Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Die illusorische Selbstermächtigung

Der Grund für die Popularität von Verschwörungstheorien liegt nicht nur in der Psyche der Menschen, sondern auch in einer kranken Demokratie. Ein Erklärungsversuch.

Von Yves WegelinMail an AutorIn (Text) und Luca Schenardi (Illustration)

Wenn Leute zu glauben beginnen, dass 5G-Antennen das Coronavirus verbreiten oder die Welt von einem Pädophilenkartell regiert wird, das nur US-Präsident Donald Trump stoppen kann (QAnon), wird die Ursache dafür fast immer in der Psyche dieser Menschen gesucht. Wenn jedoch auf einmal wie jetzt Zehntausende solche Fantasien auf den Strassen von Zürich, Berlin oder verschiedenen US-Staaten skandieren, dann muss die Ursache auch in der Gesellschaft liegen.

Ein wichtiger Grund für die Proteste ist die Eroberung der Welt durch die Idee der Selbstbestimmung – von der Reformation über die Französische Revolution und die antikolonialen Revolten bis hin zu den Protesten, die die Welt seit der Finanzkrise 2008 ergriffen haben. Noch nie betrachteten es so viele Menschen als ihr selbstverständliches Recht, über ihr Leben bestimmen zu können. Das ist die durchaus erfreuliche Seite an den Coronaprotesten.

Marktkonforme Freiheit

Gleichzeitig stossen viele Menschen mit diesem Anspruch an die Grenzen eines immer raueren, globalisierten Marktes: Während HochschulabgängerInnen darauf hoffen können, gut zu verdienen und im Job durchaus ihre Erfüllung zu finden, bleibt vielen anderen nicht viel Raum für individuelle Selbstbestimmung. Ihr ökonomischer «Wert» auf dem Arbeitsmarkt entscheidet über nahezu alles in ihrem Leben: über ihren Job, ihr Einkommen – ihren Platz in der Gesellschaft. Für einen sechzigjährigen Lageristen beschränkt sich die Selbstbestimmung auf den Entscheid, wie schnell er strampeln will, um seinen sozialen Platz zu verteidigen.

Trotz des Demokratieversprechens westlicher Länder setzt der globalisierte Markt auch der kollektiven Selbstbestimmung immer engere Grenzen. Demokratische Regierungen sehen sich gezwungen, die Konzerne mit tiefen Steuern, flexiblen Arbeitsmärkten und einem limitierten Sozialstaat zu hofieren, sonst ziehen diese weiter. Demokratien müssten «marktkonform» sein, sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel vor ein paar Jahren. Spätestens in den neunziger Jahren folgte auch eine weltanschauliche Alternativlosigkeit: Nach dem Kollaps der Sowjetunion sagte sich die Sozialdemokratie von Alternativen zum zunehmend entfesselten Kapitalismus los und schwenkte auf den Kurs ein, den die US-Soziologin Nancy Fraser als «progressiven Neoliberalismus» bezeichnet: Die SozialdemokratInnen grenzten sich von der Rechten durch eine gesellschaftspolitisch fortschrittliche Politik ab, folgten nun jedoch weitgehend ihrer Wirtschaftsdoktrin.

Der Anspruch der Menschen auf Selbstbestimmung, der an der Realität zerbricht, entlädt sich auf der einen Seite seit Jahren in zunehmenden Protesten gegen soziale Ungleichheit, steigende Mieten, die Klimaerhitzung, Rassismus und für Gleichberechtigung. Damit kommen die progressiven Alternativen erneut aufs politische Parkett. Auf der anderen Seite formiert sich – verankert im Kleinbürgertum – der rechtspopulistische Protest, wo auch die VerschwörungstheoretikerInnen ihre Heimat finden. Auf den Coronaprotesten reihen sich Reichsflaggen neben QAnon-Plakaten.

Nicht dass die Linke vor Verschwörungstheorien gefeit wäre, doch diese sind seit jeher stärker in der Rechten verankert. Der italienische Schriftsteller Umberto Eco hat «die Obsession einer Verschwörung» als eine Kernidee des Faschismus bezeichnet. Wie die «Protokolle der Weisen von Zion», die seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine jüdische Weltverschwörung behaupten, sind viele Verschwörungstheorien xenophob und antisemitisch, was sie mit der äusseren Rechten kompatibel macht. Hinzu kommt die geteilte Abneigung gegenüber dem Rationalismus, die sich in ihrer Ablehnung der Wissenschaft zeigt.

Der Macht ein Gesicht geben

Vom berechtigten Gefühl der Ohnmacht und der Austauschbarkeit der Regierungen ist es ein kurzer Weg zur Vorstellung, dass da eine Verschwörung am Werk ist. Umso mehr als im «Neuen Geist des Kapitalismus» die Macht immer weniger sichtbar ist, wie die französischen SoziologInnen Ève Chiapello und Luc Boltanski argumentieren: Schien sie einst klar in der Hand des Patrons und der Regierung, erfolgen Kündigungen und Arbeitsmarktreformen heute im Namen des Standortwettbewerbs, einer Art Naturgesetz. Mit ihrer Behauptung, die Welt würde von US-Mäzen Bill Gates, dem Kinderhilfswerk Unicef oder dem «deep state» gesteuert, geben Verschwörungstheorien der global verstreuten Macht ein Gesicht zurück.

Sie machen nicht nur die angebliche Macht wieder sichtbar, sondern ihre angeblichen Unterdrückungsinstrumente: der Missbrauch von Kindern, das absichtlich gestreute Coronavirus oder die staatlich verordnete Maske, an der sich entsprechend viel Empörung entzündet. Mit den simplen Geschichten scheint die Ohnmacht auf einmal wieder überwindbar, man braucht sich nur die Maske vom Gesicht zu reissen – eine illusorische Selbstermächtigung.

«Die grosse Transformation»

Ein dritter Grund für die Verbreitung von Verschwörungstheorien ist – neben der Ohnmacht und der zunehmenden Unsichtbarkeit von Macht – die Abkehr vieler Linker von progressiven Alternativen in den neunziger Jahren. Sie haben ein weltanschauliches Vakuum hinterlassen: Wenn zum dominierenden Gesellschaftssystem, das zum «Ende der Geschichte» proklamiert wurde, die rationale Kritik, die gesellschaftlichen Alternativen und die entsprechenden Debatten wegfallen, dann öffnet das die Tür für antirationalistische Alternativen: vom Rechtspopulismus über den Islamismus bis hin zu Verschwörungstheorien.

Schliesslich liegt ein vierter Grund in der Zersetzung der Gesellschaft durch den entgrenzten Markt, die der ungarisch-österreichische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi als «die grosse Transformation» bezeichnet hat und die auch den Raum der demokratischen Debatte pulverisiert. Das gilt besonders für öffentliche Radio- und Fernsehsender, die die demokratische Debatte garantieren sollen und seit Jahren immer stärker von Privaten konkurrenziert werden, die den Journalismus zunehmend dem Profit unterordnen. Hinzu kommt die Konkurrenz durch Digitalkonzerne wie Youtube, wo Algorithmen dafür sorgen, dass immer sensationellere Geschichten präsentiert werden, darunter Verschwörungstheorien. Der öffentliche Raum wird in «Bubbles» privatisiert, die sich von rationalen Argumentationen lossagen.

Es braucht mehr Demokratie

Der Kampf gegen Verschwörungstheorien führt über mehr Demokratie. Einerseits braucht es Antworten auf die grosse Frage, wie der entgrenzte Kapitalismus unter demokratische Kontrolle gebracht werden kann. Andererseits braucht es Wege, um die rationale Debatte zu stärken. Wie die SozialwissenschaftlerInnen der London School of Economics Erica Lagalisse und Bradley Franks unlängst argumentierten, liefern Verschwörungstheorien Interpretationen einer undurchsichtigen Welt. Einiges an ihnen ist sogar wahr: Konzerne und PolitikerInnen haben viel Macht und sind auch von Eigeninteressen getrieben. Zudem greift jede Weltsicht auf Annahmen und Vereinfachungen zurück. Die Verschwörungstheorie beginnt mit der Vorstellung der Allmacht von Personen; eine Vorstellung, die zudem auf Belege verzichtet.

Um Verschwörungstheorien den Boden zu entreissen, sind also mehr rationale Debatten nötig, anhand von Belegen, Argumenten und Wertvorstellungen. Auch im Kleinen: Neben dem Fortschritt, den Impfungen bringen, stecken tatsächlich auch Profit- und politische Interessen dahinter, die die Gefahr bergen, dass gesundheitliche Risiken zu wenig Beachtung erhalten. Je weniger rationale Diskussionen darüber geführt werden, desto mehr Leute werden sich in Geschichten über allmächtige Männer verlieren, die aus Selbstsucht die Weltbevölkerung zum Impfen zwingen wollen.

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