» kam.

Dann aber, mitten in den Semesterferien, bricht die Antifa das Tabu. Am 8. August outet sie C. auf der Website «Barrikade» als Mitglied der rechtsextremen «Eisenjugend»: mit vollem Namen, Adresse, Gesicht – und dem Hinweis auf sein Studium an der ZHdK. Jetzt erst ist der Teufel los. Der «Tages-Anzeiger» bringt eine grosse Recherche über diese Neonazis aus dem Raum Winterthur, die auf sozialen Plattformen furchterregende Parolen verbreiten und offensichtlich ein Pendant der US-amerikanischen Iron Youth sind. Ihr Ziel: die Vorherrschaft der «weissen Rasse».

Am 12. August stellt die Kantonspolizei bei zwei Mitgliedern der Eisenjugend mehrere Schusswaffen sicher. Seit diesem Tag kursiert in den sozialen Medien auch eine von aktuellen und ehemaligen ZHdK-StudentInnen lancierte Petition, die die «umgehende Exmatrikulation» des Studenten fordert. «Wir fühlen uns bedroht, wenn sich ein Mensch mit einer solchen Geisteshaltung an der Hochschule frei bewegen kann», schreiben sie und fordern von der Schulleitung «eine Erklärung dazu, wie das Leitbild der ZHdK, die Diversity Policy, in Zukunft präventiv umgesetzt werden kann» und «dass sämtliche Schritte, Diskussionen und präventive Massnahmen gegen rechten Extremismus komplett transparent mit allen Angehörigen der Schule kommuniziert werden». Innerhalb weniger Tage unterschreiben rund 1800 Studierende und weitere Personen die Petition.

Fehlende Diskussionskultur

Warum erst jetzt? Gab es in all den Monaten zuvor nie grössere Diskussionen? Gemäss Aussagen von mehreren aktuellen und ehemaligen Studenten aus dem Departement Design, zu dem die Fachrichtung Scientific Visualization gehört, war dies nicht der Fall.

Anruf bei Miryam Eser Davolio, die zur Prävention von Rechtsextremismus forscht. Für eine Kunsthochschule sei ein solcher Fall ungewöhnlich, sagt die Professorin für Soziale Arbeit an der ZHAW Zürich. Das bringe Probleme mit sich: Im Gegensatz zu den durchmischteren Berufsschulen herrsche an den Kunstschulen ein linksliberaler Grundkonsens. «Das birgt die Gefahr, dass man Rechtsradikalismus nur als Phänomen diskutiert, das man weit weg von sich wähnt.»

Ist das mit ein Grund für das lange Schweigen? Andreas Berger*, der sein Designstudium an der ZHdK vor einem Jahr abschloss und die Petition mitlanciert hat, berichtet, dass er nach dem Outing durch die Antifa einen Screenshot mit den drei Aufsätzen von C. erhalten habe – von einer Studentin, der die Texte schon Ende 2019 zugespielt worden seien. Auch weitere Studierende geben anonym Beobachtungen weiter. So beschreibt ein Student C. als eher verschüchterte Person, der stets mit Proteinshakes unterwegs sei; ein anderer lässt durchblicken, dass C. auf den ersten Blick eine gar nicht so unangenehme Person sei, während eine Studentin ihn als jemanden schildert, der sich oft in intensive Diskussionen mit Dozierenden einliess.

Und das führte nicht zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Menschenbild von C.? Die ZHdK will dazu keine Fragen beantworten, verweist stattdessen auf ein kurzes Statement, das sie am 13. August veröffentlichte: «Gemäss ZHdK-Leitbild ist die Achtung der Würde und Integrität aller ein unverhandelbares Gut. Diskriminierungen jeglicher Art dulden wir nicht. (…) Die Hochschulleitung nimmt ihre Verantwortung in engem Kontakt mit offiziellen Stellen und den Behörden in vollem Umfang wahr. Die Sicherheit von ZHdK-Angehörigen hat höchste Priorität.»

Berger erstaunt das nicht. Schon zu seiner Zeit an der ZHdK habe sich die Diskussionsfreudigkeit der Schulleitung in Grenzen gehalten. Überhaupt könne er sich nur an wenige Momente erinnern, in denen «tiefergehend über die Rolle der Kunst und des Designs in der Gesellschaft» diskutiert wurde: «Viele schriftliche Arbeiten finden in interdisziplinären Designtheorie-Modulen statt. Eine Dozierende erhält dort bestimmt 150 Aufsätze auf einmal. Feedbacks darauf sind praktisch inexistent.» Ganz allgemein sei ihm die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen zu wenig ernsthaft geführt worden. «Es wäre interessant zu sehen, wie es wäre, wenn es an der ZHdK Vorträge und Diskussionen zu Themen wie Kunst und Faschismus gäbe.» Er fügt an: «Vielleicht musste der oberflächliche linksliberale Konsens gerade durch so einen Fall durchbrochen werden.»

Ist die Ursache für die fehlende Diskussionskultur vielleicht auch darin zu suchen, dass sich die ZHdK in einem permanenten Wettbewerb befindet? Dass sie als Flaggschiff der Kreativwirtschaft eine zentrale Rolle im Standortmarketing spielt? Auch dazu gibt die ZHdK keine Auskunft. Und so schwebt das verbreitete Gerücht, dass Studierende an der ZHdK auf Kosten einer kritischen Auseinandersetzung auf ihre Markttauglichkeit getrimmt werden, unwiderrufen im Raum.

Konfrontative Prävention?

Was nun? Und vor allem: Wie steht es um die präventiven Massnahmen? Gibt es dazu Erfahrungen aus anderen Schulen? Miryam Eser Davolio betont, wie nötig es in so einem Fall sei, eine Diskussion zu führen. «Wichtig ist, dass die Person eine klare Gegenposition spürt.» Zugleich warnt sie vor vorschneller Stigmatisierung: «Man sollte einen solchen Menschen nicht sofort abschreiben und seine soziale Rolle voreilig aufs Spiel setzen. Es geht darum, ihm zu vermitteln, dass man seine Überzeugungen ablehnt, aber nicht ihn als Person.» Was wären denn geeignete Massnahmen, solange eine rechtsextreme Haltung noch nicht allzu verfestigt ist? «Ein Mittel könnte sein, gemeinsam mit dem Betroffenen eine Charta zu formulieren, in der man sich auf zentrale Grundwerte einigt, die für die Ausbildung gelten. Es gibt aber auch konfrontative Wege: etwa indem man im Unterricht ein Thema wie die Menschenwürde diskutiert.»

Was aber, wenn sich die rechtsextreme Haltung schon allzu verfestigt hat? Für die Schulleitung sei es in einem solchen Fall schwierig, den richtigen Umgang zu finden, sagt Eser Davolio. Umso mehr, als sie sich dabei auch an rechtsstaatliche Prinzipien halten müsse. Eine umgehende Exmatrikulation etwa könne problematisch sein: «Dazu bräuchte es klare Beweise für eine rechtswidrige Handlung.»

Auch zwei Wochen nach dem Outing von C. wollen weder die Schulleitung noch Dozierende mit der WOZ über ihr weiteres Vorgehen sprechen. Und auch C. selber reagiert nicht auf das Angebot, Stellung zu beziehen. Die Kommunikationsstelle der ZHdK verweist derweil auf eine interne Zoom-Veranstaltung am 26. August – kurz vor Redaktionsschluss dieser WOZ.

Andreas Berger hat als ehemaliger Student keinen Zugang zur Konferenz. Er verfolgt sie bei einer Studentin. Titel der Veranstaltung: «Diskriminierende Haltungen / ZHdK-Leitbild / Rechtsstaat». Teilnehmende: Rektor Thomas D. Meier, Verwaltungsdirektorin Claire Schnyder, der Direktor des Departements Design, Hansuli Matter, und die Leiterin Fachstelle Gender and Diversity, Patricia Felber. Die Moderation übernimmt Jörg Scheller, Professor am Departement Fine Arts, unter anderem auch bekannt durch seine damalige Bereitschaft zur Mitwirkung an der – aufgrund von Protesten wegen der Teilnahme des AfD-Intellektuellen Marc Jongen – letztlich abgesagten Podiumsveranstaltung zum Thema «Die Neue Avantgarde» im Theaterhaus Gessnerallee im Jahr 2017.*

Nach der Veranstaltung meldet sich Berger. Nach einem Exkurs von Scheller zu rechten Tendenzen in der Kunst der sechziger Jahre habe Rektor Meier mit der Aussage überrascht, erst am 6. August durch den «Tages-Anzeiger» von der Sache erfahren zu haben. Nun, so Meier, überlege man sich Massnahmen, die noch vor Semesterbeginn kommuniziert würden. Bis auf weiteres sei C. der Zutritt zur Schule verboten.

Ansonsten: «Viele leere Worte rund um Sicherheit, Rechtsstaat und Diversity», sagt Berger. «Eine entschlossene Positionierung gegen Rechtsextremismus hat gefehlt.»

*  Name geändert.

* Korrigendum vom 28. August 2020: In der Printversion sowie in der ursprünglichen Onlineversion dieses Textes war ein Satz über Jörg Scheller, Professor am Departement Fine Arts, missverständlich formuliert. Er wurde hier geändert.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch