Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Trotz Funk auch traurig

Von David Hunziker

Manchmal ist ihrem neuen Album kaum mehr anzuhören, dass Alois eine fünfköpfige Band sind, die analoge Instrumente spielen. In «German Oak» etwa hören wir eine ganze Horde von Synthesizern: Einer pulsiert in der Tiefe oder grätscht dramatisch in den Raum, einer fährt spitz zwischen den Beat und beschleunigt ihn, einer zieht in melodischen Schlieren über klare Konturen oder trägt wie Fanfaren den hymnischen Refrain. Die Songs sind nicht so gradlinig auf Tanz gedreht wie Disco, verträumter auch im Temperament – doch man registriert bei ihnen meistens zuerst die Bassline.

Das war nicht immer so bei Alois. Ihr erstes Album «Mints» von 2017 bewegte sich am ehesten im Dreampop und öffnete ein faszinierendes kleines Universum von fein arrangierten Sounds, die über Jahre ausgetüftelt und angesammelt wurden. Doch auch wenn das Ohr oder der Körper auf «Azul» meist stärker in eine Richtung gelenkt wird, ist der erfinderische Geist von Alois geblieben – in den elegant arrangierten Grooves, die Sänger und Komponist Martin Schenker zunächst am Computer programmierte und die die Band dann mit Instrumentalspuren anreicherte.

Schenkers zarter, schwermütiger Gesang ist zwar oft neuralgisch platziert wie in einem Popsong, doch sind es hier die repetitiven Rhythmen, die führen. Darum geht es auch ohne Gesang, «Bounty» etwa ist mehrheitlich ein sphärischer Instrumentaltrack, «The Name of the Game» gar nur Ambient. Und «El Cielo Azul» besteht aus kaum mehr als einem blubbernden, mit karibisch klingenden Sounds verzierten Groove. Wenn solche Sounds in «After Life» wie ein Zuckerguss über gedämpfte Drums und Bass schmieren, klingt das trotz allem Funk auch ziemlich traurig.

Auch dass die Produktion von «Azul» zuweilen in einem digitalen Sinn sauber klingt, trägt wohl zur melancholischen Atmosphäre bei. Dass Alois nun wieder live spielen, woran beim Erscheinen von «Azul» im Juni nicht zu denken war, ist dennoch erfreulich. Alois verzichten live nämlich auf Computer und werden alle digitalen Sounds von Hand interpretieren.

Live: Zug, Galvanik, 24. September 2020; Schaffhausen, TapTab Musikraum, 9. Oktober 2020; Baden, Royal, 10. Oktober 2020; Basel, Humbug, 30. Oktober 2020.

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