Nr. 39/2020 vom 24.09.2020

«Wie in einem Zustand der Schwerelosigkeit»

Er hat die Misshandlungen im Al-Khatib-Gefängnis in Damaskus überlebt, nun sah Wassim Mukdad seinen mutmasslichen Folterer im Gerichtssaal wieder. Ein Gespräch über Angst, Würde und Verantwortung – und über die Kraft der Musik.

Interview: Sabine am Orde

«Im Gefängnis wussten sie genau, wie sie maximalen Schmerz verursachen können»: Wassim Mukdad. Foto: Bernd Hartung

WOZ: Herr Mukdad, Sie haben in Koblenz jüngst beim Prozess gegen Mitarbeiter des syrischen Geheimdiensts ausgesagt, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht stehen. Wie geht es Ihnen?
Wassim Mukdad: Mir geht es richtig gut, ich fühle mich erleichtert.

Anwar R., der Hauptangeklagte, soll für die Folter von mindestens 4000 Menschen in Syrien mitverantwortlich sein, einige sind an den Folgen gestorben. Sie gehören zu den Überlebenden. Wie kamen Sie nach al-Khatib – in das berüchtigte Gefängnis in Damaskus, das Anwar R. unterstellt war?
Ich war am 30. September 2011 mit zwei Freunden in Duma in der Nähe von Damaskus auf der Suche nach einer Demonstration. Die gab es dort jeden Freitag. Aber an diesem Tag waren Hunderte, wenn nicht Tausende Sicherheitsleute auf der Strasse, um Proteste zu verhindern. Dann hat man uns festgenommen, nur weil wir auf der Strasse waren. Uns wurden die T-Shirts über den Kopf gezogen, wir wurden getreten und geschlagen, mir wurde mit einem Gewehr eine Rippe gebrochen. Im Bus, der uns ins Gefängnis bringen sollte, hat man uns die Haare angezündet und dann das Feuer ausgepinkelt. So kam ich in al-Khatib an.

Was hat man Ihnen vorgeworfen?
Es gab gar keine Vorwürfe. Plötzlich hast du keine Rechte mehr. Ich war fünf Tage in al-Khatib, dann wurde ich in ein anderes Gefängnis gebracht. Nach siebzehn Tagen wurde ich freigelassen.

Was genau ist in al-Khatib passiert?
Die Zellen waren sehr klein, wir waren mit rund zehn Personen in einem Raum, der vielleicht sechs Quadratmeter gross war. Wir konnten nicht alle gleichzeitig schlafen, weil es nicht genug Platz gab. Wir bekamen auch nicht ausreichend zu essen: Manchmal gab es nur eine Kartoffel und ein Stück Brot oder ein paar Oliven. Im zweiten Gefängnis war es dann noch viel schlimmer. Ich musste mehrere Nächte lang stehen. In den siebzehn Tagen dort habe ich siebzehn Kilo abgenommen. Medizinische Versorgung gab es nicht. Ich hatte ja die gebrochene Rippe und später eine Augenentzündung, das wurde ignoriert.

Was passierte bei den Vernehmungen?
In al-Khatib wurde ich dreimal vernommen. Ich musste mich jeweils mit verbundenen Augen auf den Bauch legen und die Knie anwinkeln. Wenn dem Verhörer die Antworten nicht gefielen, habe ich Schläge auf die Fusssohlen erhalten, auch auf die Fersen und die Unter- und die Oberschenkel. Ich glaube, mit einem Kabel und einem Plastikschlauch. Sie wussten genau, wie sie maximalen Schmerz verursachen können. Ich habe versucht, meine Aussage zu variieren oder Dinge zu berichten, die schon bekannt waren. Aber das war schwierig.

Wusste Ihre Familie, wussten Ihre Freunde denn, wo Sie sind?
Nein, das wusste keiner, wir durften die ganze Zeit keinen Kontakt zur Aussenwelt haben. Ich selbst wusste erst auch nicht, wo ich war. Es war wie in einem Zustand der Schwerelosigkeit. Niemand wusste, was passiert. Vielleicht werde ich morgen freigelassen, vielleicht sterbe ich.

Was haben Sie befürchtet, was Ihnen passieren könnte?
Leider alles Mögliche. Es gibt ja Berichte von sexueller Gewalt, viele Leute wurden ermordet. Das hätte mir auch passieren können. Ausserdem hatte ich Angst um meine Hände.

Warum?
Ich bin Musiker, aber das habe ich die ganze Zeit nicht gesagt, sondern nur von meinem Medizinstudium gesprochen, damit sie nicht extra auf meine Hände schlagen. Ich dachte: Sollen sie mir die Füsse zerschlagen. Aber nicht die Hände, dann kann ich keine Musik mehr machen. Bei den Verhören habe ich meine Hände unter die Brust gelegt. Erst, um meine Rippen zu schützen, dann, um meine Hände vor den Schlägen zu verstecken.

Warum wurden Sie misshandelt?
Das war systematische Folter, andere Inhaftierte haben Ähnliches erlebt. Ich glaube, dass es um Bestrafung ging, weil wir uns getraut haben, etwas gegen Baschar al-Assad zu sagen. Das Regime hat auf die Proteste für Freiheit, Demokratie, Pluralismus und Zivilgesellschaft gleich mit grosser Gewalt reagiert. Das sollte Angst verursachen und das Land unter Kontrolle halten.

Leiden Sie noch an diesen Erlebnissen – körperlich, psychisch?
Meine kaputten Rippen sind die einzige körperliche Nachwirkung. Aber psychisch, ja. Das ist eine schlechte Erfahrung. Und es ist ja mehrmals passiert. Ich wurde insgesamt dreimal vom Regime inhaftiert, und einmal hat mich die Al-Nusra-Miliz gekidnappt. Deshalb habe ich Syrien 2014 verlassen.

Sie sind Musiker, spielen die arabische Laute Oud, haben in Deutschland etwa für das Gorki-Theater oder die Komische Oper in Berlin gearbeitet. Was bedeutet Ihre Erfahrung in al-Khatib für Ihre Arbeit?
Musik benutzt Dissonanz und Konsonanz als Ausdrucksmittel. Ich glaube, dass diese schwierigen Erfahrungen in die Dissonanzen mit einfliessen, wenn ich sie spiele. Aber glücklicherweise gibt es nicht nur das. Zuletzt habe ich etwa an einem Stück gearbeitet, das auch das Thema Folter aufnimmt.

Worum geht es da?
Das Stück heisst «Reich des Todes» und wird zurzeit am Hamburger Schauspielhaus aufgeführt. Es geht um den Krieg der USA im Irak und Folterfälle im Gefängnis Abu Ghraib. Ich bin Teil des fünfköpfigen Musikerensembles. Ich freue mich, meine Erfahrungen nicht nur in diesem Prozess aufzuarbeiten, sondern auch künstlerisch. Nur juristisch wäre vielleicht zu hart für mich. Musik war immer Teil meiner Selbstheilung. Dass ich das mit Hilfe anderer auf die Bühne bringen kann, hilft mir selbst, diese Wunden zu heilen. Und dass ich anderen davon erzählen kann, hilft auch. Folter darf nicht akzeptiert werden. Das sagen wir vor Gericht und auch auf der Bühne.

Im Gerichtssaal sass der Hauptangeklagte Anwar R. bei Ihrer Aussage schräg hinter Ihnen. Wie ist das, ihn heute so zu sehen?
Ich weiss nicht, ob er mein Vernehmer war, ich konnte ihn damals ja nicht sehen. Vor Gericht haben sich unsere Blicke gekreuzt; ich habe ihn gegrüsst. Ich habe ja keinen Hass auf ihn, aber ich habe Rechte. Er hat gegen meine Menschenrechte verstossen, und deshalb bin ich nun Nebenkläger. Er ist ein Täter, und dafür soll er bestraft werden. Zum ersten Mal habe ich ihn bei der Prozesseröffnung im April gesehen, das war nicht leicht. Zum ersten Mal hatte die Gewalt, die mir angetan wurde, eine Verkörperung.

Warum ist Ihnen dieser Prozess so wichtig?
Es ist ein Pilotprozess, ein erster Schritt auf einem langen Weg zur Gerechtigkeit für Opfer, Verstorbene, für die, die schon entlassen wurden, und die, die immer noch im Gefängnis sind. Es ist ein Prozess, der diesen Menschen ihre Würde zurückgeben soll.

Im Prozess wird immer wieder deutlich, dass Zeugen Angst haben – um sich selbst, um ihre Familie in Syrien. Haben Sie keine Angst?
Ja, auch ich mache mir Sorgen. Aber dieser Prozess ist mir wichtiger, er ist ein Signal. So viele haben Angst, von ihren Erfahrungen zu berichten. Ich muss auch ihre Stimme sein.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie ausgesagt haben?
Das war Zufall. Ich war beim Grillieren im Görlitzer Park in Kreuzberg. Und da war auch eine Frau aus Syrien, die ich damals nicht kannte. Sie erzählte mir, dass sie beim ECCHR arbeitet, dem European Center for Constitutional and Human Rights. Und dass sie an mehreren rechtlichen Interventionen gegen Folter in Syrien dran ist, die grösste betreffe al-Khatib. Ich sagte: «Ich war 2011 in al-Khatib.» Als sie fragte, ob ich aussagen würde, sagte ich sofort Ja.

In seiner Einlassung, die Anwar R. verlesen liess, bestreitet er alle Anklagepunkte. Folter habe es in seinem Bereich nicht gegeben, und ohnehin sei er entmachtet worden. Wie war es für Sie, als Sie das gehört haben?
Ich habe davon erst später erfahren, vor meiner Aussage bin ich von meinen Anwälten nur sehr grob über das Verfahren informiert worden, damit ich nicht beeinflusst werde. Erst nach meiner Aussage haben sie mir das erzählt. Und ich muss sagen: Sein Präsident Baschar al-Assad hat das Gleiche gesagt – dass es keine Folter gibt. Aber sie lügen.

Anwar R. hat dem Assad-Regime lange gedient, ist dann aber desertiert und hat mit der Opposition zusammengearbeitet. Beeinflusst das Ihren Blick auf ihn?
Kaum. Wenn man ein Verbrechen begeht, muss man dafür bezahlen. Egal was danach passiert. Das löscht ja nicht die Verantwortung und die Schuld.

Wäre er nicht desertiert und geflohen, stünde er wohl heute nicht in Deutschland vor Gericht.
Das könnte sein, und das ist problematisch. Aber Russland und China blockieren alle anderen Möglichkeiten im Uno-Weltsicherheitsrat. Deshalb ist der Prozess hier notwendig und richtig. Es ist, wie gesagt, das erste, aber hoffentlich nicht das letzte Verfahren. Das ist mir sehr, sehr wichtig. Wir reden ja nicht nur über die Vergangenheit. Während wir hier reden, werden in Syrien Menschen gefoltert. Jetzt, in diesem Moment.

Sie flohen 2014 aus Syrien und sind über die Türkei und Griechenland nach Deutschland gekommen. Es ist nicht Ihr erster Aufenthalt in Deutschland.
Das stimmt, ich bin in Leipzig geboren, mein Vater hat hier seinen Doktor in Landwirtschaft gemacht. Elf Monate vor dem Mauerfall sind meine Eltern mit mir und meinem Bruder zurück nach Syrien geflogen. Ich bin als Flüchtling in mein Geburtsland zurückgekehrt.

Wünschen Sie sich, irgendwann nach Syrien zurückzukehren?
Ja, das ist ein Wunsch. Aber dafür müsste die Diktatur verschwinden, auf jeden Fall. Und es müsste eine Möglichkeit für die Gesellschaft geben, sich auszudrücken. Auch ich als Künstler brauche einen Freiheitsraum, in dem ich mich bewegen kann. Wenn es den nicht gibt, habe ich dort keinen Platz.

Dieses Interview ist zuerst in der «taz» erschienen.

Artikel zum Thema: «Der Prozess: Ein Regime auf der Anklagebank»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch