Durch den Monat mit Peter Howald (Teil 1) : Warum haben Sie Ihr Riesenrad verkauft?

Nr.  36 –

Seit über vierzig Jahren ist Peter Howald auf Jahrmärkten unterwegs. Wie alles mit einem Wurststand begann, was im Lauf der Jahrzehnte alles dazu- und besonders gut ankam – und warum er genug hat von Riesendingern.

Peter Howald in Effretikon: «Ich verkrachte mich mit meinem Partner und musste schauen, dass ich aus dem ganzen Zeugs möglichst rasch wieder rauskomme.»

WOZ: Herr Howald, träumten Sie schon als Kind davon, Schausteller zu werden?
Peter Howald: Ich bin da eher hineingewachsen. Schon mein Vater war auf Chilbis tätig. Und auch sein Onkel. Der hatte damals aber nur einen Wurststand.

Und Ihr Vater?
Anfang der fünfziger Jahre hat er diesen Wurststand vom Onkel übernommen. Zuerst war er da noch mit einem Velo und einem Anhänger unterwegs. Leider haben wir den irgendwann fortgeschmissen.

Und abends radelte er wieder nach Hause?
Ja, wenn kein Zug mehr fuhr, pedalte er mit dem Velo heim. Irgendwann in den fünfziger Jahren kaufte sich mein Vater einen alten Chevrolet. So einen mit grossem Kofferraum, das war neu damals. Alle Marktfahrer hatten irgendwann diese grossen Chläpfe, da konntest du alles Mögliche reinpacken. Im Lauf der Jahre hat mein Vater dann expandiert und mehrere Wurststände betrieben.

Wie haben Sie das als Kind erlebt?
Ein Bild, das mir bleibt, ist die Seegfrörni 1963, als wir am Zürichsee zwei Wurststände betrieben. Und wie wir an den Wochenenden jahrelang zum Üetliberg mitgehen mussten, wo unsere Eltern ebenfalls einen Stand betrieben. Am aufregendsten waren da die Nachtskispringen. Voll in den Betrieb meines Vaters eingestiegen bin ich Mitte der siebziger Jahre, mit zwanzig. Vorher besuchte ich die Handelsschule und habe immer auch mitgeholfen. In dieser Zeit haben wir weitere Anhänger angeschafft und zunehmend auch andere Imbisswaren angeboten. Erst mit 34 machte ich meine eigene Bude auf.

Zuerst die Grillbraterei – und wann das Vergnügen?
Die erste Schiessbude kaufte ich mit einem Kleinkredit. 8000 Franken – das war Anfang der achtziger Jahre viel Geld. In den Wintermonaten verdiente ich mein Geld einige Jahre als Chauffeur der Firma Webstar und belieferte Kioske und Restaurants mit Zigaretten, Süssigkeiten und dergleichen. Im Lauf der Jahre habe ich mich mehr und mehr von meinem Vater gelöst. Irgendwann habe ich einen eigenen Betrieb gegründet. Auf die Schiessbude folgte ein Kinderkarussell. Und dann: eine Geisterbahn.

Eine Geisterbahn!
Ja. Die lief dann auch ganz gut. Doch dann kam es zur Scheidung von meiner Frau. Da musste ich die Bahn verkaufen und sagte mir: Jetzt ziehe ich halt noch einmal die Hosen an, die Überhosen. Was ich an Geld verdiente, habe ich gleich in Spielbuden investiert. Bis ins Jahr 2000 hatten wir gute Jahre. Sehr gute. Ich hatte auch immer ein wenig Glück mit den Spielen. Zum Beispiel mit dem Elektronikfotoshooting. An diesem Stand konnte man auf eine Scheibe schiessen, die dann ein Foto mit dem gewonnenen Artikel auslöste. Zwei, drei Jahre lang war das der grosse Hit. Dann plötzlich hat es an Beliebtheit verloren. Da habe ich auf Milchkannen umgesattelt.

Milchkannen?
Ganz einfach: Milchkannen mit einem Loch im Deckel. Wer das Loch mit nur einem Ball trifft, hat freie Auswahl bei den Preisen. Ich habe das bei einem Kollegen abgeschaut. Fragen Sie mich nicht, warum, aber das kam wahnsinnig gut an. Und dann, ein Jahr nach der Expo 2002, machte ich zum ersten Mal eine Fehlinvestition.

Was lief schief?
Ich kaufte mit einem Partner ein Riesenrad. Dann verkrachten wir uns – und ich habe es wieder verkauft. Ich musste schauen, dass ich aus dem ganzen Zeugs rasch wieder rauskomme, sonst wären wir damit das Loch hinunter. Ich hatte danach eigentlich genug von so Riesendingern. Doch vor sieben Jahren habe ich auf Wunsch meiner Tochter für über eine halbe Million doch noch so einen Wellenflieger gekauft, eine Art Kettenkarussell, bei dem es auch noch auf- und abwärts geht. Ich sagte mir: Gut, probieren wirs. Immerhin hatten viele Platzmeister die Jahre zuvor immer wieder geklagt, es fehle ein Wellenflug. Und dann, kaum war er da, bekamen wir die Plätze nicht.

Warum?
Vielleicht wegen meinem Kopf. Der hat vielen nicht gepasst. Ich bin jemand, der sagt, was er denkt. Wir wollten den Wellenflieger dann gleich wieder verkaufen. Doch bis heute haben wir keinen Abnehmer gefunden.

Und jetzt?
Steht er halt immer noch in unserem Lager. 60 000 Franken pro Jahr für nichts. Immerhin haben wir ihn bald abbezahlt. Und so haben wir im letzten Jahr noch einen grossen Wohnwagen gekauft. Wenn wir das damals schon gewusst hätten mit Corona, hätten wir das nicht gemacht. Die Alten von uns, die haben Krieg erlebt. Aber so etwas wie diese Coronakrise, so einen Totalstopp: Das haben auch sie noch nie erlebt. Sechs Monate Arbeitsverbot! Eine Katastrophe.

Peter Howald (66) ist Präsident des Schweizer Schaustellerverbands. Nächste Woche erzählt er, wie sich Corona auf seine Branche auswirkt und wie er die Übergabe des Betriebs an seine Tochter Michèle plant.

Dank Bewilligung der Stadt Zürich steht bis Sonntag, 6., und von Donnerstag, 10., bis Sonntag, 13. September 2020, im Albisgüetli ein kleiner Lunapark. Weitere Informationen: www.schausteller-verband-schweiz.ch.