Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Warum ausgerechnet eine Schiessbude?

Warum Michèle Howald schon als Kind von einer eigenen Schiessbude träumte. Was ihr durch den Kopf geht, wenn sie in ein Magenbrot beisst. Und warum man nicht glauben darf, die Arbeit auf der Chilbi sei ein Zuckerwattejob.

Von Adrian RiklinMail an Autor:in (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Wir spüren Tag für Tag, wie sich die Leute nach ein wenig Chilbi gesehnt haben»: Michèle Howald mit ihrem Vater auf dem Jahrmarkt in Effretikon.

WOZ: Frau Howald, Sie sind in eine Schaustellerfamilie geboren, arbeiten seit vielen Jahren im Familienbetrieb, inzwischen als Mitinhaberin: Hatten Sie nie einen Chilbikoller?
Michèle Howald: Logisch gibt es Tage, wo man denkt: Oh nein, nicht schon wieder. Am Sonntagabend zum Beispiel, wenn du müde bist vom ganzen Wochenende und weisst, jetzt musst du alles wieder zusammenräumen. Und es regnet in Strömen. Viele Leute meinen ja, wir würden nur am Wochenende arbeiten.

Wie bekommen Sie das zu spüren?
Von Bekannten zum Beispiel, die mal an einem Wochenende aushelfen kommen, höre ich immer mal wieder: «Ist doch lässig, ein bisschen Chilbi und so.» Es ist halt so, dass sich nur wenige vorstellen können, wie viel hinter dem Ganzen steckt. Nur schon die Wartungen der Fahrgeschäfte! Alles zusammen haben wir 65 Anhänger. Allein für meinen Wellenflieger zum Beispiel braucht es einen Zehntonnenanhänger. Unsere Arbeit wird eher unterschätzt.

Als wärs ein Zuckerwattejob?
Ja, und am Sonntagabend heisst es dann plötzlich: «Ist ja schon noch cool – aber so anstrengend, das hätten wir nicht gedacht.» Für mich gehört das zum Job. Und ich wollte schon als Kind immer nur Schaustellerin werden. Mein Traum war immer eine eigene Schiessbude.

Warum ausgerechnet eine Schiessbude?
Es hat mich einfach fasziniert. Der Umgang an einer Schiessbude ist anders als an einem Imbissstand. Dort kaufen die Leute ihr Zeugs und gehen wieder weiter. An einem Schiessstand aber hast du viel mehr Leben. Da geht etwas ab. Auch gibt es immer wieder amüsante Szenen. Wenn ganze Gruppen zum Wettschiessen kommen. Oder das Spiel der jungen Pärchen, wenn der Junge cool an der Theke lehnt und seiner Flamme nachher eine Rose schenkt.

Und wann hat sich Ihr Traum von der Schiessbude erfüllt?
Es dauerte eine Weile. Meine Mutter sagte immer: «Egal in was für einem Beruf du später arbeitest – eine Lehre musst du machen.» So habe ich zuerst eine Verkäuferinnenlehre in einem Lebensmittelgeschäft gemacht. Direkt nach der Lehre habe ich mir dann aber als Erstes meine Schiessbude gekauft und mich selbstständig gemacht. Die nächsten Jahre war ich gleichzeitig bei meinem Vater angestellt.

Diesen Monat waren Sie erstmals seit langem wieder auf zwei kleinen Jahrmärkten. Wie hat sich das angefühlt?
In Effretikon bin ich zwar nur mit einem Confiteriestand beteiligt. Und ausser einem Riesenrad hat es keine weiteren Fahrgeschäfte. Aber wir spüren Tag für Tag, wie sich die Leute nach ein wenig Chilbi gesehnt haben. Da ist mir wieder einmal bewusst geworden, wie gross das Bedürfnis ist.

Wie hat sich das gezeigt?
Ich höre das von den Leuten, die bei uns Magenbrot kaufen. Da gibt es solche, die kommen jeden Tag. Gestern sagte ein älteres Paar: «Wissen Sie, wir konnten gefühlt seit Ewigkeiten kein Magenbrot mehr essen. Und eines aus dem Coop ist halt nicht dasselbe.» Magenbrot und Chilbi – das gehört einfach zusammen. Ich habe das an mir selber gemerkt: Als ich in Effretikon nach langem wieder mal in ein Magenbrot biss, war die Welt für einen kurzen Moment wieder in Ordnung. Vor Corona war das normal, da ass ich jedes Wochenende Magenbrot. Jetzt, wo es nicht mehr so selbstverständlich ist, schätzt man das umso mehr.

Spüren Sie in dieser Zeit auch mehr Solidarität aus der Bevölkerung?
Und wie! Wir haben noch nie so viel Trinkgeld gemacht wie in diesen Tagen. Alle sagen: «Ist schon gut. Sie bekommen ja bis jetzt überhaupt keine Unterstützung, und wir finden das super, dass Sie wenigstens im kleinen Rahmen etwas machen.» Und noch etwas ist mir aufgefallen.

Was denn?
Der Jahrmarkt in Effretikon ist ganz in der Nähe eines Altersheims. Von dort sind jeden Tag immer wieder Leute zu uns gekommen, zum Teil mehrmals täglich – die einen mit dem Rollstuhl, andere mit dem Rollator. Die fahren dann eine Runde auf dem Riesenrad, essen Mandeln und haben plötzlich diese Kinderaugen. Das allein zeigt doch, was für eine Bedeutung der Jahrmarkt für unsere Gesellschaft hat. Jetzt hoffen wir, dass das endlich auch die Politik anerkennt.

Diese Woche soll das Parlament in Bern nochmals über ein Hilfspaket beraten. Denkt man in solch unsicheren Zeiten auch an neue Geschäftsideen?
Um in neue Fahrgeschäfte zu investieren, ist jetzt sicher nicht der richtige Moment. Wir spielen aber mit dem Gedanken, neben dem Chilbigeschäft noch etwas anderes aufzubauen.

Was denn?
Das sagen wir, wenn es so weit ist. Wir haben auf jeden Fall eine Idee. Mal schauen.

Michèle Howald (37) ist seit zwei Jahren zusammen mit ihrem Vater Peter Howald Inhaberin der Howald Imbiss & Vergnügungsbetriebe AG. Die nächsten drei Wochenenden ist sie an der Chilbi in Wetzikon stationiert. Informationen zu bewilligten Jahrmärkten: www.schausteller-verband-schweiz.ch.

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