Nr. 37/2020 vom 10.09.2020

Wer setzt sich in Bern für Ihre Branche ein?

Was heisst es für Schausteller, wenn Fahrgeschäfte und Spielbuden monatelang stillstehen? Peter Howald, Präsident des Schaustellerverbands, erklärt, warum die Branche – nachdem nun auch alle grossen Herbstmessen abgesagt wurden – dringend Hilfe vom Bund braucht.

Von Adrian RiklinMail an Autor:in (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Auf unseren Brief hat sich niemand ernsthaft der Sache angenommen. Ausser Regula Rytz»: Peter Howald mit Tochter Michèle im Lunapark im Zürcher Albisgüetli.

WOZ: Herr Howald, noch bis Sonntag betreiben Sie mit anderen Schaustellern wieder einen kleinen Lunapark. Wie läuft es bisher?
Peter Howald: In der ersten Woche hatten wir Wetterpech. Am Sonntag kübelte es so heftig, dass kein Mensch kam und wir frühzeitig schliessen mussten. Letzte Woche war dann aber viel besser. Und auch für die kommenden Tage sieht es gut aus.

Und sonst?
Weniger. Es ist irgendwie traurig: Alle sind doch als Kind mal Karussell gefahren, auch Bundesräte – und jetzt haben sie uns einfach vergessen. Ein über tausendjähriges Kulturgut! Da werden Familienbetriebe aufs Spiel gesetzt, die seit bis zu sieben Generationen tätig sind. Schon Mitte Juli habe ich als Verbandspräsident gesagt: Wir können nicht länger warten, sonst geht irgendwann jedem der rund 300 Betriebe das Geld aus.

Gab es schon Konkurse?
Ich kenne Schausteller, die aufs Sozialamt müssen. Es sind aber auch viele Lieferanten betroffen, die von Messen und Märkten leben. Ein Magenbrotfabrikant musste Leute entlassen. Es ist absurd: Beim Bundesamt für Gesundheit sagen sie immer: «Ein Jahrmarkt ist per definitionem keine Veranstaltung – und kennt deshalb keine Obergrenze.»

Wo liegt denn das Problem?
Die meisten Gemeinden und Kantone wollen das nicht akzeptieren. Bis jetzt habe ich schon zwei dicke Ordner voll mit Schriftverkehr. Und jetzt sind auch noch alle grossen Herbstmessen abgesagt. Angefangen hat bei uns das Ganze ja schon Ende Februar. Seither steht alles still. Mit wenigen Ausnahmen.

Zum Beispiel?
In Agno. Da sagte der Bürgermeister: Jetzt, wo im Tessin die Fallzahlen stark gesunken sind, wollen wir der Bevölkerung wieder ein wenig Vergnügung ermöglichen. Da war im Juli drei Wochen jeden Tag was los. Und es entstand kein Coronahotspot. Zürich ist auch so eine Ausnahme. Ich muss sagen: Kompliment an den Stadtrat. Kurz nach unserer Anfrage für den Lunapark erhielten wir eine Zusage. Auch die Platzmiete hat uns die Stadt erlassen. Aber das ist verglichen mit den Ausfällen nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein.

Niemand in Bern, der sich für euch einsetzt?
Auf den Brief, den wir im Juli an alle Parlamentarierinnen und Parlamentarier schickten, gab es solche, die sagten: «Oh, davon haben wir gar nichts gewusst.» Anfang August hat sich dann aber Regula Rytz von den Grünen bei uns gemeldet. Sie hat es geschafft, einige unserer Anliegen in der Wirtschaftskommission des Nationalrats durchzubringen. Und nach unserer Grosskundgebung vom 19. August auf dem Bundesplatz haben auch ein paar andere Politiker endlich gemerkt, dass da eine ganze Branche vergessen wurde – und sind nun plötzlich auch auf den Zug aufgesprungen. Jetzt warten wir immer noch auf einen Entscheid des Bundesrats. Wenn da nicht bald etwas kommt, ist es für viele zu spät.

Laut Seco soll der Bundesrat daran sein, über Hilfspakete für diverse Branchen nachzudenken. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass die Regierung entsprechende Vorstösse in der Herbstsession abwartet. Und Mitte September laufen ja auch die Corona-Erwerbsersatzzahlungen für Selbstständige aus.
Wobei auch damit nur die unterstützt wurden, die ein steuerbares Einkommen unter 90 000 Franken ausweisen. Bei mir ist das nicht der Fall. Im Juli, kurz nachdem Bundesrätin Simonetta Sommaruga die Weisung ausgab, auch solche Härtefälle zu berücksichtigen, habe ich mich dann doch auch noch angemeldet.

Und?
Abgelehnt! Dabei wollen wir ja nur die Fixkosten decken. Jetzt habe ich zusammen mit Kollegen aus verschiedenen Kantonen einen Rekurs gemacht. Auch hier: warten, warten, warten. Anderen gibt man Millionen, da wird nicht gross diskutiert. Aber einem Schaustellerbetrieb?

Wie bezahlen Sie jetzt all die Rechnungen?
Vom Ersparten. 17 000 Franken pro Monat allein für Fixkosten – für die Hallenmieten meiner 65 Fahrzeuge, Versicherungen und so weiter. Und dann will ich ja auch die Mitarbeiter weiter anständig bezahlen. Natürlich gibt es da Kurzarbeitsentschädigung. Aber wenn du die Stunden korrekt aufschreibst, kommen da eben weitere Kosten dazu.

Dabei wären Sie jetzt im AHV-Alter.
Ausgerechnet, ja. Vor Corona sagte ich noch: Dieses Jahr noch – und dann übergebe ich den Betrieb der Tochter. In dieser Situation lasse ich sie aber sicher nicht einfach so hängen. Ich möchte ihr den Betrieb in einem guten Zustand übergeben und ihr ein gutes Netzwerk hinterlassen.

Wie läuft das eigentlich so zwischen Vater und Tochter?
Es funktioniert recht gut. Finde ich jedenfalls. Aber fragen Sie meine Tochter. Ich will ihr auf jeden Fall nicht zu viel dreinreden. Wenn sie eine Idee hat, soll sie es machen.

Nächste Woche übergibt Peter Howald (66) das Wort seiner Tochter Michèle Howald.

Der «Lunapark Light» im Albisgüetli, Zürich, ist noch bis am Sonntag, 13. September 2020, offen. Informationen zu bewilligten Jahrmärkten: www.schausteller-verband-schweiz.ch.

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