Nr. 26/2016 vom 30.06.2016

Eine Kunstschule sucht ihre Orientierung

Darfs ein bisschen bunter sein? StudentInnen und DozentInnen wehren sich gegen einen Umbau des Bachelorstudiengangs Kunst und Medien an der ZHdK. Die Proteste richten sich auch gegen die Ökonomisierung der Kunstausbildung.

Von Florian Keller

Es war eine Schlagzeile mit eingebautem Zeitzünder. «Etwas mehr Anarchie wäre nicht schlecht!», sagte der Architekt Daniel Niggli in einem Interview im «Zett», dem Magazin der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Niggli ist Mitinhaber des Architekturbüros EM2N, das für den Umbau der einstigen Toni-Molkerei in einen Campus verantwortlich war. Angesprochen darauf, dass die neuen Räume und ihre restriktive Nutzungsordnung im neuen Toni-Areal bei StudentInnen für chronischen Unmut sorgen, wünschte er sich mehr Mut und Gelassenheit von allen Beteiligten, aber irgendwie doch auch: etwas mehr Anarchie. Das war am 14. März.

Wie ein rosaroter Ferrari

Der Architekt hat natürlich gut reden. Sterile Korridore, teils fensterlose Räume, zu schmale Türen und fehlende Lagerräume? Sollen die Leute im Haus halt etwas anarchischen Geist walten lassen. Oder wie es eine Studentin ausdrückt: «Du hättest gern einen alten Kombi, aber dein Vater schenkt dir einen rosaroten Ferrari. Logisch hast du alles, aber dir ist überhaupt nicht wohl damit.»

Knapp drei Monate nach dem Interview war es dann, als ob der Wunsch des Architekten über Nacht ein bisschen wahr geworden wäre. Im Vorfeld der Diplomausstellung hatten Unbekannte einen einzelnen Korridor im siebten Stock bemalt und versprayt – bei den Kunstateliers in der hintersten, oberen Ecke des Toni-Areals. Mit der Gelassenheit war es aber nicht weit her: Der Schulleitung war das zu viel Anarchie, die hier ins Werk gesetzt wurde. Sie klassifizierte den Vorgang als «Vandalismus» und hat ein Disziplinarverfahren angekündigt (vgl. «Mir sind die Frontlinien nicht klar»).

Dabei waren die Graffiti und Malereien in einer Zone angebracht worden, die grundsätzlich zur Gestaltung freigegeben ist und wo die Wände schon vorher eifrig bemalt und beschriftet worden waren. Das Problem, so erklärte die Medienstelle der Schule gegenüber dem Stadtblog «Tsüri», seien auch nicht die Wände, sondern dass nun darüberhinaus Bauteile wie Glastüren, Lavabos und Feuerschutzkästen besprayt worden seien. Sogar die Signaletik sei im siebten Stock teilweise derart zerstört worden, «dass eine Orientierung unmöglich ist».

Ein erhellender Hinweis. Denn falls man – jenseits von Fragen nach künstlerischem Wert und strafrechtlicher Relevanz – diesen Graffiti im Minimum einfach mal zugestehen will, dass es sich dabei um eine Form von informeller Institutionskritik gehandelt haben könnte: War das womöglich nicht gerade eine der Pointen an der Sache? Dass da eine Kunstschule ihre Orientierung sucht?

Reform provoziert «Heimatverlust»

Ob man in den Sprayereien nun einen künstlerischen Protest sehen mag oder nicht: Die Aktion im siebten Stock war nur das farbigste Kapitel in einem Konflikt, der schon länger schwelt. Richtig laut wird der Unmut erstmals Ende März, als StudentInnen in einem offenem Brief an die Schulleitung gegen den Umbau des Bachelorstudiums Kunst und Medien protestieren. Die Kritik entzündet sich in erster Linie daran, dass diese Reform «gegen jeden konstruktiven Input» und «gegen alle Widerstände» durchgepeitscht werde. Die Rede ist von fehlendem Anstand und mangelnder intellektueller Redlichkeit: Die Schulleitung sei so «überstürzt» bis «unprofessionell» vorgegangen, dass das Ergebnis «die Realitäten eines zeitgemässen Kunststudiums nicht abbildet oder ihnen sogar komplett entgegenläuft».

Das Schreiben lässt an Schärfe nichts zu wünschen übrig, unterzeichnet ist es von 149 BachelorstudentInnen aus dem Departement Kunst & Medien (DKM). Das sind nicht sehr viele, gemessen an 1997 Studierenden in allen Diplomstudiengängen zusammen. Aber es sind fast drei Viertel aller BachelorstudentInnen im DKM. Und sie sind nicht allein: Mitte April doppeln die DozentInnen und der Mittelbau des betreffenden Studiengangs mit offenen Briefen nach, milder im Ton, aber genauso deutlich in der Sache.

Die elf neuen Praxisfelder, die die bislang vier Vertiefungen ablösen sollen, seien teils unklar und widersprüchlich formuliert, monieren die DozentInnen. Beispiel gefällig? Die Vertiefung «Theorie», in den Augen der StudentInnen einer der letzten Horte widerständigen, politischen Denkens innerhalb der Schule, wird abgeschafft zugunsten eines neuen Praxisfelds namens «Ästhetische Theoriepraxis». Glücklich, wer weiss, was damit gemeint sein könnte, wenn er oder sie sich fürs nächste Semester einschreiben möchte – eine genauere Beschreibung gibt es nicht. Rektor Thomas D. Meier wiederum sagt auf Anfrage, der Umbau provoziere wohl auch einen «Heimatverlust» bei den Studierenden – ein emotionaler Faktor, den man unterschätzt habe.

Mailverkehr als Wandzeitung

Die klimatischen Störungen verstärken sich, als ein Kunststudent im Vorfeld der Diplomausstellung den Mailverkehr zum Umbau des Studiengangs in den Korridor klebt, die Namen eingeschwärzt – Institutionskritik in Form einer Wandzeitung. Etwas mehr Gelassenheit? Auch diesmal Fehlanzeige. Auf Anordnung der Schulleitung werden die Papierbahnen prompt entfernt. Für den nächsten Zwist sorgt dann der Student, der inzwischen eine Anzeige gegen die Schulleitung eingereicht hat wegen Zerstörung einer künstlerischen Arbeit. (Wobei, besonders politisch ist das ja auch nicht, deswegen zur Polizei zu gehen. Inzwischen ist klar, dass die Polizei von einer strafrechtlichen Verfolgung absieht.)

Eine weitere Kapriole betrifft die Leitung des Studiengangs. Als designierte Leiterin wird die kanadische Kuratorin Jennifer Allen abgesetzt, bevor sie ihre Stelle überhaupt angetreten hat. Die Gründe dafür werden nie kommuniziert. Darauf angesprochen, sagt Thomas D. Meier, dass sich eine «mangelnde Passung» auf die konkreten Leitungsaufgaben gezeigt habe. Wieso hat man das erst so spät gemerkt? Das könne er nicht beurteilen, sagt der Rektor und verweist auf die Findungskommission, die die entsprechende Empfehlung abgegeben habe. Gerüchten zufolge wird dieser Tage die bisherige Studienleiterin Nadia Graf wieder eingesetzt – als Nachfolgerin ihrer selbst.

Symptomatisch für das Ganze

Der Unmut, so scheint es, konzentriert sich dabei auf das Departement Kunst & Medien mit seinen insgesamt rund 300 StudentInnen. Clifford E. Bruckmann, Vorstandsmitglied des Studierendenrats (SturZ), sagt dazu: «Verglichen mit anderen Disziplinen haben Kunststudierende eine vielleicht erhöhte Sensibilität mit entsprechendem Hang zu kritischer Aktivität.» Für ihn ist die Unruhe aber auch symptomatisch für das Ganze: Gerade im Bereich der bildenden Kunst könne man ablesen, wie Überlegungen zu Harmonisierung, Ökonomisierung und Corporate Identity unter dem Banner einer fusionierten Hochschule der Künste an ihre Grenzen stiessen.

Das ist auch auf den Begriff «Creative Economies» gemünzt, den die Schulleitung zuletzt wie eine Beschwörungsformel wiederholt in den öffentlichen Diskurs eingespeist hat. Die entsprechende Forschungsinitiative, zu deren Partnern ein Managementinstitut der Universität St. Gallen gehört, war einer der Schwerpunkte am Jahresmediengespräch der ZHdK im Mai. Dabei wurde der «Kreativwirtschaftsbericht 2016» präsentiert – eine Studie, in der so gut wie nie von Kunst und Kultur die Rede ist, dafür umso mehr von «Wertschöpfung» und «innovativen Geschäftsmodellen».

Dumpingjobs für StudentInnen

Dazu passte, wie Rektor Meier zusammen mit Christoph Weckerle, dem Koautor der Studie, im April in einem kurzen Gastbeitrag für den «Tages-Anzeiger» den Wert der Ausbildungen an ihrer Schule nach rein ökonomischen Kriterien mass: «Die Angehörigen der Kreativwirtschaft leisten einen wichtigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft.» Die Kreativwirtschaft «mit ihren netzwerkartigen Geschäftsmodellen» funktioniere auch als Zukunftslabor für die Wirtschaft, überdies liege die Erwerbslosenquote bei der «kreativen Klasse» fünf Jahre nach Abschluss des Studiums unter zwei Prozent. So werden unbezahlte Praktika und andere prekäre Arbeitsbedingungen schöngeredet, wie sie gerade auch an prestigeträchtigen Kunstevents wie der Manifesta in Zürich kultiviert werden, mit der die ZHdK gewissermassen als Vermittlerin von Dumpingjobs für StudentInnen zusammengespannt hat.

Die Kunsthochschule als Wirtschaftsmotor aus dem Geist einer neoliberalen Kreativität? Mag sein, dass das einfach auch taktische Anbiederung war: Wer der Politik genau das vorbetet, was sie hören will, glaubt vielleicht, den Legitimationsdruck zu dimmen, der auf kultureller Arbeit lastet. «Aber selbst wenn das nur Branding sein sollte», wendet Bruckmann vom SturZ ein: «Wenn man die Schule so brandet, wird sie auch so wahrgenommen.» Und auch wenn ein guter Teil der Studiengänge an der ZHdK durchaus kreativwirtschaftlich ausgerichtet, also markt- und produktorientiert ist: Bei StudentInnen, bei denen das nicht der Fall ist, kommt solches Branding schlecht an.

Besagter «Tagi»-Artikel bleibt erst unbeachtet – später wird er fleissig kopiert und landet auf den Toiletten im Toni-Areal. Die studentische Gegenrede ist dann auf einem anonymen Flugblatt zu lesen, das anlässlich der Diplomfeier am 9. Juni verteilt wird. Die Argumentation Meiers und Weckerles zeuge «von einer vorbehaltlosen Verkörperung einer unternehmerischen, marktorientierten Haltung gegenüber (künstlerischer) Bildung». Dazu wird an der Fassade des Toni-Areals ein riesiges Transparent enthüllt, gerichtet an die sieben Herren (!) der Hochschulleitung: «Es heisst nicht Zürcher Hochschule der Creative Economies».

Die gestörte Signaletik

Die UrheberInnen wollen sich namentlich nicht weiter dazu äussern. Was ihnen aufstösst, geht aber aus dem Flugblatt deutlich hervor: Das öffentlichkeitswirksame Mantra von den Creative Economies bei gleichzeitiger Abschaffung der Theorie im Kunstbachelor zeugt für sie von einer bedenklichen Verschiebung der strategischen Prioritäten. Kritische Richtungen, die sich gegen eine unmittelbare Inwertsetzung sperren, werden geschlossen. Anders gesagt: Die Signaletik der Schule scheint etwas gestört in ihrer Balance zwischen Innen- und Aussenwirkung.

Einen der interessanteren Gedanken dazu hat jüngst Jörg Scheller in der «NZZ am Sonntag» formuliert. Der Dozent für Fotografie an der ZHdK und ironischerweise eine der treibenden Kräfte bei der umstrittenen Reform des Bachelors in Kunst und Medien schrieb: «Je tiefer der Graben zwischen Kunst und Kommerz, desto grösser die wechselseitige Inspiration, im negativen wie positiven Sinne.» Die Schulleitung, so wäre der Unmut der StudentInnen zu deuten, arbeitet im Gegenteil gerade fleissig darauf hin, diesen Graben zuzuschütten.

Im Juli erscheint im Verlag Scheidegger & Spiess das Buch «Zürcher Hochschule der Künste: Toni-Areal», herausgegeben von Katharina Nill und Janine Schiller.

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