Nr. 37/2020 vom 10.09.2020

Modisch gegen die Fundis

Von Caroline Baur

Auf der Taxifahrt zum verbotenen Club lassen Nedjma (Lyna Khoudri) und Wassila (Shirine Boutella) ihre Kaugummis knallen, werfen sich in heisse Outfits und machen sich über den gestressten Fahrer lustig – dann geraten sie in eine bewaffnete Kontrolle eiskalter Islamisten. Die Eingangsszene von «Papicha» verrät schon viel über die Stärken und Schwächen des ersten Spielfilms der algerischen Regisseurin Mounia Meddour. Er ist lebhaft, atemlos, zärtlich und stark besetzt. Leider aber auch etwas plakativ erzählt. Aufmüpfige, hübsche Frauen – «Papichas», wie man in algerischem Dialekt sagt – stehen den zunehmend gewalttätigen Fundamentalisten und Hidschabträgerinnen gegenüber. Wie sich jedoch ein gesellschaftliches Klima so schnell verändern kann, geht im energetischen Drama unter.

Wir befinden uns im «Schwarzen Jahrzehnt» des algerischen Bürgerkriegs der neunziger Jahre, der 150 000 Tote forderte. Mit dem Aufstieg islamistischer Kräfte wird auch der Frauenkörper zur umkämpften Zone. Die junge Nedjma, Französischstudentin und talentierte Modedesignerin, will sich den Veränderungen im Land nicht beugen und plant eine Modeschau mit Freundinnen: Freiheit heisst, sich selbstbestimmt zu kleiden. Dass dieses Narrativ nicht nur ein antimuslimisches Ressentiment in feministischem Gewand ist, sondern tatsächlich ein Bedürfnis der Frauen jener Generation war, kauft man der Regisseurin ab.

Die Gewalt, die die jungen Frauen umgibt, ist dagegen so aufgeladen dargestellt, dass man sich fragt, ob die Regisseurin die Verhältnisse nicht unnötig zuspitzt. Das Gefühl, suggestiv beeinflusst zu werden, rührt auch von einigen Schwachstellen im Plot: etwa wenn die einzige Schleierträgerin im Freundeskreis allzu schnell ihre draufgängerische Seite zeigt oder beim liberalen Architekturstudenten nach kurzer Beziehung mit Nedjma konservative Vorstellungen plötzlich ganz unverrückbar zutage treten. Gleichwohl ist «Papicha» dank der Protagonistinnen ein mitreissender Film, der viel über Sprache und Eigenheiten der algerischen Gesellschaft erzählt.

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