Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Der Antiquar zerbröselt

«Die rechtschaffenen Mörder» von Ingo Schulze beginnt wie ein Wenderoman, wird jedoch zu einer irritierenden Geschichte über die Unmöglichkeit, politische Konflikte literarisch zu erklären.

Von Raul Zelik

1923 veröffentlichte Joseph Roth einen Fortsetzungsroman, der gewissermassen vorwegnahm, womit sich die Faschismusforschung danach jahrzehntelang beschäftigen sollte: «Das Spinnennetz» erzählt die Geschichte eines von Minderwertigkeitskomplexen geplagten deutschen Kriegsheimkehrers, der sich einem rechtsradikalen Geheimbund anschliesst, um Arbeiterorganisationen und SozialistInnen zu bekämpfen. Dabei wird das Bild eines frauenverachtenden, autoritätshörigen Karrieristen gezeichnet, der nach oben buckelt und nach unten tritt.

Aus der Bahn geworfen

In seinem neusten Roman, «Die rechtschaffenen Mörder», der für den Leipziger Buchpreis nominiert war, scheint der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze ein ähnliches Vorhaben zu verfolgen – zumindest glaubt man das als LeserIn eine ganze Weile. Erzählt wird die Geschichte des Antiquars Norbert Paulini, der von einer grenzenlosen Liebe zur Literatur angetrieben wird, sich in der DDR ganz dieser Leidenschaft hingeben kann, durch die Wende 1989 aber aus der Bahn geworfen wird und sich nach zahlreichen Demütigungen nach rechts bewegt. Schulzes Roman bezieht sich ausdrücklich auf Joseph Roth – allerdings nicht auf «Das Spinnennetz», sondern auf die 1938 veröffentlichte Erzählung «Der Leviathan», in der es um einen jüdischen Korallenhändler geht, der, durch das Böse verführt, seine Ideale verrät.

Der Erzählton von «Die rechtschaffenen Mörder» nimmt sich Joseph Roth ausdrücklich zum Vorbild, und so beginnt Schulzes Roman wie eine Märchenstunde: «Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.»

Über einige Kapitel wird dieser gestelzte Tonfall beibehalten. Bevor man dem Antiquar das erste Mal begegnet, lernt man erst einmal die eiserne Gartentür, den brüchigen Klingelknopf, das Knacken der Haustür, die Sandsteinstufen des Treppenhauses und eine aluminiumhelle Klingel kennen – erst dann ertönt der erste, leicht gespreizte Wortwechsel mit Paulini, der Hauptfigur des Romans.

Mit diesem Auftakt, der so gar nicht zu dem Ingo Schulze passt, den man aus früheren Büchern kennt, sollen die literaturaffinen LeserInnen offensichtlich um den Finger gewickelt werden. Der Antiquar Paulini wird als sensibel-gebildeter Mann etabliert, der ein wenig über den Verhältnissen schwebt. Doch schon bald löst sich «Die rechtschaffenen Mörder» von diesem Erzählton und verwandelt sich in einen Wenderoman, der davon berichtet, wie jemand unter die Räder gerät.

Der Zusammenbruch der DDR, deren Existenz Paulini wenig interessiert hat, lässt die Kundschaft wegbrechen. Das Haus, in dem sich das Antiquariat befindet, wird Eigentümern aus dem Westen übertragen. Paulinis Ehefrau entpuppt sich als Stasi-Informantin, die über Jahre hinweg die Kundschaft ihres Mannes bespitzelt hat, und schliesslich steht Paulini als Prototyp des Wendeverlierers da. Obwohl er mit der DDR wenig am Hut hatte, muss er für ihren Zusammenbruch bezahlen. Im Unterschied zu seiner Frau, die im neuen System schnell wieder Fuss fasst, wird der Antiquar von den ehemaligen KundInnen geschnitten, verliert sein Geschäft und muss sich schliesslich als Nachtportier über Wasser halten. Eine neue Frau taucht auf, spielt ihm aber erneut übel mit: Sie täuscht ihm eine falsche Identität vor und verschwindet spurlos.

Bis zu diesem Zeitpunkt könnte man meinen, der Roman verhandle die Entwertung von DDR-Biografien, die im Westen so häufig ignoriert wird, aber einen wesentlichen Bestandteil der Post-1989-Identität im Osten Deutschlands ausmacht. Dass Paulini zunehmend mit jenen rechtsradikalen Positionen sympathisiert, für die die Pegida-Stadt Dresden berühmt geworden ist, scheint sich genau daraus abzuleiten, wird aber nicht weiter auserzählt. Denn plötzlich, nach zwei Dritteln des Romans, bricht die Geschichte ab und nimmt eine völlig unerwartete Wendung.

Was kann Literatur?

Jetzt geht es – so viel darf verraten werden – nicht mehr um die relativ vorhersehbare Radikalisierung eines deklassierten deutschen Bildungsbürgers, sondern darum, wer mit welchem Recht und welcher Macht über andere spricht. Je weiter sich der Roman fortentwickelt, desto undeutlicher wird, wer die Person Paulini eigentlich ist. Das, was man über das Sujet und die Figuren des Buchs zu wissen glaubt, zerbröselt einem förmlich zwischen den Fingern. Auf einmal steckt man in einem fast schon diskurstheoretisch angeordneten Text über die Sprecherposition von Schreibenden.

Ingo Schulze hat in «Die rechtschaffenen Mörder» etwas Eigenartiges getan: Aus einem Wenderoman wird eine irritierende Geschichte über die Unmöglichkeit, politische Konflikte literarisch zu erklären oder gar zu bearbeiten. Ob das so stimmt oder in dieser Allgemeinheit von Ingo Schulze überhaupt vertreten wird, sei dahingestellt. Fest steht, dass sein Roman uns auffordert, das, was wir über Literatur und ihre Funktion zu wissen meinen, grundsätzlich infrage zu stellen.

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